Hütten

«Rennen, bis die Beine abfallen»

Schon vor 364 Tagen hat Fabienne Schlumpf die Olympialimite über 3000 m Steeple unterboten. Die Saison 2015 musste die Läuferin der TG Hütten aber aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig abbrechen. Jetzt ist sie zurück.

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Heimbahnen hat Schlumpf zwei. Belastungstrainings absolviert die Steeple-Läuferin oft auf der HSA Fluntern beim Zoo Zürich in einer von ihrem Lebenspartner Michael Rüegg (38) geleiteten Gruppe. Dieser gehören etliche Triathleten an – Frauen gibt es in der Schweiz keine, die sich auf dem Niveau der 25-Jährigen bewegen. Die hürdenspezifischen Einheiten absolviert Schlumpf alleine mit Rüegg auf der Sportanlage Meierwiesen in Wetzikon, ihrem Wohn- und Arbeitsort. Sie hat einen 40-Prozent-Job im Büro der Einwohnerdienste.

Der Trainer lässt sie dabei zuerst seitwärts über kleinere Hürden laufen. «Strecke das Bein mehr, halte den Oberkörper stabil», lautet seine in ruhigem Ton vorgebrachte Korrektur. Körperspannung und Rumpfstabilität über den Hürden stehen bei diesen Übungen im Zentrum. Bevor Schlumpf vorwärts über die Hürden laufen darf, wechselt sie von den Jogging- in die Nagelschuhe. «Arbeite mehr vorwärts, bleibe hoch und laufe schneller», fordert Rüegg. Die Atmosphäre ist locker. Schlumpf lacht oft, absolviert die Übungen aber konzentriert. Nach den Laufsprung-Serien schickt sie der Trainer zum Abschluss der 90-minütigen Einheit noch auf die Treppe – Widerstand ist zwecklos. «Michi hat ein extrem gutes Gespür, wie es mir geht, und gestaltet die Trainings entsprechend », sagt sie.

Überlastungssymptome

Das vergangene Jahr war kein einfaches für Fabienne Schlumpf. Auf die Weltmeisterschaften ­Ende August in Peking musste sie wegen Überlastungssymptomen verzichten. «Ich fühlte mich müde, das Training wurde immer mehr zu einem ‹Chnorz›, und auch die Wettkämpfe verliefen nicht mehr wie gewünscht», er­innert sich die Frohnatur. Ruhig zu sitzen, sei ihr als Bewegungsmensch alles andere als leicht gefallen. Der Grund für die Symptome konnte bis heute nicht eruiert werden. «Inzwischen bin ich eigentlich darüber hinweg», sagt die Athletin der TG Hütten.

Dass dies nicht nur ein Gefühl ist, bestätigte Schlumpf Anfang März mit dem Doppelsieg an den Schweizer Meisterschaften im Lang- und Kurzcross in Benken. Die Rennen im Winter neben dem Grundlagentraining schätzt sie: «Es macht Spass, und ich hole mir bereits Wettkampfhärte für den Sommer.» Die Zeiten sagen wegen unterschiedlicher Strecken und Bodenbeschaffenheiten nicht viel aus, es sei mehr ein Kampf Frau gegen Frau. «Auf der Bahn läuft man gegen die Uhr, es ist alles mess- und vergleichbar», beschreibt sie die Unterschiede.

Startschuss in Hamburg

Aufgewachsen ist Fabienne Schlumpf auf einem Bauernhof in Oetwil am See. «In einer Grossstadt könnte ich nie wohnen», meint sie. Bevor sie nach Wetzikon zog, machte sie sich wegen des städtischen Charakters etwas Sorgen. Diese sind inzwischen verflogen: «Ich bin so schnell in der Natur, liebe es, am Pfäffikersee zu laufen.» Sich draussen zu bewegen, die eigenen Grenzen auszutesten, auch einmal «zu rennen, bis mir die Beine abfallen», das liebt die Läuferin.

«Rennen sieht zwar simpel aus, ist aber sehr komplex», schiebt die Schweizer Rekordhalterin über 3000 m Steeple nach. Ihre Bestleistung von 9:37,81 Minuten datiert vom Mai 2014 in Oordegem, ebenfalls am belgischen Meeting unterbot sie vor Jahresfrist in 9:40,63 die Olympialimite um fast viereinhalb Sekunden. «Dadurch konnte ich diese Saison viel entspannter angehen, ich bin in den ersten Wettkämpfen nicht so unter Druck», sagt Schlumpf, die für die definitive Olympiaselektion lediglich noch eine Bestätigung von 9:53 Minuten liefern muss. Die erste Möglichkeit dazu erhält die Wetzikerin morgen Sonntag in Hamburg. Dass sie gut in Form ist, hat Schlumpf vor zwei Wochen in Pliezhausen (GER) unter Beweis gestellt. Dort markierte sie mit 6:29,15 Minuten eine Schweizer Allzeit-Bestleistung über die selten gelaufenen 2000 m Steeple.

39 Sekunden Rückstand

Nach den Schweizer Meisterschaften am kommenden Freitag in Uster wird die Läuferin einen neuen, auf die Olympischen Spiele im August in Rio ausgerichteten Aufbau beginnen. Der EM Anfang Juli in Amsterdam räumt sie nicht oberste Priorität ein, ihren 13. Platz von Zürich 2014 möchte sie jedoch verbessern. «Olympische Spiele sind für uns Leichtathleten das Grösste, und sie finden nur alle vier Jahre statt», begründet Schlumpf ihre Gewichtung. «Die Athleten sagen mir im Oktober, was sie im Folgejahr erreichen wollen. Ich sage ihnen, was sie dafür tun müssen», erklärt Trainer Michael Rüegg.

«Wie wohl alle Konkurrentinnen aus dem Vorlauf will ich in den Final», nennt die 25-Jährige als Ziel für ihren Saison-, wenn nicht gar Karrierehöhepunkt in Brasilien. «Dafür werde ich wohl meine Bestzeit verbessern müssen», ist sie sich bewusst. Vom Weltrekord (8:58,81), den die Russin Gulnara Samitowa-Galkina bei ihrem Olympiasieg 2008 in Peking aufgestellt hat, ist Schlumpf 39 Sekunden entfernt. Das – und unter welchen Bedingungen diese Zeit zustande kam – kümmert die Schweizer Rekordhalterin wenig: «Ich schaue auf mich und ver­suche, mein Optimum zu erreichen.» ()

Erstellt: 20.05.2016, 17:10 Uhr

OláRio

«Viel Brot zum Zmorge»

Als Maskottchen nach Rio ­begleitet mich?...
…?wahrscheinlich nichts. Meine Glücksbringer, die Familie, fiebern von zu Hause mit.

Im Athletendorf treffen möchte ich?...
…?Sportler aus den unterschiedlichsten Sparten, um mich mit ­ihnen auszutauschen.

Auf Portugiesisch beherrsche ich?...
…?kein Wort. Dabei habe ich schon mehrere Trainingslager in Portugal absolviert. Im Hotel haben wir aber Englisch und in der Läufergruppe Deutsch gesprochen.

Samba tanzen kann ich?...
…?überhaupt nicht. Rhythmus, Tanzen und Singen sind gar nicht meine Dinge.

Von Rio unbedingt sehen möchte ich?...
…?die Christusstatue auf dem Corcovado und den Zuckerhut. Ich mag den Blick von oben auf eine Stadt. Und Rio wird im August sicher im Ausnahmezustand sein.

Auf keinen Fall verpassen will ich?...
…?einen Tennismatch von Roger Federer. An den Olympischen Spielen endet meine Saison, und ich habe Ferien. Diese möchte ich geniessen.

Probieren möchte ich in Brasilien die kulinarische Spezialität?...
…?(überlegt lange) Vor dem Wettkampf mache ich keine Experimente, danach werde ich alles probieren.

Vor meinem Wettkampf esse ich?...
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