Adliswil

Bescheiden nach ganz oben

An der EM-Endrunde in Bratislava ist für die Schweiz auch die in Adliswil aufgewachsene Livia Zaugg mit dabei.

Die Adliswilerin Livia Zaugg ist glücklich darüber, an der WM teilzunehmen.

Die Adliswilerin Livia Zaugg ist glücklich darüber, an der WM teilzunehmen. Bild: PD

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Adrian Wicky war gleich sicher: Das ist keine normale Juniorin. «Ich erinnere mich, dass sie schon damals einen unglaublich schnellen Arm hatte», sagt der Gründer und Trainer von Volley Rüschlikon über Livia Zaugg. «Die Abläufe waren drin. Das ist in dem Alter nicht normal.» Tatsächlich: Aus dem Mädchen, das nach einem Jahr bei Tornado Adliswil nach Rüschlikon wechselte und die Auswahl an der U-16-SM auf den 5. Platz führte («so gut waren wir noch nie»), wurde eine Nationalspielerin. Damals habe sie nicht viel gedacht, «sondern einfach Freude am Sport gehabt», sagt die 23-Jährige, die über den Schulsport zum Volleyball fand. Seit gestern Freitag spielt die Sihltalerin in Bratislava an der EM. Erstmals überhaupt sicherten sich die Schweizerinnen über die Vorausscheidung einen Finalrundenplatz. Am Ende sei die im Januar gelungene Qualifikation aber keine Überraschung mehr gewesen. «Wir hatten ja in den ersten Spielen ein Jahr vorher Österreich geschlagen und auch Albanien 3:0 besiegt. Das gab uns Sicherheit.»

«Wem gehört dieses Auto?»

Im luzernischen Wauwil, wo Livia Zaugg mit ihrem Freund zu Hause ist, weiss niemand von ihrem Leben als Spitzensportlerin. Das 2200-Seelen-Dorf ist nicht bekannt für Volleyball – sondern für Pilze. 3200 Tonnen Champignons werden hier jedes Jahr produziert. «Wir wohnen gleich gegenüber», schmunzelt Zaugg und sagt: «In Wauwil erwartet mich niemand.» Denn am Netz steht die Aussenangreiferin im Baselbiet bei Sm’Aesch Pfeffingen. «Nur einmal haben die Nachbarn gefragt, wem denn dieses Auto gehört.» Das Volleyball-Auto.

«Die Europameisterschaft ist für mich etwas ganz Besonderes.»Die Adliswilerin Livia Zaugg, über den Anlass, an dem sie momenatn selber mitspielt.

Bald gibt es vom Verein ein neues persönliches Fahrzeug, denn Garagist Werner Schmid ist als Präsident und Geldgeber zurückgetreten. Es ist nicht die einzige Änderung: Im Herbst muss sich Livia Zaugg auf ihrer Position gegen drei Ausländerinnen durchsetzen, will sie Spielzeit erhalten. «Konkurrenz hat man überall», beschwichtigt sie: «Sie macht mich besser.» Druck ist sie sich gewohnt. Vor ihrem Engagement bei Sm’Aesch Pfeffingen lief sie in der Saison 2016/17 für Vilsbiburg in der zweiten Bundesliga auf – als eine von zwei Ausländerinnen. «Da wurde verlangt, dass ich Leistung bringe. Es war toll, das zu erleben», blickt sie zurück. Nach Deutschland gegangen war sie nach dem Abschluss der United School of Sports. Nach einem Jahr kehrte sie heim, «um in der Nationalliga A Stammspielerin zu werden». Beim ersten Engagement in der höchsten Spielklasse war das nicht so. «Wie alt war ich, als ich nach Schaffhausen wechselte?», fragt Zaugg und rechnet: «16. Damals bin ich von zu Hause ausgezogen.» Erst die Verletzung einer Teamkollegin verschaffte ihr Platz auf dem Feld.

Reisen nicht nur für Sport

10 Tage Griechenland, 14 Tage Kroatien: Trotz EM-Vorbereitung war im Sommer auch Platz für das liebste Hobby. «Ich reise gerne», verrät Livia Zaugg: «Mich interessiert die Natur in anderen Ländern.» Seit März ist sie zudem Studentin der Psychologie an der Bremer Fern-Uni Apollon. Das Wirtschaftsstudium an der Uni Basel hat sie nach einem Semester abgebrochen. «Ich verpasste zu viele Morgentrainings und merkte, dass ich nicht mehr die gleiche Leistung bringen kann.» Das Fernstudium kann sie sich selbst einteilen.

«Die Europameisterschaft ist für mich etwas ganz Besonderes», sagt Livia Zaugg. Ein zweites Engagement im Ausland ist aber kein Thema. Dafür sei sie als Volleyballerin nicht gut genug, meint sie. Wie sagte Adrian Wicky über seine frühere Juniorin? «Sie war immer bescheiden, obwohl sie ein grosses Talent war.»

Erstellt: 23.08.2019, 20:10 Uhr

Infobox

Gute Leistung bei der Startniederlage

Im Eröffnungsspiel der Europameisterschaft in Bratislava unterliegt die Schweiz gegen Mitfavorit Deutschland mit 0:3 Sätzen (16:25, 19:25, 21:25).

Die Schweizerinnen zeigen aber bei der EM-Premiere einen äusserst beherzten Auftritt und leisten phasenweise harte Gegenwehr. So führen die Schweizerinnen beispielsweise im 3. Satz mit 6:2, obwohl Nationaltrainer Timo Lippuner im Hinblick auf das morgige Schlüsselspiel gegen die Slowakei während des ganzen Spiels nie mit der nominell stärksten Aufstellung hat spielen lassen.

Stimmen zum Spiel:
Sarina Brunner (Schweiz): «Das war ein unbeschreibliches Erlebnis, diese Halle, diese Dimensionen. Ich habe viele Spielerinnen schon im Fernsehen gesehen und jetzt kann ich gegen solche antreten hier. Ich habe etwa zehn Minuten vor Spielbeginn erfahren, dass ich zur Starting-Six gehöre. Da ist mein Puls schon kurz in die Höhe geschnellt. Aber das hat sich dann schnell gelegt. Es war ja auch mein grösster Wunsch gewesen zu spielen.»
Julie Lengweiler (Schweiz): «Das war ein megacooles Erlebnis. Es hat riesigen Spass gemacht, gegen Deutschland zu spielen. Und wir haben über weite Strecken gut mitgehalten.» (zVg)

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