Zollikerberg

Anschieben statt werfen

Eigentlich hätte Nadja-Marie Pasternack aus Zollikerberg die Schweiz als Speerwerferin an den European Games in Minsk vertreten sollen. Stattdessen trainiert sie als Bobanschieberin in Grenoble.

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Über die Selektion für die 2. Austragung der European Games – die Premiere hatte 2015 in Baku stattgefunden – hatte sich Speerwerferin Nadja-Marie Pasternack sehr gefreut. «Ich wäre gerne nach Weissrussland gereist und habe alles daran gesetzt, rechtzeitig wieder fit zu werden», sagt die 22-Jährige aus Zollikerberg. Doch eine schmerzhafte Schleimbeutelentzündung in ihrer Wurfschulter zwang sie zum Verzicht. Wegen des neun Wettkampf-Formats als Team-Event unter der Bezeichnung Dynamic New Athletics (DNA) in Minsk hätte sie an mehreren Tagen im Einsatz stehen müssen. «Das wäre nicht zu verantworten gewesen», sagt Pasternack, für die Lena Meyer nachselektioniert wurde.

Für Furore hatte die in Hamburg aufgewachsene Pasternack schon vor drei Jahren gesorgt. Kurz nach ihrer Einbürgerung erzielte sie in Halle mit 55,11 m einen neuen Schweizer Rekord. Dieser hatte dann allerdings nur ein Jahr bestand, ehe ihn Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl um über drei Meter auf 58,31 m verbesserte. «Diesen Rekord möchte ich gerne zurückholen», erklärt die alte Rekordhalterin.

Zwölfte beim Weltcup-Debüt

Momentan ist ans Werfen allerdings nicht zu denken. Eine Schleimbeutelentzündung ist eine langwierige Sache, die viel Geduld benötigt. Im Training steht Nadja-Marie Pasternack dennoch – allerdings in einer anderen Sparte. Im Dezember 2018 startete sie im Team von Martina Fontanive erstmals als Bobanschieberin im Weltcup. In Altenberg resultierte für das Duo der 12. Platz, Mitte Februar wiederholten sie dieses Resultat in Lake Placid.

«Bob paart sich ganz gut mit Speer», hat die bald 23-Jährige festgestellt. «Das Anschieben hat keinen Einfluss auf die Schulter, Sprints und Sprünge sind ebenfalls ein relevanter Bestandteil fürs Speerwerfen.» Und so bereitet sich Pasternack in Grenoble auf die Wintersportart vor, statt in Minsk die am Samstag beginnenden European Games zu bestreiten.

Auch der Liebe wegen

In Frankreich weilt sie auch der Liebe wegen. Seit einem halben Jahr sind die Leichtathletin und der französische Bobpilot Romain Heinrich ein Paar. Im April zog sie deswegen nach Grenoble. Alle zwei Wochen kehrt sie der Arbeit wegen an den Zürichsee zurück. Etwa die Hälfte ihres 60%-Pensums im KV-Bereich einer Wollerauer Immobilienfirma kann die Sportlerin im Home Office bewältigen.

Die Trainingspläne schreibt ihr Christoph Langen. Der Deutsche, zweifacher Goldmedaillengewinner an Olympischen Spielen, ist verantwortlich für den Nachwuchs bei Swiss Sliding. «Wöchentlich erhalte ich von ihm ein neues Programm, welches ich dann so Romains Training angleiche, damit wir uns gemeinsam auf die Bobsaison vorbereiten können», erläutert Pasternack. Momentan sind das sechs Einheiten pro Woche. Wenn es ihre Gesundheit zulässt, kommen zwei technische Trainingseinheiten mit dem Speer und Diskus unter der Leitung von Martial Auzeil dazu. «Anläufe und etwas mit dem Ball kann ich schon machen», verrät Pasternack.

Von Mitschülerin angefixt

Zum Bobsport fand die vor zwölf Jahren mit ihrer Mutter aus Deutschland in die Schweiz gezogene Leichtathletin 2015. Rodlerin Nathalie Maag, die mit ihr die United School of Sports besuchte, motivierte sie zur Teilnahme an der Anschub-SM in Andermatt. Und Pasternack hatte auf Anhieb Erfolg, gewann gleich die Goldmedaille. Danach bekam sie zwar Anfragen von Pilotinnen, ihr damaliger Speerwurf-Trainer riet ihr jedoch, sich auf die Leichtathletik zu konzentrieren.

So dauerte es noch einige Zeit, bis Nadja-Marie Pasternack ihre Leidenschaft für den Bobsport entwickeln konnte. Nun will sie versuchen, zweigleisig zu fahren. Die nächsten Weltcup-Einsätze im Eiskanal dürften im November in Nordamerika folgen. Da Fontanives zweite Anschieberin Irina Strebel aus Thalwil dann ein Studium beginnt, steht diese nicht zur Verfügung. «Schön wäre es, wenn ich auch die Heimrennen in La Plagne und die WM in Altenberg bestreiten könnte», blickt Pasternack voraus.

An die Steuerseile werde sie sich selbst kaum wagen, meint die 22-Jährige: «Eine Pilotin hat eine grosse Verantwortung für ihre Bremserin.» Hinten im Bob nicht die Kontrolle zu haben, ist für die Einzelsportlerin allerdings ungewohnt. In der Szene gelte sie sowieso noch nicht als richtige Bobfahrerin, scherzt Pasternack. «Ich hatte noch keinen Crash – erst danach gehört man richtig dazu.»

Erstellt: 21.06.2019, 11:21 Uhr

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