Der alte König ist quicklebendig

Bei der Bergankunft von La Planche des Belles Filles demonstriert Vorjahressieger Geraint Thomas, dass der Sieg erneut über ihn führen dürfte.

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Normalerweise sind es die Sprinter, denen die letzten paar Hundert Meter einer Etappe reichen, um ihr Statement abzugeben. Nicht in La Planche des Belles Filles. Dort ist es Geraint Thomas, auf den das zutrifft. Wie ein Sprinter tritt der Waliser an, knapp 200 Meter vor der Ziellinie. Tritt so hart in die Pedalen, wie er nur kann – und fährt den Gegnern Meter um Meter davon. Als er oben angekommen ist, hat er sie um 2, 7, 9, 14, 18 und mehr Sekunden distanziert. Auf 200 Metern!

Doch es sind keine gewöhnlichen 200 Meter, die Strasse steigt hier bis zu 24 Prozent an, der Untergrund ist gekiest, die Forststrasse wurde extra für die Tour instand gestellt.

Es ist ein deutliches Zeichen, das Thomas auf diesen letzten Metern aussendet: Nichts da mit «Der König ist tot, lang lebe der König». Der alte König, er ist quicklebendig! Denn in dieser Schlussrampe taktiert niemand, dafür ist sie schlicht zu steil. Entsprechend ist die Rangliste eine recht präzise erste Momentaufnahme der Formstände der Favoriten.

So zeigt Vorjahressieger Thomas mit seinem Effort besonders teamintern, dass mit ihm zu rechnen ist, dass die Zeit für die Wachtablösung durch den elf Jahre jüngeren Egan Bernal noch nicht gekommen ist. Zumindest vorläufig nicht.

Aus Frust wird Begeisterung

Doch Thomas’ Demonstration ist nur eine von einem ganzen Strauss an Geschichten, die sich auf diesem letzten, ungeteerten Kilometer entfalten.

Da ist, um das Rennen von vorne aufzurollen, natürlich Etappensieger Dylan Teuns. Der Belgier und der Italiener Giulio Ciccone sind die einzigen Fahrer aus der Fluchtgruppe des Tages, die bis ins Ziel ihren Vorsprung zu verteidigen wissen. Und das mit Folgen: Auf denselben steilen Metern, auf denen sich Thomas durchsetzt, setzt sich Teuns von Ciccone ab. Dieser verliert bis zum Ziel noch elf Sekunden und ist tief frustriert über die Niederlage.

Als er die Ziellinie als Zweiter überquert, ist ihm nicht bewusst, dass sein Tag gleich viel besser wird. Auch er wird hinter das Podium gebeten – als neuer Gesamtführender. Später sagt er: «Ich wollte den Etappensieg. Nun stehe ich hier und trage Gelb – noch besser!» Der 24-Jährige ist die Hoffnung einer ganzen Radsportnation. Im Mai gewann er am Giro d’Italia das blaue Trikot des besten Kletterers – und eine Bergetappe. Nur wegen seiner Giro-Topform rutschte er überhaupt ins Tour-Aufgebot – um Leader Richie Porte beizustehen und selber Erfahrungen zu sammeln auf der grössten Bühne seines Sports.

Lieber steil als Englisch

Und solche macht er. Allerdings erst nach dem Rennen. So scheint für ihn das Frage-Antwort-Spiel mit den Journalisten – auf Englisch! – die fast grössere Herausforderung zu sein als zuvor die ultrasteile Rampe.

Mit dem neuen Leader gibt es auch einen alten, der das gelbe Trikot verliert – nach heroischem Kampf. Julian Alaphilippe spürt auf dem letzten Kilometer, dass Ciccones Vorsprung reichen könnte, und attackiert hart aus der Favoritengruppe heraus. Doch am Ende reicht es knapp nicht – Ciccone löst ihn ab, weil er neben dem tatsächlichen Vorsprung noch 14 Bonifikationssekunden gewonnen hat.

Alaphilippe wird kaum klein beigeben: Am Samstag, Sonntag und Montag folgen Etappen, auf denen sechs Sekunden Rückstand problemlos wettzumachen sind. Überhaupt sorgten die Franzosen für Dramatik: Thibaut ­Pinot im positiven Sinn, weil er bis zum Ziel sehr offensiv fährt, nur zwei Sekunden auf Thomas verliert. Und Romain Bardet, weil er als erster grosser Name aus der Favoritengruppe hinausfällt, bis ins Ziel 1:09 Minuten auf Thomas einbüsst. Dass er auf den letzten Kilometern mit einem Schaltungsproblem kämpft, macht das Drama perfekt. (dpa)

Erstellt: 11.07.2019, 18:26 Uhr

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