Triathlon

Mut für eine Pause finden

Er ist in der Form seines Lebens. Trotzdem blickt Ruedi Wild mit gemischten Gefühlen auf den Ironman Hawaii zurück – und muss von seinem Umfeld gebremst werden.

Auf der Laufstrecke litt Ruedi Wild auf Hawaii am meisten unter der Hitze.

Auf der Laufstrecke litt Ruedi Wild auf Hawaii am meisten unter der Hitze. Bild: Keystone

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Noch nie absolvierte ein Schweizer die 3,8 km Schwimmen, 180 km auf dem Rad und den abschliessenden Marathon an der Ironman-WM so schnell wie Ruedi Wild. 8 Stunden, 14 Minuten 31 Sekunden war der Samstagerer vor zehn Tagen auf der Vulkaninsel im Pazifik unterwegs gewesen. Inzwischen ist der 36-Jährige wieder zu Hause am Zürichsee und blickt mit gemischten Gefühlen auf seinen Saisonhöhepunkt zurück. Er hatte sich mehr erhofft, als Rang 14.

«Ich war in absoluter Topform, hatte mich akribisch vorbereitet und machte taktisch nichts falsch», lässt Wild das Rennen am 13. Oktober Revue passieren. Trotz bewusst dosiertem Effort in den beiden Auftaktdisziplinen befand er sich beim Wechsel aufs Laufen in idealer Ausgangslage. «Mental und physisch war ich noch sehr frisch und überzeugt, in meiner stärksten Disziplin den Sprung sehr weit nach vorne zu schaffen.» Wäre da nicht sein physiologisches Handicap gewesen.

Massiver Flüssigkeitsverlust

Wild leidet im Vergleich zu seinen Kontrahenten unter einem enormen Flüssigkeitsverlust. Sieben Kilogramm, also rund neun Prozent seines Körpergewichts, büsste der 36-Jährige unterwegs ein. Im Ziel musste er sich deshalb in medizinische ­Behandlung begeben. Infusionen wurden ihm verabreicht. Zur Kontrolle wurden Blutproben genommen. Diese hätten ergeben, dass die Salzwerte in Ordnung waren. «Das Problem war wirklich der Flüssigkeitsverlust.»

Dabei habe er alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen. Bewusst marschierte er immer wieder einige Schritte und nahm ein paar Sekunden Verzögerung in Kauf, um sich dafür mit Eis und Schwämmen runterkühlen zu können. «Je weniger die Körperkerntemperatur ansteigt, desto weniger schwitzt man», erklärt Wild diese Massnahme. Im Vorfeld des Wettkampfes hatte der Samstagerer nichts unversucht gelassen, um für einen geringeren Flüssigkeitsverlust zu sorgen. Er traf spezifische Ernährungsmassnahmen, erprobte Körperkühlmechanismen und setzte auf Spezialkleidung aus hochwertigsten Textilien mit integrierten Eisfächern.

Angezogene Handbremse

«Zudem habe ich unterwegs gesoffen wie ein Kamel», sagt Wild. Fünf Pinkelpausen wurden nötig. An anderen Ironmans komme er jeweils mit maximal einer aus. Weil aber die zweite Hälfte der Radstrecke und fast der gesamte Laufabschnitt auf der Vulkaninsel unter voller Sonneneinstrahlung zu absolvieren waren, hatte der beste Schweizer das Gefühl, wie mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein. «Als die Sonne bei Hälfte des Marathons rund 20 Minuten hinter Wolken verschwand, machte ich im Vergleich zur Konkurrenz sofort viel Boden gut», berichtet Ruedi Wild. Weil sich sein Körper in jener Phase weniger stark aufheizte, war er leistungsfähiger.

Enttäuscht ist Wild denn auch nicht ob seiner Leistung. Zu schaffen macht ihm vielmehr, dass da etwas ist, das der akribische Planer selbst nicht kontrollieren kann. «In Hawaii wird es auch nächsten Oktober heiss sein», weiss Wild. Darauf zu spekulieren, dass Wolken diese Hitze etwas mildern, bringe nichts.

Längerfristig sinnvoll

Den Antrieb, sein Handicap weiter zu reduzieren, verspürt der dreifache Hawaii-Finisher nach wie vor – die Lust, seine Topform noch etwas auszunutzen ebenfalls. «Weil ich wegen des massiven Flüssigkeitsverlust gar nicht alle Körner verschiessen konnte, fühle ich mich schon wieder sehr fit», sagt Wild. Entsprechend gross sei die Verlockung, noch ein Rennen zu bestreiten. Gebremst wird er von seinem Umfeld. «Die Saison jetzt zu beenden, ist längerfristig gesehen sicher sinnvoll. Das braucht aber auch Mut», sagt der Familienvater.

Um diesen zu finden, will er Abstand gewinnen, Zeit mit seinem Sohn und seiner Frau verbringen. Den Jetlag spürt Ruedi Wild, der nach dem Wettkampf nur zwei Nächte auf Hawaii blieb, auch eine Woche nach seiner Rückkehr noch. Er wacht um 3 Uhr nachts auf. «Das ist aber nicht so schlimm, es gibt viele Dinge zu erledigen, die in den Wochen vor Hawaii liegen geblieben sind.» Die Planung der nächsten Saison gehört nicht dazu, an diese mag er noch keine Gedanken verschwenden.

Erstellt: 24.10.2018, 09:09 Uhr

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