Bob

Strebel schiebt ihre neue Karriere an

Die Thalwilerin Irina Strebel ist als Anschieberin im Bob von Martina Fontanive gesetzt. Die einstige Hürdenläuferin hat Gefallen an den spiegelglatten Kurven des Eiskanals gefunden und darf nun wieder von den Olympischen Spielen träumen.

Zusammen mit Pilotin Fonta­nive möchte Strebel am Samstag in St. Moritz den angereisten Familien, Freunden und Sponsoren zeigen, was sie kann

Zusammen mit Pilotin Fonta­nive möchte Strebel am Samstag in St. Moritz den angereisten Familien, Freunden und Sponsoren zeigen, was sie kann Bild: Keystone

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Wenn Irina Strebel zusammen­gefaltet hinten im Bob sitzt, dann sieht sie nichts und spürt alles. Den leichten Ruckler, die feine Unebenheit, jede Unsicherheit, das leise Touchieren der Wand. Ihre erste Erfahrung im Eiskanal machte sie vor gut zwei Jahren in St. Moritz. Inzwischen weiss die junge Anschieberin, dass keine Bob­bahn so ruhig ist, wie jene im Engadin, eine 1722 Meter lange Schlange aus Natureis – und damit die letzte ihrer Art.Irina Strebel schwärmt. «Die Um­gebung hier ist einfach wunderschön. Und erst die Bahn.» Sie fühle sich ganz anders an, als die vielen Kunsteisbahnen im Weltcupzirkus. «Das Eis ist ganz fein, und es rumpelt kaum.» All das sagt eine, die lange nicht daran dachte, in einen Bob zu steigen.

Als Jugendliche trainierte die heute 23-jährige Thalwilerin im Turnverein über 100 m Hürden. Sie besuchte eine Sportschule, startete bei «Weltklasse Zürich» im Vorprogramm und träumte von Olym­pia. Mehrmals wurde Strebel gefragt, ob sie es nicht mal mit dem Bobsport versuchen wolle, immer winkte sie ab. Doch dann, mit knapp 20 Jahren, merkte sie, dass es ihr im internatio­nalen Vergleich wohl kaum an die Spitze reichen dürfte. Was jetzt? Eben hatte sie die Berufsmatura abgeschlossen und viel Zeit. Als abermals eine Anfrage für ein Schnuppertraining im Bobrun kam, sagte sich die Leichtathletin: «Wieso eigentlich nicht? Chilbibahnen mag ich ja auch.» Irina Strebel lächelt und meint fast entschuldigend: «Ich bin halt ein Adre­nalin-Junkie.» In der Saison 2017/18 war sie im Zürcher Bob von Pilotin Martina Fonta­nive bereits­ gesetzt.

Strebel bei der Pendelstafetten Schweizermeisterschaften im Dress des TV Thalwil. Bild: David Baer.

Pech mit dem Heimvorteil

Nun ist Irina Strebel zurück am Ort, wo sie vor zwei Jahren ihre zweite Karriere startete, zurück auf ihrer Lieblingsbahn. Heute Samstag ist Weltcuptag in St. Moritz. Zusammen mit Pilotin Fonta­nive möchte Strebel den ange­reisten Familien, Freunden und Sponsoren zeigen, was sie kann. Trotz der vielen bekannten Gesichter ist der Heimvorteil der Schweizer Bobs heuer allerdings kleiner als auch schon. Da die Schweizer Meisterschaften zwischen Weihnachten und Neujahr den warmen Tempe­ra­turen zum Opfer fielen, konnten die einheimischen Teams kaum Sonderfahrten in St. Moritz absolvieren. Bei einer Natureisbahn, die jedes Jahr ein bisschen anders ist, fällt das ins Gewicht. Vor einem Jahr feierte das Duo Fonta­nive/Strebel im Engadin mit dem 5. Rang den bisher grössten Erfolg im Weltcup. Um dieses Resultat heuer zu egalisieren oder gar zu verbessern, müsse alles­ stimmen, sagt Strebel. Und: «Vielleicht ist es noch etwas früh für das perfekte Rennen.»

Zwar zeigt die Leistungskurve der beiden Zürcherinnen nach oben; in Igls realisierten sie am vergangenen Wochenende mit Rang 9 ihr bestes Saisonergebnis, doch noch läuft es nicht richtig­ rund. Strebel bleibt vage, die Mate­rialabstimmungen seien noch nicht optimal. «Es ist ein Tüf­teln», sagt sie und lacht. Wer nicht gerne ein bisschen «schrübele» lasse besser die Finger vom Bob, lautet ihre Empfehlung.

«Ich bin halt ein Adrenalin-Junkie.»Irina Strebel

Das stundenlange Präparieren des Schlittens gehört im Bob-Sport­ ebenso dazu wie die Stürze, auch wenn diese seltener geworden sind. Zum Saisonstart im lettischen­ Sigulda war­tete auf das aktuell einzige im Weltcup startende Schweizer Frauen-Duo eine Bahn, die es schon ­lange nicht mehr befahren hat. «Wir sind ein paar Mal hinter­einander gestürzt. Das war schwie­rig, für die Pilotin und das Team», erinnert sich Strebel.

Angst davor, bei Tempi über 130 km/h mit dem Bob in Schieflage zu geraten, hat Irina Strebel seit ihrem ersten Sturz keine mehr. «Das Wissen, wie es sich anfühlt­, hat die Angst in Respekt verwandelt», erklärt sie. Auch in Sigulda schaffte Strebel es, den Gedanken ans Stürzen hintenan zu stellen. So oft pas­siere es ja auch wieder nicht, meint sie. «In rund 100 Fahrten sind wir in der vergangenen Saison nur gerade zweimal gestürzt.»

Spiel mit den Kilos

Wer täglich mehrmals einen 170 Kilogramm schweren Schlitten­ im Sprintschritt an­schiebt­, braucht Kraft, Schnelligkeit und Gewicht. «Der Mix macht es aus», sagt Irina Strebel dazu. «Unser Bob ist genau gleich schwer wie jener der Männer, das ist schon happig.» Bobfahren ist immer auch ein Abwägen. Für einen Zweierbob mit Athletinnen ist ein Maximalgewicht von 330 Kilogramm vorgeschrieben. Sind die Fahrerinnen leichter, dürfen sie Gewichte in den Bob legen. «Die zusätzlichen Kilos­ im Schlitten machen zwar Tempo, du spürst sie aber auch beim Start», erklärt Strebel, die als Anschieberin die perfekte Mischung finden muss zwischen Gewicht und Antrittsschnelligkeit.

«Die zusätzlichen Kilos­ im Schlitten machen zwar Tempo, du spürst sie aber auch beim Start.»Irina Strebel

Die Zeit dafür hat sie. Fixpunkt ist das Jahr 2022 mit den Olym­pischen Spielen in Peking. Noch spricht Irina Strebel nicht von einem Ziel, sondern von einem Traum. Einer, den sie als Leichtathletin begraben musste und der jetzt im Eiskanal neu auf­lebt. Die Bobfahrerinnen nehmen dafür­ eini­ges in Kauf. Ihr Sport ist kos­ten­intensiv, die finanzielle und logis­tische Unterstützung in der Schweiz eher dürftig. Gerade eben sammeln sie auf der Inter­netplattform «I belive in you» Geld für schnellere Kufensätze, um im März an der WM in Kanada konkurrenzfähig zu sein. Kostenpunkt: 8000 Franken.

Kein Sport fürs Portemonnaie

Irina Strebel selbst spart, wo sie kann. Ausser an die Weltcuprennen weltweit macht sie keine grossen Sprünge; im Winter verzichtet sie auf ein Einkommen; Geld verdient sie über die Sommermonate in der Gastronomie, und wohnen tut sie zu Hause bei den Eltern in Thalwil. Bald wird Irina Strebel eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen und finanziell noch mehr auf ihre Eltern­ angewiesen sein. Lohnt sich das alles? «Ja, total», sagt sie strahlend. Und denkt dabei wohl auch an die bevorstehende Fahrt durch die von Hand gehauene Eis­skulptur, die sich spiegelglatt durch den St. Moritzer Arvenwald schlängelt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 25.01.2019, 16:01 Uhr

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