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Sie wollen endlich Europa erobern

Nach mehreren bitteren Niederlagen in den letzten Jahren strebt Juventus Turin nur den Titelgewinn in der Champions League an.

Massimiliano Allegri ist vor dem Spiel gut gelaunt – bis zur Ronaldo-Frage. Video: Fabian Sanginés

In Italien existiert ein schmuckes Sprichwort über Juventus Turin: «Die Juve springt nie höher als unbedingt notwendig.» Ein 1:0 genügt. Basta! Selbstverständlich ist das überzeichnet, aber den Ruf des Minimalisten hat sich der Verein über all die Jahrzehnte konsequent erarbeitet. Kühl, chirurgisch präzis, selten attraktiv, funktioniert der erfolgreichste italienische Fussballclub oft wie eine gut geschmierte Maschine.

Am Samstag, beim 3:1 im Spitzenkampf gegen Napoli, ist das anders. Leidenschaftlich wehrt sich Juventus nach Stotterstart und frühem Rückstand gegen die erste Saisonniederlage, angeführt von Cristiano Ronaldo, der mit einem 1:0 nie zufrieden ist und drei Assists zum Sieg liefert. Auf den steilen Rängen im engen Juventus-Stadion, 2011 erbaut, ist es stimmungsvoll, die Juve ist die Nummer 1 auf der Liste der meistgeliebten und der meistgehassten Vereine des Landes. Es ist das Schicksal der Primusse im Sport, Bayern München geht es in Deutschland nicht anders. «Eine Saison ohne Titel», hat der legendäre Goalie Gianluigi Buffon mal gesagt, «ist eine hoffnungslos verlorene Saison für Juventus.»

Ruch der Unsauberkeit

Dabei ist der Verein, genau genommen, in Turin selber nicht mal der Liebling der Bevölkerung. Die ruhmreiche AC Torino ist der Stadtclub, das spürt und hört man, wenn man sich umhört, bei jungen Menschen in der Bar und unter Taxifahren, im Café oder am Zeitungsstand. Die Juve sei ein Touristenclub, sagt einer, mit Anhängern vor allem auf dem Land und bis tief in den Süden. Kalt lässt die 1897 gegründete Organisation niemanden, die Rivalität zu Torino aber ist nicht mehr so ausgeprägt wie einst, vor 42 Jahren feierte der Lokalrivale die letzte Meisterschaft, zuletzt verschwand er im Mittelmass. Und seit 1976 hat Juventus 18 seiner 34 Titel gewonnen, wobei Unternehmen und Juve-Tifosi unbeirrt von 36 sprechen. 2006 jedoch wurden dem Club zwei Titel wegen eines heftigen Manipulationsskandals aberkannt und Inter Mailand zugesprochen.

Überhaupt: Oft umwehte die Juve der Ruch der Unsauberkeit. Über Jahrzehnte beschwerten sich die Anhänger der Konkurrenten etwa über die Fürsorge der Schiedsrichter gegenüber dem Giganten aus Turin. Luciano Moggi, Manager von Juventus, hatte wie ein Pate im ganz grossen Stil Partien verschoben und immer wieder Spielleiter massiv beeinflusst. Die Sportbibel «La Gazzetta dello Sport» veröffentlichte im Frühjahr 2006 Auszüge aus den Protokollen vieler Tausend Telefonate von Moggi, dem klein gewachsenen Strippenzieher, der sich vom Bahnhofsvorsteher zur einflussreichsten Figur des Calcio hochgearbeitet hatte. Juventus wurde in die Serie B zwangsrelegiert, Weltmeister Buffon ging den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit mit, nach einer Saison stieg der Club 2007 auf, ein paar Jahre später übernahm er die Vorherrschaft wieder von Inter, zuletzt gab es sieben Meisterschaften in Serie.

Die Agnellis an der Macht

Regelmässig in die Negativschlagzeilen geraten die Fans von Juventus wegen ihrer unanständigen, rassistischen Gesänge. Auch am Samstag wird der hünenhafte Napoli-Verteidiger Kalidou Koulibaly mit Parolen weit unter der Gürtellinie bedacht. Die Ultras des Clubs sind mächtig, vor einem Jahr wurde Juventus-Präsident Andrea Agnelli vom Sportgericht des italienischen Fussballverbandes sogar für ein Jahr gesperrt – wegen der Verbindung einiger Supporter mit der organisierten Kriminalität unter Duldung des Vereins. Weitere Clubmanager wurden verurteilt, ihnen wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2016 Hooligans Eintrittskarten verschafft beziehungsweise dies nicht verhindert zu haben. Den rabiaten Anhängern wiederum wird eine Nähe zur kalabrischen Mafia ’Ndrangheta nachgesagt. Mit diesen Problemen aber ist die Juve unter Italiens Fussballvereinen keineswegs allein.

Präsident Andrea Agnelli ist das letzte männliche Mitglied der Familie Agnelli, das diesen Namen trägt. Und Juve ist Agnelli, Agnelli ist Juve, seit Edoardo Agnelli vor 95 Jahren eine Partnerschaft mit dem Verein einging und als Sponsor fungierte. Die Industriellenfamilie führt den Club seit Jahrzehnten, Edoardos Sohn Giovanni erwarb sich dabei besondere Verdienste, nun ist es Andrea, der Juventus in die Zukunft führt. «Wir müssen uns in allen Bereichen verbessern, um kompetitiv bleiben zu können», sagte der Präsident im Sommer nach der Verpflichtung Ronaldos.

22 Jahre Warten

Juventus hält seit Jahren mit den Premier-League-Grössen sowie Barcelona, Real Madrid, Bayern München und Paris Saint-Germain in der High-Society-Liga mit, der Umsatz im letzten Jahr betrug über 500 Millionen Franken, die Nettoverschuldung stieg aber nach Ronaldos Engagement (100 Millionen Franken Ablöse, fast 40 Millionen Jahreslohn) auch auf über 300 Millionen – die durch Immobilien und Spielerwerte gedeckt ist. Und an der Börse verdoppelte sich der Wert von Juventus in den letzten drei ­Monaten beinahe auf fast 1,7 Milliarden Franken. Die Dauerkartenpreise wurden gleich um 30 Prozent angehoben, der Fantourismus blüht, was auch die Einkünfte der Schwarzmarkthändler radikal in die Höhe treibt. Mit etwas mehr als 40 000 Plätzen ist die Juventus-Arena zu klein für ein Juve mit Cristiano Ronaldo.

Ronaldos Ankunft hat den Club verändert, allein in den ersten 24 Stunden nach seiner Verpflichtung sind weltweit 520 000 Trikots mit der Nummer 7 verkauft worden. Nun soll endlich der dritte Titel in Meistercup beziehungsweise Champions League gewonnen werden. Nach 1985 mit Michel Platini, Zbigniew Boniek und Paolo Rossi im Final gegen Liverpool (1:0) sowie 1996 mit Zinédine Zidane, Alessandro del Piero und Didier Deschamps gegen Ajax Amsterdam (5:3 nach Elfmeterschiessen). Es sind nur die allergrössten Namen jeder Menge Weltstars, die das weiss-schwarze Trikot trugen. 1997 (1:3 gegen Dortmund), 1998 (0:1 gegen Real Madrid), 2003 (2:3 nach Elfmeterschiessen gegen Milan), 2015 (1:3 gegen Barcelona) sowie 2017 (1:4 gegen Real) aber verlor Juventus mit Legende Buffon Königsklassenendspiele.

Bitteres Scheitern gegen Real

Auch letzte Saison scheiterte das Team spektakulär an Real, im Viertelfinal ging das Heimspiel 0:3 verloren, dabei gelangen Ronaldo zwei Treffer, eines mit einem fantastischen Fallrückzieher, den die Juve-Supporter applaudierend huldigten. Auch deshalb sprach der Portugiese bei seiner Vorstellung in Turin davon, es sei für ihn wie ein Heimkommen. Im Rückspiel in Madrid führte Juventus bis in die Nachspielzeit sensationell 3:0, ehe Buffon nach einem Elfmeterpfiff für Real wegen Reklamierens die Rote Karte sah – und Ronaldo den Penalty in der 97. Minute verwandelte. Buffon wechselte im Sommer als Unvollendeter zu Paris.

Und Juventus war in der Champions League mal wieder unglücklich gescheitert. Mit Ronaldo soll das anders werden, sein Transfer in die italienische Metropole ist wie die Fusion zweier globaler Konzerne. Grosse Geschichten sind garantiert. Nicht heute, wenn YB zu Gast ist und Ronaldo gesperrt. Da soll der alten Dame gegen die jungen Buben ein kraftsparender Auftritt genügen. Bloss nicht zu hoch springen.

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