Ein Jahr nach Rio

Ein anderer 4-Jahres-Zyklus

Nach zwei Olympiateilnahmen hat Yannick Brauchli von der SV Thalwil dem Segelsport den Rücken gekehrt. Der 29-Jährige hat die Berufsmatura abgelegt und beginnt in Chur ein Tourismusstudium.

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Vier Jahre lang hatten Yannick Brauchli und sein Genfer Vorschoter Romuald Hausser nur ein Ziel vor Augen, dem sie alles unterordneten – die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Das Diplom verpassten die Schweizer Segler als Neunte in der 470er-Klasse knapp. Mit dem Sieg im Medal Race schloss das Duo die siebenjährige Zusammenarbeit aber mit einem emotionalen Highlight ab.

«Konditionell trainiere ich ähnlich viel wie vorher.»Yannick Brauchli

Im September beginnt für Brauchli ein neuer 4-Jahres-Zyklus. Ursprünglich hätte er sich für Sportmanagement interessiert, jener Studiengang war aber bereits voll. Nun nimmt der 29-Jährige an der HTW Chur mit der Bachelorstudienrichtung Service Design ein Teilzeitstudium im Tourismus in Angriff. Vorlesungen finden an zwei Tagen pro Woche statt, daneben hat er einen 50%-Job gefunden. «Das ist nicht so mit Emotionen verbunden wie das Olympiaprojekt», relativiert der ehemalige Profisegler. Der eigene Druck sei im Spitzensport schon wesentlich grösser.

Mit Bike oder Snowboard

Brauchli, der bisher in Zürich wohnte, wird mit seiner Freundin nach Chur ziehen. Er mag die Berge. «Den See habe ich schon auch gern, aber dieses Jahr war ich noch nie auf einem Segelboot», verrät der Olympionike. Sport treibt er weiterhin. «Konditionell trainiere ich ähnlich viel wie vorher. Mehr als ein Tag pro Woche ohne Sport ist unmöglich.» Beim Biken oder auf dem Snowboard steht der Spass im Vordergrund. Diese beiden Hobbys würde der Bewegungsmensch gerne mit dem Beruf verknüpfen: «Mountainbike-Events zu organisieren, würde mich reizen.» Daneben beschäftigt er sich mit der Frage, was man in der Tourismusbranche besser machen könne.

Mit dem Bike könnte sich Brauchli vorstellen, wettkampfmässig in der Enduro-Serie Rennen zu fahren. Dort sieht er viele Parallelen zum Segeln: «Das Material und dessen Einstellung sind wichtig. Man ist physisch gefordert, braucht aber auch den Kopf, weil man vorausschauend fahren muss.» Die Disziplin habe den grossen Vorteil, dass alles Material in einen Velobag passe. Nach Rio war Brauchli mit einem ganzen Container gereist.

Nicht nur der grosse Materialaufwand liess den Zürcher vom Segelsport Abschied nehmen. «Der Verband Swiss Sailing hat die Trainer gestellt. Den Grossteil unseres Olympiaprojekts mussten wir aber mit Sponsoren selbst finanzieren», sagt Yannick Brauchli, der sich deshalb der beruflichen Karriere zuwandte.

Krise im Herbst

Kaum aus Brasilien zurück drückte er an der Zürich Business School die Schulbank. Erstmals seit sieben Jahren wieder, als er – an der selben Sportschule wie Kanute Fabio Wyss – seine KV-Lehre abgeschlossen hatte. Es wurde ein schwieriger Herbst für den Olympianeunten. Er habe zwar das Ziel gehabt, in einem Jahr die Berufsmatura zu erlangen. «Aber ich hatte Rio noch gar nicht verarbeitet und fühlte mich völlig neben der Gesellschaft», gesteht er. Geholfen haben ihm in dieser Situation seine Erfahrungen aus dem Spitzensport. «Dort habe ich gelernt, alles auszublenden und mich voll auf das Ziel zu fokussieren.» Mitte Juni legte er die letzten Prüfungen ab – erfolgreich.

«Ich fühlte mich in der Schule völlig neben der Gesellschaft.»Yannick Brauchli

Seinen langjährigen Segelpartner Romuald Hausser hat Yannick Brauchli seit der Rückkehr aus Rio nie mehr gesehen. «Er lebt in Genf, ich war in Zürich von der Schule völlig absorbiert», begründet der ehemalige Skipper. Den America’s Cup im Juni verfolgte er mit. Auch auf die Resultate seiner einstigen Kontrahenten hat er ein Auge («Jetzt sind Teams vorne, die wir immer hinter uns liessen»), pflegt über Facebook Kontakte in der Szene.

Rückkehr unwahrscheinlich

Eine Rückkehr in den Segelsport schliesst Brauchli nicht aus. «Aktiv strebe ich es nicht an. Falls jemand mit Ambitionen und Sponsoren im Rücken anklopft, würde ich es mir schon anhören.» Am ehesten in Frage käme wohl ein Wechsel zu den Katamaranen in die Nacra-Klasse.

Wehmut schwingt kaum mit, wenn Yannick Brauchli auf seine Sportkarriere zurück blickt: «Ende 2009 haben wir einen Plan aufgestellt. Ausser in der Krisensaison 2015 haben wir alle Resultate-Ziele erreicht. Natürlich wäre zum Abschluss in Rio ein Diplom toll gewesen. Aber bei Olympia zählen eigentlich eh nur Medaillen.» Und emotional sei der Sieg im abschliessenden Medal Race viel wertvoller als ein Diplom. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 13:38 Uhr

Serie

Ein Jahr nach Rio (5/5)

Wir haben Olympiateilnehmern aus der Region ein Jahr nach der Olympiade in Rio den Puls genommen. Was waren die Highlights? Wie geht es den Sportlern heute?

Adeus Rio

Auf Portugiesisch gelernt habe ich . . .
...nicht viel. Ich kann zwar etwas Spanisch, das mögen die Brasilianer aber gar nicht. Und die Leute im Club in der Niteroi Bay, mit denen wir zu tun hatten, sprachen alle sehr gut Englisch.

Die speziellste Begegnung in Rio hatte ich . . .
...an der Eröffnungsfeier, wo ich neben Michael Phelps stand.

Mein persönliches Olympia- Highlight war . . .
...der Sieg im Medal Race.

Nochmals nach Rio reisen ­würde ich, weil . . .
...dann schöne Erinnerungen wieder aufkommen würden. Das war nach Olympia in London jeweils so, wenn wir zum Weltcup anreisten. Zudem hat mich in Rio trotz des vielen Abfalls die Landschaft beeindruckt.

In Tokio 2020 . . .
...wird sicher alles top organisiert sein. Das macht mich schon etwas eifersüchtig. Bei den Seglern aus Japan war jedenfalls immer alles perfekt durchgeplant.

Yannick Brauchli (SV Thalwil) belegte an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit Romuald Hausser in der 470er-Klasse Rang 9.

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