Radsport

«Ich backe mein eigenes Brot»

Den 14. Juni hätte Tom Bohli gerne im Sattel verbracht. Nun wird er an der Tour de Suisse, die dann unweit seines Elternhauses Station macht, nur Zaungast sein.

Selbst auf Kaffee-Touren trinkt Tom Bohli lieber eine heisse Schokolade.

Selbst auf Kaffee-Touren trinkt Tom Bohli lieber eine heisse Schokolade. Bild: Manuela Matt

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Sie haben eine heisse Schokolade bestellt. Radprofis trinken doch tassenweise Kaffee?
Tom Bohli: Ich liebe Schoggi – in jeder Form. Aber Sie haben schon recht, auf den Kaffee-Touren mit Trainingskollegen bin ich jeweils der einzige, der eine heisse Schokolade bestellt. Und ein BMC-Teamkollege der mahlt im Hotelzimmer seinen Kaffee sogar selbst. Das Quietschen der Mühle hat mich an freien Tagen schon aus dem Bett geholt.

Und an den Rennen verzichten Sie auch auf Koffein?
Nein, ich setze auf Koffein-Gels. Auf Anraten meines Trainers Marco Pinotti nehme ich in den sechs Tagen vor einem Rennen kein Koffein zu mir, dann ist die Wirkung am Wettkampftag um so grösser.

Bleiben wir beim Kulinarischen: Was essen Sie gerne?
Zuletzt an den Hammer Series in Norwegen habe ich die verschiedenen Arten von Lachs genossen – ob als Sushi, geräuchert oder gebraten.

Und was kommt auf den Tisch, wenn Sie selbst kochen?
Pasta, Gemüse und Salat. Wenn ich mir etwas gönne mit französischer Sauce, sonst mit italienischer, für die ich verschiedene Balsamico verwende.

Inwiefern achten Sie als Sportler auf die Ernährung?
Wenn ich genügend Zeit habe, versuche möglichst viel selbst herzustellen, auch Brot, Hafermilch oder Schokolade. Eine gesunde Ernährung ist sehr wichtig, um leistungsfähig zu sein. Ich lege ziemlich schnell an Gewicht zu, muss also schon etwas schauen. Als Zeitfahrer ist das aber nicht ganz so extrem wie für Kletterer. Bei meiner Grösse von 1,83 m sind 69,70 kg ideal.

Zu dünn dürfen Sie ja auch nicht sein, sonst fehlt Muskelmasse und Sie sind anfälliger auf Krankheiten?
Diesbezüglich ging es in diesem Jahr gut. Es hat sich absolut gelohnt, im letzten Herbst die Mandeln entfernen zu lassen.

Welchen Sportanlass haben Sie als ersten bewusst wahrgenommen?
Die Ostschweizer Judo-Meisterschaft. Da muss ich etwa neun, zehn Jahre alt gewesen sein.

«Ich kann so tief in die Schmerzen gehen.»
Tom Bohli

Wie sind Sie zum Radsport gekommen?
Mit meinen Eltern habe ich den Swiss Power Cup der Mountainbiker besucht, als Thomas Frischknecht und José Hermida fuhren. Als Zwölfjähriger bekam ich eine Ausschreibung in die Finger, in welcher den besten beiden Fahrern der Jahreswertung die Teilnahme an einem Trainingslager auf Zypern versprochen wurde. Von da an sass ich täglich eine halbe Stunde auf der Rolle und schaffte es, obwohl ich im ersten Rennen nur Zwölfter wurde.

Wann erfolgte der Wechsel auf die Strasse?
Bike fuhr ich bis 17. Um an der Jugend-Olympiade teilnehmen zu können, wechselte ich auf die Strasse. Mein erstes Strassenrennen in Brissago gewann ich gleich, aber die Qualifikation für die Jugend-Olympiade verpasste ich.

Welches war Ihr schönsterMoment im Sport?
Dass ich 2012 Welt- und Europameister in der Einzelverfolgung der Junioren wurde, war toll. Auf der Strasse ist mein 2. Platz im Prolog der Tour de Romandie sicher das wertvollste Ergebnis. Daneben gibt es im Training wunderschöne Momente, etwa auf dem Bike in der Natur oder beim Überqueren eines Passes.

Und welches war die grössteEnttäuschung?
Letztes Jahr war richtig hart. Ich hatte eigentlich eine gute Form, konnte diese aber nie unter Beweis stellen, weil ich als Helfer eingesetzt wurde oder Rennen fahren musste, die mir nicht sonderlich liegen.

Dass Sie nicht für die diesjährige Tour de Suisse aufgeboten sind, muss Sie ebenfalls schmerzen. Schliesslich endet die 6. Etappe am 14. Juni in Gommiswald unweit ihres Elternhauses.
Ich hatte mich bei den Teamverantwortlichen früh gemeldet, dass ich bei entsprechender Form gerne in der Schweiz fahren würde. Dass es nicht klappte, machte mich schon traurig, zumal es kaum an der Form lag. Aber die hochdotierten Fahrer im Team wollten alle zusammen als Vorbereitung auf die Tour de France die Tour de Suisse bestreiten. Jetzt sehe ich es so, dass ich lieber in anderen Rennen für meine Zukunft arbeite und die Tour de Suisse dafür als Zuschauer geniesse.

Statt in der Heimat fahren Sie in Frankreich. Mit welchen Erwartungen nehmen Sie am Sonntag das Critérium du Dauphiné mit dem 6,6 km langen Prolog in Valence in Angriff?
Prologe sind voll auf mich zugeschnitten. Ich kann so tief in die Schmerzen gehen. Es steht ein sehr starkes Feld am Start, ein Top-6-Platz wäre super.

Behindern Sie die Folgen Ihres Sturzes Anfang Mai in der Tour of Yorkshire noch, der Sie zu einem dreitägigen Spitalaufenthalt zwang?
Beim Fahren eigentlich nicht. Aber ich konnte zehn Tage überhaupt nicht trainieren, das merke ich schon. Bei Hammer Stavanger gab ich mir voll die Kante, ich brauchte harte Kilometer.

Im vergangenen Sommer haben Sie die Matura abgelegt. Ist es viel einfacher, ohne Schulbücher um die Welt zu reisen?
Schon, aber es fehlt mir auch etwas die geistige Herausforderung. Deshalb habe ich mich gerade für ein Fernstudium in Psychologie eingeschrieben.

Sie stehen in Ihrer dritten Profisaison im BMC Racing Team, sind aber kein Siegfahrer. Wie rechnen sich Helferdienste finanziell?
Ich habe ein anständiges Fixum und bei den grossen Rennen wird der Preisgeldtopf unter den Fahrern aufgeteilt. So kommt dann wie zuletzt in Stavanger schon mal noch ein Tausender dazu.

Der Mindestlohn in der World Tour beträgt 38 115 Euro, also rund 45 000 Franken. Das sind – inklusive 13. Monatslohn – monatlich 3500 Franken, womit man in der Schweiz keine grossen Sprünge macht.
Bei BMC werden verhältnismässig gute Löhne bezahlt. Ich fing über dem Mindestlohn an und erhielt jedes Jahr etwas mehr.

Hauptsponsor BMC zieht sich Ende Jahr zurück. Bleibt das Team trotzdem bestehen?
Zu diesen Gerüchten kann ich nichts sagen.

Haben Sie für nächste Saison schon einen Vertrag?
Nein. Viele Fahrer haben ihre Fühler ausgestreckt. Die Teams warten mit Verpflichtungen aber noch zu. Mein Fahrertyp, der stundenlang das Tempo an der Spitze des Feldes hoch halten kann, ist gesucht.

Sind Sie bei der Suche auf sich allein gestellt?
Ich habe mit Mattia Galli schon lange einen Manager. Seine Kontakte sind wichtig für mich.

Als Junior fuhren Sie sehr erfolgreich auf der Bahn. Ist hinsichtlich der Olympischen Spiele 2020 in Tokio eine Rückkehr ins Oval ein Thema?
Das schliesse ich nicht aus und habe schon mit Nationaltrainer Daniel Gisiger darüber gesprochen. Im Juli bin ich mit der Nati in Magglingen und werde in Grenchen im Velodrom Runden drehen.

Verlassen wir den Sport. Wie lange brauchen Sie morgens vor dem Spiegel?
Vor einem Training stehe ich nie vor dem Spiegel, der Helm verunstaltete sowieso jede Frisur.

Mit welcher Person würden Sie gerne für einen Tag tauschen?
Obwohl ich gerne Piano spiele, nicht mit einem, der vor grossem Publikum auftritt. Der Alltag eines Akademikers, Forschers oder Ingeneurs würde mich interessieren.

Wo und mit wem verbringen Sie Ihre nächsten Ferien?
Im Juli will ich meiner Freundin, sie kommt aus Belgien, das Engadin zeigen. Wir gehen dort eine Woche Zelten und Wandern.

Ihr Lieblingssong?
Auf der Rolle höre ich Status Quo, sonst auch klassische Musik. Wagner ist mir während Leistungsphase jedoch zu schwer.

Ihr Lieblingsfilm?
Star Wars und allgemein Science-Fiction-Filme.

Ihr Lieblingsbuch?
Mich interessieren Sachbücher genauso wie Literaturklassiker. Kürlich abe ich «Der Prozess» von Kafka wieder gelesen.

Ihr Lebensmotto?
Auf dem Massagetisch ist mir letzte Woche gerade ein Spruch eingefallen, weil es darum ging, wie wir mit dem Team zum Nachtessen erscheinen sollen: Sind die Servietten aus Leinen, bedecke deine Beine. Ich habe für mich eher einen Kodex, nach dem ich handle. Meine Tätigkeit als Veloprofi macht mich nicht allein als Mensch aus.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Dann bin ich steinreich auf einer Insel am Chillen (lacht laut). Nein, nein. Wenn ich gesund bin, stehe ich in den besten Jahren als Radprofi. Sicher habe ich mir daneben etwas aufgebaut, zum Beispiel als Sportpsychologe.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.05.2018, 15:07 Uhr

Worum Gehts?

Statt wie erhofft in einer Woche an der Tour de Suisse tritt Tom Bohli ab Sonntag am 70. Critérium du Dauphiné in die Pedalen. Die achttägige Rundfahrt im Südosten Frankreichs nutzen viele Fahrer als Vorbereitung auf die Ttour de France. Neben dem Prolog hält sie für Bohli mit dem Mannschaftszeitfahren am Mittwoch eine weitere Lieblingsdisziplin bereit.

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