90 Minuten fahren, 180 Minuten labern

Dass Max Verstappen den GP von Österreich gewinnt, steht erst drei Stunden nach dem Rennen fest. Es ist ein unwürdiges Ende mit einem würdigen Sieger.

Der junge Niederländer zeigt zum Schluss eine beeindruckende Aufholjagd und gewinnt. (Video: SRF)

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Die Uhr zeigt 19:47. Über drei Stunden sind vergangen, seit der Grand Prix von Österreich zu Ende ist. Doch erst jetzt wird der Sieger verkündet, liegen sich die Red-Bull- und Honda-Mitarbeiter in den Armen sowie die rund 1000 holländischen Fans, die am Streckenrand ausgeharrt haben. Auch Max Verstappen ist noch da, mitten im Pulk. Er ist der Sieger. Die Kommissare haben dies in ihrem Büro entschieden. Sie bestrafen ihn nicht für ein hartes Überholmanöver gegen Charles Leclerc in der drittletzten Runde.

Dieses späte Ende ist weder des Sports noch dieses GP von Österreich würdig, der geradezu atemberaubend verlaufen ist. Es wirkt an diesem Tag in der Steiermark, als hätte das Gejammere der letzten Tage die Renngeister geweckt. Die Formel 1 ist langweilig. Am Boden. Tot. Was war nicht alles zu hören. Dann wird die Totgeglaubte am Sonntag mit aller Kraft und eineinhalb Stunden lang wachgerüttelt.

Spannung, Drama, packender Kampf um den Sieg – plötzlich sind alle Zutaten da. Und Mercedes, diese lähmende Übermacht, spielt erst noch eine Nebenrolle. Der Red-Bull-Ring ist die Bühne von zwei 21-Jährigen, von Verstappen und Leclerc.

Spielberg im Max-Fieber

Verstappen hat sich in seinem Red Bull in den letzten Runden auf wundersame Weise herangepirscht an den Ferrari. Dabei war er beim Start erst einmal stehen geblieben, Leergang statt Vollgas. Und nun also geht es doch noch um den Sieg. Alles andere hätte auch nicht zu dieser Kulisse gepasst, zu dieser orangen Wand, die sich aufgebaut hat auf den Tribünen um die Piste. Spielberg ist im Max-Fieber.

Das kann motivieren, anstacheln. Bei Verstappen führt es dazu, dass er sich entsinnt, dass er ja einst der Mad Max war, der Verrückte. Also bedient er sich in der 69. Runde kurzerhand seiner Brechstange, die bereits leicht verstaubt war.

Anbremsen auf Kurve 3. Der Holländer ist innen, fährt ein paar Meter geradeaus, lenkt erst dann ein, die Räder der beiden Wagen berühren sich, Leclerc gerät neben die Piste. Es ist die Entscheidung. Was dem jungen Monegassen noch bleibt: mit verschränkten Armen und trotzig auf dem Podest zu stehen, daneben ein grinsender Verstappen. Und Valtteri Bottas als Statist.

Verstappen sagt: «Das ist einfach hartes Rennfahren.» Und Leclerc: «In der Runde davor hat er mir in dieser Kurve noch Platz gelassen, dann nicht mehr.» Und: «So überholt man nicht.»

Doch es hätte nicht zum Pleiten-Pech-und-Pannen-Schauspiel gepasst, das Ferrari jedes Rennwochenende vollführt, hätte Leclerc seinen ersten Sieg in der Formel 1 gefeiert. Eine Kostprobe geben die Italiener auch in Österreich, bei Vettel, der noch vor WM-Leader Lewis Hamilton Vierter wird. Als dieser zum Reifenwechsel kommt, fehlen: die Reifen. Der Funk zu den Mechanikern habe nicht funktioniert.

Von derlei Problemen bleibt Leclerc zwar verschont, dennoch ist er erneut nur Fastsieger. Wie in Bahrain, als sein Motor zehn Runden vor Schluss stotterte und Rang 3 blieb. Und zum zweiten Mal hat Ferrari das Nachsehen am grünen Tisch. Beim vorletzten Rennen in Kanada wurde Vettel mit einer 5-Sekunden-Strafe der Sieg genommen. Das Team rekurrierte dagegen erfolglos. Nun verzichtet es darauf.

Beide Alfa Romeo punkten

Bei all dem Trubel ging vieles unter. Beinahe auch, dass Alfa Romeo einen Freudentag erlebte. Kimi Räikkönen kämpfte sich am Start bis auf Platz 4 vor, gegen die Ferraris, McLarens und Red Bulls um sich wehrte sich der Finne mit allen Mitteln – aber erfolglos. Er wurde Neunter, Antonio Giovinazzi Zehnter. Der Italiener wurde darauf von seinem Chef durch das Motorhome gejagt. Dieser war mit einer Schere bewaffnet. Giovinazzi liess beim Angriff von Frédéric Vasseur eine Locke. Es war der Preis für seinen ersten Punkt.

Erstellt: 30.06.2019, 19:57 Uhr

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