Triathlon

Leiden für den Erfolg

An der Ironman-70.3-WM in einer Woche in Südafrika will Ruedi Wild aufs Podest. Weil der Adaptionseffekt seines Körpers bei normalem Training nur noch minimal ist, lässt sich der 36-Jährige aus Samstagern für wenige Minuten die Beine abbinden. Eine äusserst schmerzhafte Prozedur.

Ein exklusiver Einblick in die Trainingsqualen von Ruedi Wild: Bewegungswissenschaftler Lorenz Leuthold pusht den Richterswiler Triathleten im Training an seine Grenzen.
Video: David Bruderer

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Er atmet stosswiese, verzieht das Gesicht, beugt sich vor und wieder zurück. Dann presst Ruedi Wild zwischen den Zähnen hervor: «Lösen!». Sofort lässt Lorenz Leuthold die Luft aus den beiden Kompressonsmanchetten, die er drei Minuten zuvor um Wilds Oberschenkel gelegt hat, entweichen. Endlich gelangt durch das Blut wieder Sauerstoff in die Beinmuskulatur des Triathleten, der diese während zweier Minuten mit Kniebeugen auf einer Vibraplatte beansprucht hat.

«Das schlimmste ist die Minute nach der Aktivität, wenn ich auf dem Stuhl sitze, die Blutzirkulation aber weiterhin gehemmt wird», erklärt Wild. «Dann brennt es in den Beinen, der Mund ist völlig trocken und der Kopf schreit ‘hör auf!’.» Diesen Zustand, der 36-Jährige vergleicht ihn mit Todesangst, auszuhalten, sei mental extrem anstrengend. Wild versucht ruhig zu bleiben, atmet bewusst aus und ein. Er könne dabei den Umgang mit Schmerz üben, wir er auch in Rennsituationen vorkommen könne. «Ich versuche dann eine Aussenperspektive einzunehmen, so kann ich ihn besser aushalten.» Der Effekt dieses mörderischen, wissenschaftlich dokumentierten Trainings ist also ein doppelter – er ist physischer und mentaler Natur.

Blood Flow Restriction

Die Methode nennt sich Blood Flow Restriction Exercise. Drei Durchgänge à zwei Minuten Belastung mit Kniebeugen und danach möglichst einer Minute Ausharren im abgebundenen Zustand absolviert Ruedi Wild an diesem Mittwochnachmittag. Es ist seine zweite und letzte Spezialeinheit nach jener am Montag. Noch eine oder zwei weitere würde es vertragen, meint Lorenz Leuthold. Der Bewegungswissenschaftler betreut den Triathleten in den Räumen von Training & Diagnostics in Zürich Wiedikon. «Indem der Abtransport der Stoffwechselprodukte im Muskel blockiert wird, entsteht ein grösserer Trainingseffekt», erklärt Leuthold.

«Bei solchen Schmerzen will ich die ganze Wirkung abholen.»
Ruedi Wild

Als Vorbelastung absolvierte Ruedi Wild Sprint-Intervalle auf der Rolle gegen eine Bremskraft. 30 Sekunden lang gibt der Samstagerer Vollgas. Leuthold spornt ihn dabei an («chum Ruedi, zieh») und liest die Leistungswerte ab. Über 1500 Watt beträgt die Spitzenleistung, was etwa 20 W/kg Körpergewicht ergibt. Die Durchschnittsleistung liegt bei 660 W (8,7 W/kg). Die Endleistung sinkt vom ersten bis zum siebten Intervall mit je 90 Sekunden Pause dazwischen von 550 auf 504 W. Sportler und Betreuer zeigen sich zufrieden mit diesen Werten.

Spritzigkeit für 70.3-WM

«Die regelmässige Abfolge von Peak-Watt-Leistungen fördert die Spritzigkeit hinsichtlich der 70.3-WM in Südafrika», sagt Leuthold. In Nelson Mandela Bay strebt Ruedi Wild am Sonntag in einer Woche seinen zweiten Podestplatz nach jenem 2016 in Australien an, wo er Dritter geworden war. Dafür nimmt er in Kauf, dass ihm auf der Rolle der Mund völlig austrocknet. «Der Speichelfluss wird sofort eingestellt, gegen den Widerstand ist es von Beginn an voll hart», schildert der 36-Jährige. Nach 10, 15 Sekunden schiesse das Laktat in die Muskeln ein und es gehe nur noch ums Überleben.

Viele solcher Einheiten könne er nicht absolvieren, verrät Wild. Dafür seien sie mental viel zu anstrengend. «Aber wenn man so austrainiert ist wie ich, sind mit normalem Training nur noch sehr kleine Fortschritte möglich.» Mit dem Blood Flow Restriction Exercise könne er einen viel grösseren Adaptionseffekt des Körpers erreichen.

Entscheidend ist dabei, die richtige Balance zwischen Belastung und Pause zu finden. Eine Einheit dauert weniger als eine Stunde, was für Triathleten ein sehr kurzes Training sei, erklärt Leuthold. «Die Herausforderung für mich als Athleten ist es, die Geduld zu haben, das wirken zu lassen und daneben nicht mehr zu viel zu machen», wirft Wild ein, der einen guten Grund gefunden hat, den Trainingseffekt nicht zunichte zu machen. «Bei solchen Schmerzen will ich die ganze Wirkung abholen. Diese möchte ich anschliessend nicht durch zu viel Bewegung wieder abschwächen.»

8 Prozent Körperfett

Seinen anderthalbstündigen Besuch in den Räumen von Training & Diagnostics, zu deren Kunden auch Eishockeyspieler gehören, hatte Ruedi Wild mit etwas entspannendem begonnen. Für sieben Minuten legte sich der Samstagerer unter einen Ganzkörperscanner. «Bei der DXA-Messung wird die Körperzusammensetzung ermittelt», erklärt Lorenz Leuthold. Diese absolviert Wild seit 2014 etwa vierteljährlich zu einem ähnlichen Zeitpunkt.

Wild bringt bei einer Grösse von 1,87 m rund 76 kg auf die Waage. Aktuell weisst er einen Körperfettanteil von gut acht Prozent auf. «Auffallend sind die elf Kilo Muskelmasse in seinen Beinen», hebt Leuthold hervor. Das sei für einen Ausdauersportler ein extrem hoher Wert. Die Messungen bestätigen Wilds Bauchgefühl. Vor zwei Jahren gewann er an der 70.3-WM die Bronzemedaille. «Damals war ich top zwäg. Jetzt bin ich 500 Gramm schwerer, habe aber ein Kilo mehr Muskelmasse.» Physisch hat er also die Basis für einen erneuten Erfolg gelegt. «Entscheidend wird die Rennintelligenz und generell der Kopf sein», sagt Wild und lacht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 24.08.2018, 15:14 Uhr

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