Rudern

«Weissbrot mit Honig als Festmahl»

Um in den drei Wochen vor einer Regatta nicht hungrig ins Bett gehen zu müssen, isst der 21-jährige Leichtgewichts-Ruderer Pascal Ryser aus Thalwil viel Gemüse.

Einen Cappuccino gönnt sich Pascal Ryser nur auswärts – hier im Sedartis in Thalwil.

Einen Cappuccino gönnt sich Pascal Ryser nur auswärts – hier im Sedartis in Thalwil. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben einen Cappuccino bestellt. Weshalb?
Pascal Ryser: Ich mag Kaffee mit Milch oder Rahm. Zu Hause bin ich aber zu faul, um mir einen Cappuccino zuzubereiten. Je länger die Woche dauert, desto eher brauche ich einen Kaffee vor jedem Training. Ich versuche zwar, meinen Konsum etwas zu reduzieren, quasi einen «Entzug» zu machen, damit die Koffein-Shots, die ich vor einem Wettkampf nehme, besser wirken.

Ist Kaffee Ihr Lieblingsgetränk?
Ich habe schon gerne auch anderes. Wegen der Gewichtslimite liegt aber meist nichts Zuckerhaltiges drin. Da ist ungesüsster Kaffee eine gute Alternative.

Bleiben wir beim Kulinarischen: Was essen Sie gerne?
Ich freue mich jeweils auf einen Burger oder Pizza, wenn ich nach einer Regatta wieder darf. Schoggi gehört auch in diese Kategorie. Wenn man auf etwas verzichten muss, schätzt man es nachher umso mehr.

Was steht denn auf dem Speiseplan, wenn Sie sich auf Ihr Wettkampfgewicht von 70 Kilo «runterhungern» müssen?
In der Abnehmphase lasse ich vor allem Kohlenhydrate und gesättigte Fettsäuren weg. Wegen des Krafttrainings kann ich auf Proteine nicht verzichten. Dem Kalorienzählen versuche ich aus dem Weg zu gehen, da dies zu viel mentale Energie braucht. So kommt sehr viel Gemüse auf den Teller, damit ich am Abend nicht mit Hunger ins Bett muss.

Wie viel Gewicht müssen Sie in einer Abnehmphase jeweils verlieren?
Derzeit wiege ich 75 Kilo, fünf müssen weg. Ich beginne damit jeweils drei Wochen vor einem Wettkampf, also gerade jetzt für die U-23-WM Ende Monat in Polen. Bis zur Abreise muss ich rund drei Kilo abnehmen, die letzten zwei gehen dann kurzfristig am Wettkampftag weg.

Wie gelingt das?
Das sieht jeweils lustig aus, sodass wir im Hotel schon komisch angeschaut werden. Wir ziehen nicht atmungsaktive Regenjacken und -hosen an. Darin schwitzen wir in einem speziell eingerichteten Zimmer auf dem Ruderergometer pro Stunde rund ein Kilo weg. Wenn man sich gleich nach dem Wiegen, das zwei Stunden vor dem Start stattfindet, wieder hydriert, geht das ohne Leistungseinbusse.

Was nehmen Sie in diesen zwei Stunden noch zu sich?
Unser Festmahl. (schmunzelt) Leichtverdauliches wie Weissbrot mit Honig. Dazu gibts isotonische Getränke, um die Speicher wieder zu füllen, und Laktatpuffer.

Pascal Ryser in seinem Element. Bild: Archiv Michael Trost.

Das tönt stressig. Hat die Gewichtslimite auch Vorteile?
Jeder Athlet im Feld ist physisch ähnlich stark. Die Unterschiede machen die Technik und wie du mit der Ernährung umgehen kannst. Es gibt Ruderer, die immer 69 Kilo wiegen. Sie müssen nie abnehmen, haben aber auch keine Reserven.

In der Abnehmphase noch sinnvoll trainieren zu können, dürfte nicht ganz einfach sein.
Einheiten bis zu einer Stunde sind möglich, danach fällt das Leistungsniveau rapide ab. Das ist für den Kopf eine Herausforderung. Ich muss einfach darauf vertrauen können, dass dann im Wettkampf mit gefüllten Speichern die Energie wieder da ist. Immerhin geht es nach einem Rennwochenende, wenn ich wieder essen darf, im Training rasch viel besser.

Welche Leckereien bereiten Sie sich dann selbst zu?
Wenn das Gewicht kein Thema ist, gehe ich lieber auswärts essen. Muss ich selbst kochen, bringe ich gerade mal Teigwaren mit Carbonarasauce zustande.

Womit bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?
Im Leistungszentrum in Sarnen, wo ich von Mittwoch bis Sonntag lebe, werden Unterkunft und Verpflegung von Swiss Rowing bezahlt. Die Trainingslager – etwa alle zwei Monate zwei Wochen – werden vom Verband und von meinem Club, dem RC Thalwil, finanziert. Von der Schweizer Sporthilfe erhalte ich einen Förderbeitrag. Solange ich zu Hause bei den Eltern wohne, kann ich gut leben.

«Wir werden im Hotel komisch angeschaut.»
Pascal Ryser

Welche Ausbildung haben Sie absolviert?
Letzten Sommer habe ich die Lehre als Hochbauzeichner abgeschlossen. Im Herbst werde ich an einer Fernuni ein Wirtschaftsstudium starten. Und ab November absolviere ich wahrscheinlich die Spitzensport-RS. Danach kann ich als Sportsoldat Trainingslager als WK-Tage abrechnen.

Welchen sportlichen Grossanlass haben Sie als ersten bewusst wahrgenommen?
Die Fussball-WM 2006 in Deutschland ist mir noch in Erinnerung. Zwei Jahre später habe ich die Olympischen Sommerspiele in Peking mitverfolgt, besonders interessiert hat mich dort Ruderer André Vonarburg.

Ruderten Sie damals schon selbst?
Nein, ich kickte als Kind im FC Thalwil und trainierte einmal wöchentlich Leichtathletik im TV Thalwil. Bis ich in die Sek kam, dachte kaum jemand, dass ich einmal Sportler werde. Zum Rudern kam ich durch einen Kurs, den ich mit zwei Schulkollegen Ende Primarschule besuchte. Sie hörten dann wieder auf, ich zog es weiter.

Welche Faszination übt das Rudern auf Sie aus?
Ich wollte immer besser werden, Erfolg haben. Es stimmte mit dem Team um mich. Es gab zwar viele Wechsel rundherum, aber mir gefiel es und das Potenzial war vorhanden.

Welches war Ihr schönster Moment im Sport?
Sicher letzten Sommer der Gewinn der Goldmedaille an der U-23-WM mit dem Leichtgewichts-Doppelvierer. Wir machten uns damals viel Druck. Es zählte nur der Sieg.

Und welches war die grösste Enttäuschung?
Dass ich es als Junior nie an eine WM schaffte und es mit dem Weltcup auf dem Rotsee weder 2017 noch heuer geklappt hat. Dafür klappte es mit der U-23-WM. Ich trainiere mit dem Elite-Kader. Ziel wäre es, auch bei der Elite zu fahren. Bei den Leichtgewichten konzentriert sich jetzt alles auf den Doppelzweier, weil der als Einziger noch olympisch ist. Alles dreht sich um dieses Boot.

Mit welchen Erwartungen nehmen Sie die Schweizer Meisterschaften auf dem Rotsee in Angriff?
Ich will dort dem RC Thalwil etwas zurückgeben und starte mit Linus Copes in der offenen Kategorie im Doppelzweier. Es wird ein harter Kampf um den Titel. Besonders stark schätze ich die Zuger mit meinem aktuellen Partner Matthias Fernandez und Andri Struzina ein. Weil Linus in einem anderen Projekt ist, konnten wir kaum zusammen trainieren. Am Dienstag waren wir immerhin einmal auf dem Rotsee.

Der nächste Höhepunkt folgt ja dann bereits Ende Monat mit der U-23-WM in Poznan. Welche Ambitionen haben Sie mit Fernandez in Polen?
Möglichst gut durch die Vorläufe und sicher in den A-Final zu kommen. Wir wurden beide schon Weltmeister im Vierer, wollen nun wieder eine Medaille. Die Konkurrenz ist aber stark, die amtierenden Weltmeister aus Italien sind wieder dabei.

Letztes Jahr debütierten Sie an der Elite-WM. Ist diese 2018 erneut ein Thema?
Sicher. Aber es hängt auch davon ab, wie die anderen Schweizer an der Elite-EM, die eine Woche nach der U-23-WM – und deshalb ohne mich – stattfindet, abschneiden.

Im schlimmsten Fall hätten Sie sich wegen bloss zweier grosser Rennen – des Weltcups in Belgrad und der U-23-WM – acht Monate gequält.
Andere ackerten den ganzen Winter – und fuhren kein internationales Rennen. In den nationalen Trials im Frühling kommen wir auch zu Wettkampf-Feelings.

Und wie sieht der Fahrplan Richtung Olympische Spiele 2020 in Tokio aus?
(schmunzelt) Dafür müsste ich erst mal wissen, wie diese Saison weitergeht. 2019 ist die Elite-WM in Linz das Ziel, dort sichern sich die Top 7 einen Quotenplatz für Tokio. Der Aufbau wird wieder gleich sein – ich hoffe einfach, dass mein Weg dann via Weltcup und nicht U-23 führt. Ein Highlight wird die EM Anfang Juni in Luzern sein.

Wo und mit wem verbringen Sie Ihre nächsten Ferien?
Das Problem ist, ich weiss noch nicht, wann die sein werden. Kann ich an die Elite-WM, wird es Herbst. Sonst habe ich schon im Sommer Zeit – meine Kollegen aber nicht unbedingt.

Was ist Ihr grösstes Laster?
Wenn ich essen darf, haue ich zu viel rein – quasi als Superkompensation.

Und welches ist Ihre beste Eigenschaft?
Ich behalte vor einem Rennen die Ruhe und das Vertrauen in mich und meine Teamkollegen.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Mein Bewegungsdrang dürfte bleiben. Mit einem Kollegen bin ich zum Beispiel vor zwei Wochen an einem Tag mit dem Rennvelo nach Italien gefahren. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.07.2018, 10:26 Uhr

Worum gehts?

Am Wochenende werden auf dem Rotsee bei Luzern die Schweizer Meister ermittelt. Es sind 559 Boote aus 54 Ruderclubs gemeldet.

Artikel zum Thema

Ein Leichtgewicht will hoch hinaus

Thalwil Pascal Ryser, Ausnahmetalent in den Reihen des Ruderclubs Thalwil, startet für die Schweiz an den U23-Weltmeisterschaften. Sein Ziel ist es, im leichten Doppelvierer eine Medaille zu gewinnen. Dazu scheut er keinen Aufwand. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.