Squash

«Wer weiss, wo es dann noch hingeht»

Vor drei Jahren hat Dimitri Steinmann das Gymnasium abgebrochen, um auf den Sport zu setzen. Das Risiko hat sich gelohnt. Der 22-Jährige vom SC Sihltal, ist in der Weltrangliste schon auf Platz 66 geklettert.

Dimitri Steinmann hat schon viel von «meinem grossen Bruder» Nicolas Müller profitiert.

Dimitri Steinmann hat schon viel von «meinem grossen Bruder» Nicolas Müller profitiert. Bild: Dominic Duss

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Ihr letztes Turnier liegt rund eineinhalb Monate zurück, erst im August greifen Sie wieder ein. Wie sehr fehlt Ihnen das Wettkampfgefühl?
Dimitri Steinmann: Den Nervenkitzel der Matches vermisse ich schon. Dafür trainiere ich schliesslich. Es ist aber auch schön, von diesem ganzen Zirkus mal weg zu sein und konzentriert für sich zu arbeiten.

Pro Woche stehen bis zu 24 Trainings auf Ihrem Programm. Welchen Anteil davon absolvieren Sie alleine?
Rund 20 Prozent. Ich habe ein gutes Setup an Partnern. Ich habe mit Marco Kraft Eggenberger neu einen Performance-Coach. Er ist mein Mentor und der Mann im Hintergrund, der alles zusammenhält. John Williams ist mein Squashcoach, mit Olaf Huber mache ich die körperliche Arbeit. Manager Marc Ulrich ist für das Backoffice zuständig. Daneben habe ich diverse Trainingspartner.

Sind Sie mit diesem Umfeld perfekt aufgestellt?
Ich habe es in dieser Konstellation noch nicht sehr lange. Es ist sicher sehr gut, um hochwertig zu trainieren. Das habe ich zwar schon vorher gemacht, aber nicht so strukturiert. Seit ich mit Marco zusammenarbeite, sehe ich den Sinn hinter dem, was ich mache. Ich werde daneben weiterhin ins Ausland gehen, um bessere Trainingspartner zum Spielen zu haben. Nur sie bringen mich weiter. Ich bin die Nummer 2 der Schweiz, die Nummer 1 ist Nicolas Müller. Ich gehe oft zum ihm nach Deutschland.

Wie ist das Verhältnis zu ihm?
Wir sind im selben Verein und haben einen sehr engen Kontakt. Nici ist wie ein grosser Bruder für mich. Ich kann gar nicht aufwägen, wie viel er mir schon geholfen hat.

Planen Sie Teile der Saison gemeinsam?
Planen würde ich dem nicht sagen. Wir sind unterschiedliche Typen. Aber je näher ich ihm im Ranking komme, desto öfter spielen wir am selben Turnier.

«Es ist momentan extrem schwierig, in die Top 50 zu kommen.»Dimitri Steinmann, Squashprofi

Sie arbeiteten sich innerhalb von drei Saisons von Position 152 in der Weltrangliste auf Platz 66 vor. Welches Plateau peilen Sie als Nächstes an?
Bis Ende Jahr die Top 50. Damit ich anfangen kann, konstant auf der World-Series-Tour zu spielen. Von da aus soll es dann schrittweise weiter nach oben gehen. Das Ziel ist, irgendwann ein Titelanwärter auf der World-Series-Tour zu sein. Und wer weiss, wo es dann noch hingeht.

Was fehlt zu den Spitzenleuten?
Die mentale Konstanz. Ich muss auch an der Technik feilen, an meiner Präzision. Ich bin körperlich relativ stark. Es ist wohl mein stärkstes Asset. Jetzt muss ich alle anderen Säulen ebenfalls auf dasselbe Level kriege.

In den Top 30 der Weltrangliste sind die Spieler im Schnitt rund 29 Jahre alt. Sie werden erst 22. Welche Rolle spielt die Erfahrung im Squash?
Sie ist wichtig. Meine Herangehensweise an Matches ist heute völlig anders als vor drei Jahren.

Seit 2016 setzen Sie vollständig auf den Sport, haben dafür das Gymnasium abgebrochen. Wie viel Mut brauchte dieser Schritt?
Nicht viel. Ich will so gut wie möglich werden. Als ich vor drei Jahren auf Profilevel anfing, wirklich gut zu spielen, ging sich das schulisch nicht mehr aus. Ich bin nur einmal jung. Die Ausbildung kann ich nachholen.

Mit dieser Haltung entsprechen Sie nicht dem gängigen Bild des Schweizers, der eine Absicherung braucht.
Nach einem Studium wäre ich 25 gewesen. Und damit zu alt. Ich habe diesen Traum: Ich will an die Weltspitze. Ich bin bereit, dafür Risiko einzugehen. Klar, es gab keine Leute, die mir gratulierten. Manch einer sagte: Warum wirft er alles so leichtfertig weg? Das ist mir aber egal. Letztlich muss es für mich stimmen. Wer versteht, wie viel mir dieser Sport bedeutet, kann meinen Entscheid nachvollziehen.

Was schätzen Sie denn am Leben eines Berufssportlers?
Ich kann jeden Tag das machen, was ich am liebsten tue. Das können sehr wenige Leute von sich behaupten. Ich bin zu 99 Prozent happy mit meinem Leben. Ich sehe wenige Nachteile.

Einer dürfte sein, dass Sie regelmässig Enttäuschungen verarbeiten müssen.
Verlieren ist das schlimmste Gefühl. Aber es ist Teil des Sports. Daran wächst man.

Gehen Sie mit Niederlagen heute anders um als früher?
Es wird sich nie ändern, dass ich es hasse, zu verlieren. Ich schaue heute aber sicher genauer hin, was ich falsch machte und suche einen konstruktiven Ansatz. Ich will ja nicht nochmals dieselbe Situation erleben. Es ist aber auch eine Sisyphus-Arbeit. Denn jeder verliert immer wieder.

Welche Ereignisse waren auf dem Weg in die erweiterte Weltspitze prägend?
Da gab es mehrere. Erst kürzlich verlor ich am GC-Cup gegen die damalige Weltnummer 14, Max Lee, nur knapp. Da merkte ich wieder: Wenn ich mich so präsentiere, habe ich eine Chance, es nach vorne zu schaffen. Man sucht ständig die Bestätigung, fragt sich: Bin ich gut genug? Es ist jedenfalls hilfreich, dass ich ein grosses Vertrauen in mich habe.

Spiele wie gegen Max Lee an einem mit 110000 Dollar Preisgeld dotierten Turnier gehören zu den Highlights. Wie schwierig ist es, an kleineren Turnieren mit wenig Preisgeld und kaum Zuschauern an die Leistungsgrenze zu gehen?
Ich müsste lügen, würde ich sagen, es habe keinen Einfluss, wenn nur drei Zuschauer da sind. Die Definition eines Profis ist für mich aber, dass er unter jedem Umstand das Bestmögliche leisten kann. Wenn man sich nicht gut fühlt und trotzdem einen Weg findet, um zu gewinnen – das sind die Matches, in denen man den wahren Charakter eines Sportlers sieht.

Im Vergleich zum Tennis sind die Preisgelder im Squash erheblich tiefer. Welches ist bisher der grösste Betrag, den Sie gewannen?
2500 US-Dollar.

Der Topverdiener gewann letzte Saison 278 000 US-Dollar. Ab welcher Ranglistenregion lohnt sich Squash finanziell?
Den Top 30. Da lässt sich gutes Geld verdienen – wenn man es geschickt macht.

Der Weltverband hat die Qualifikation abgeschafft. Das beschert den Teilnehmern zumindest ein fixes Preisgeld. Wie hat sich das neue System bewährt?
Grundsätzlich gut. Es gab aber keine Übergangsphase. Das warf alles durcheinander. Der Punkteschnitt, um in die Top 50 zu kommen, verdoppelte sich fast. Vor allem, weil die Top-50-Spieler, die an den World-Series-Turnier rumgondeln und da in der 1. Runde verlieren, gleich viele Punkte machen, wie wenn ich ein 10000-Dollar-Turnier gewinne. Das Verhältnis stimmt nicht. Es ist momentan extrem schwierig, in diese Top 50 zu kommen.

Genau da wollen Sie hin. Wie sieht der kurzfristige Plan dafür aus?
Ich gehe im August an ein mit 30000-Dollar dotiertes Turnier in Houston. Im September dann an zwei gleich hoch dotierte – eines in Hongkong, eines in Malaysia. Schneide ich da gut ab, sollte es reichen, in der Weltrangliste in eine tiefe 60er-Region oder höher zu kommen. Mit ein wenig Glück kann ich dann an World-Series-Turnieren starten.

Das wäre finanziell attraktiv und würde helfen, Ihr Budget zu decken. Wie hoch ist dieses?
Detaillierte Zahlen kenne ich nicht. Nur für den Sport liegen die Ausgaben aber zwischen 40000 und 50000 Franken.

Allein mit Preisgeldern lässt sich das nicht finanzieren. Wie intensiv suchen Sie Sponsoren?
Ich bin auf solche angewiesen, klar. Eine Zusammenarbeit basiert meistens auf Goodwill. Da muss ich nicht jemanden stupsen und fragen: Willst du mich sponsern? Das finde ich komisch. Ich werde von der Sporthilfe unterstützt und habe einige private Sponsoren. Mein Manager Marc Ulrich übernimmt den Bereich nun. Ich bin gespannt, wie sich dieser entwickelt.

Erstellt: 05.07.2019, 15:23 Uhr

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