Rad

«Manchmal will ich zu viel aufs Mal»

Der Unfalltod seines Vaters Erwin vor fünf Jahren hat Marcel Wildhaber geprägt. Am vergangenen Sonntag wurde der Fahrer des VC Eschenbach nun selbst Vater einer Tochter. Am Donnerstag ist der 31-Jährige zur Radquer-EM nach Tschechien gereist.

In der Teamwerkstatt in Eschenbach gönnt sich Marcel Wildhaber einen Cappuccino.

In der Teamwerkstatt in Eschenbach gönnt sich Marcel Wildhaber einen Cappuccino. Bild: Michael Trost

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Sie haben sich von Mechaniker Yanick Gyger einen Cappuccino zubereiten lassen. Was mögen Sie an diesem Getränk?
Marcel Wildhaber: Vor allem die Milch. In der Werkstatt gönnen wir uns zum Znüni und Zvieri ­jeweils einen. Und Yanick bringt die schönsten Verzierungen zustande.

Ist das auch Ihr ­Lieblingsgetränk?
Im Kaffeebereich schon. Sonst trinke ich vor allem Wasser – vor einem Rennen aber mit Kohlenhydratpulver. Während eines einstündigen Quers trinke ich normalerweise nichts.

Bleiben wir beim Kulinarischen: Was essen Sie gerne?
Nach all den Jahren im Radsport habe ich noch immer sehr gerne Pasta. Am Abend vor einem Rennen gibts immer Pasta mit Tomatensauce und einem Pouletbrüstchen.

Können Sie das auch selbstzubereiten?
Ja. Zu Hause koche ich gerne mit meiner Frau. Im Ausland esse ich im Hotel.

Inwiefern achten Sie als Sportler auf die Ernährung?
Ich schaue schon, dass ich während der Saison nicht zu viel Ungesundes, etwa Fettiges esse. Meist muss ich schauen, dass ich genügend Energie reinbringe. Deshalb gibt es zum Zmorge auch mal Avocado oder Porridge. Meine Frau nennt mich Fressmaschine. Auf den Zopf am Sonntagmorgen muss ich aber schweren Herzens verzichten, der verursacht Blähungen.

Gibt es sonst Einschränkungen?
Früher musste ich auf den Ausgang verzichten. Heute ist das Bedürfnis danach deutlich zurückgegangen.

Womit bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?
Von März bis Juli hatte ich in der Industrie im Elektrobereich einen 50%-Job. Jetzt bin ich während sechs Monaten bei meinem Team Scott-Sram als Rennfahrer angestellt, mein Vertrag läuft noch diese und die nächste Saison. Dank der EKZ-Cross-Tour ist das Preisgeld mehr als nur ein Ferienbatzen. Die 1900 Franken, die ein Tagessieg einbringt, reichen aber in Deutschland wesentlich weiter als hierzulande.

Welchen sportlichen Grossanlass haben Sie als ersten bewusst wahrgenommen?
Als Neunjähriger die Quer-WM 1995 in Eschenbach. Mit meinem Bruder Patrick habe ich in der Schule Fanartikel verkauft. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich einmal selbst eine WM bestreiten würde. Dann kommen mir die Olympischen Spiele ein Jahr ­später in Atlanta mit dem US-Dream-Team in den Sinn. Und der NLA-Aufstieg des SCRJ 1994 war bei uns in der Schule auch ein grosses Thema.

Wie sind Sie zum Radquer ­gekommen?
Mein vor fünf Jahren verstorbener Vater Erwin fuhr einst selbst Rennen. Das Metier war mir also vertraut. Nach der Lehre als Elektromonteur und der RS trat ich einen 70%-Job an und begann neben dem Mountainbiken im Sommer im Winter mit Quers. Schon nach drei Rennen wurde ich für die U23-EM in Holland aufgeboten. Die kürzere Renndauer und die geringeren Höhenmeter kamen meiner Explosivität entgegen.

«Meine Frau nennt mich Fressmaschine.»Marcel Wildhaber

Welches war Ihr schönster Moment im Sport?
SM-Gold im Eliminator 2013, im Jahr nach dem Tod meines Vaters, war sehr emotional. Er hatte mich überallhin begleitet. Und zu Hause waren wir oft zusammen in der Werkstatt.

Und welches war die grösste Enttäuschung?
Im Jahr darauf war ich der klar stärkste Fahrer im Land, erlitt im SM-Final aber einen Kettenriss und wurde nur Vierter.

Mit welchen Erwartungen ­nehmen Sie am Sonntag die EM in Tabor in Angriff?
Ich bin grundsätzlich in Form, die Vorfreude ist gross. Toll ist, dass mein Cousin Michael erstmals dabei ist. Als Mechaniker begleitet uns mein Bruder Patrick. Zu dritt haben wir es immer gut. Im September waren wir schon zusammen in China. Weil ich wegen des Geburtstermins unseres ersten Kindes den Weltcup in Koksijde ausgelassen habe, fehlt mir etwas der Vergleich mit der Konkurrenz. Beim Sieg in Aigle ist mir aber ein gutes Rennen gelungen. Dass ich mich am Sonntag in Hittnau kurz nach der Geburt unserer Tochter Nina mit Platz 10 bescheiden musste, ist nicht schlimm.

Wie lange brauchen Sie morgens vor dem Spiegel?
Mit Zähneputzen vier Minuten.

Mit welcher Person würden Sie gerne für einen Tag tauschen?
Mit Mathieu van der Poel. Ich möchte einmal die Power spüren, mit der er allen davonfliegt.

Wie sieht für Sie ein perfektes Wochenende aus?
Am Samstag ausschlafen, dann eine längere Velotour mit Kollegen über Pässe und zum Abschluss ein feines Nachtessen mit meiner Frau. Als Vater dürfte das wohl nicht mehr so oft möglich sein. Den Sonntag gestalte ich gemütlich, gehe vielleicht joggen. Und am Abend sind wir bei meiner Mutter oder den Schwiegereltern.

Wo und mit wem verbringen Sie Ihre nächsten Ferien?
Mit wem ist klar, mit meinen beiden Frauen. Aber wo? Nach Saisonschluss habe ich noch zwei Wochen frei, bevor ich wieder zu arbeiten beginne.

Ihr Lieblingssong?
Etwas von AC/DC. Meistens höre ich jedoch Radio.

Ihr Lieblingsfilm?
Da bin ich ein Banause. Die Serie «Hawaii Five-0» gefällt mir.

Ihr Lieblingsbuch?
Ich lese kaum Bücher, aber «The Secret Race» (dt. «Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte») von Tyler Hamilton hat mich gefesselt.

Als Radquerfahrer unterstehen Sie auch dem Dopingstatut. Werden Sie oft kontrolliert?
Ja, regelmässig. Die Arbeitskollegen staunten im Sommer nicht schlecht, als die Dopingkontrolleure am Arbeitsplatz auftauchten.

Ihr Lebensmotto?
Was man gut macht, kommt irgendwann zurück. Der Antrieb zum Weitermachen war gerade nach dem Tod meines Vaters wichtig.

Was ist Ihr grösstes Laster?
Manchmal will ich zu viel aufs Mal und verliere den Hauptfokus.

Und welches ist Ihre beste Eigenschaft?
Ich bin zuverlässig und ehrlich.

«Was man gut macht, kommt irgendwann zurück.»Marcel Wildhaber

Was macht Sie glücklich?
Die Zufriedenheit, wenn man alles erledigt hat. Dann war es ein schöner Tag.

Was ärgert Sie?
Wer mich verarscht, der ist für mich gestorben. Wenn das Vertrauen da ist, bin ich jederzeit hilfsbereit.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?
Zufrieden und glücklich zu sein. Möglichst viel Geld scheffeln muss ich nicht. Mir gefällt das Leben als Profisportler, dass dafür eine gute Gesundheit unabdingbar ist, habe ich bei meinem Wadenbeinbruch vor knapp zwei Jahren gelernt.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Arbeiten, Zeit haben für Dinge, die Freude machen. Das Familienleben geniessen. Sport werde ich als Hobby treiben und ganz ­sicher keine Wettkämpfe mehr bestreiten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.11.2017, 09:26 Uhr

Worum gehts?

Im tschechischen Tabor wird am Sonntag zum dritten Mal an einer Radquer-EM ein Medaillensatz für die Elite vergeben. 2016 in Pont-Château belegte Marcel Wildhaber Rang 8. Die Konkurrenz war allerdings nicht so gross wie an einem Weltcup, weil etliche Nationen auf eine Teilnahme an den kontinentalen Titelkämpfen in Frankreich verzichtet hatten.

Heuer sind 44 Fahrer und damit fast doppelt so viele wie im Vorjahr gemeldet. Der Titel dürfte nach Belgien oder Holland gehen. Prominentester Abwesender ist der belgische Weltmeister Wout van Aert.
Neben Marcel Wildhaber gehören Simon Zahner (VC Meilen) und Michael Wildhaber (Eschenbach) zum Schweizer Elite-Aufgebot. In der Kategorie U23 ist Kevin Kuhn (VC Eschenbach) ­gemeldet. Lara Krähemann (VC Meilen) fährt bei den U23-Frauen. Bei den U19-Junioren startet der Horgner Luca Schätti (VC Wädenswil) in Südböhmen. (db)

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