Ein Jahr nach Rio

Höhenflug dank Höhenkette

Ihren im Olympiavorlauf in Rio aufgestellten Schweizer ­Rekord hat Fabienne Schlumpf inzwischen um weitere neun Sekunden verbessert. Die aus Oetwil stammende 26-Jährige will ihren Höhenflug an der WM fortsetzen.

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An den Schweizer Meisterschaften im Zürcher Letzigrund startet Schlumpf über 800 m. Der Spartenwechsel der Olympia-18. über 3000 m Steeple ist aber nicht von Dauer. Die SM in ihrer Disziplin fand bereits vor zwei Monaten in Uster statt. Bei ihrem ersten Saisonstart sicherte sie sich damals nicht nur souverän die Goldmedaille, sondern erfüllte auch die WM-Limite.

Am Freitag und Samstag stellt sich die 26-Jährige über die beiden Bahnrunden einer neuen Herausforderung. «Ein Start über 5000 m hätte mich nicht gereizt und mir nichts gebracht», erklärt Schlumpf ihre Wahl. Über diese Distanz hatte sie an der Team-EM vor vier Wochen im finnischen Vaasa in 15:47,29 eine persönliche Bestleistung aufgestellt. Auf der SM-Startliste figuriert keine Läuferin, die bisher näher als 16 Sekunden an diese Zeit herankam. «Über die 800 m werde ich hingegen gefordert. Es ist spannend und ein gutes Schnelligkeitstraining», begründet die Zürcher Oberländerin ihren temporären Wechsel.

Wahre Rekordflut

Flexibilität zeichnet sie aus. In der ersten Jahreshälfte hat Fabienne Schlumpf in verschiedenen Sparten neue Schweizer Rekorde aufgestellt: in Payerne über 10 km in 32:10, in Den Haag im Halbmarathon in 1:10:17 (und auf dem Vorbeiweg auch gleich über 15 und 20 km) sowie zuletzt am Diamond League Meeting in Oslo als Dritte in ihrer Paradedisziplin 3000 m Steeple in 9:21,65.

Damit blieb die Läuferin von der TG Hütten fast neun Sekunden unter der Zeit, die im Vorlauf an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro noch nationalen Rekord bedeutet hatte. Jener Auftritt war für Schlumpf «der bisher wichtigste Wettkampf meiner Karriere». Dass ihr genau dort eine Topleistung gelang, die mit der Finalqualifikation belohnt wurde, sei schlicht genial. Dass sie im Endlauf stürzte und mit dem 18. und letzten Rang ­vorliebnehmen musste, «ist zwar schade, aber das habe ich verdrängt. Eine Medaille hätte ich sowieso nicht gewonnen.»

«Ich war schon ein paar Monate nicht mehr eine Woche am Stück zu Hause.»
Fabienne Schlumpf

Die Erfahrungen, die sie in Rio als Mensch und Sportlerin gemacht hat, bezeichnet die 26-Jährige als spannend und lehrreich. Sie scheinen ihr auch regelrecht einen Schub verliehen zu haben, wie die Resultate im nacholympischen Jahr beweisen. «Rio hat Lust gemacht auf mehr, ich habe in der Saisonvorbereitung viel investiert», erklärt Schlumpf.

Schallmauer von 9:20

Auch hat sie sich mit der «Höhenkette» an Neues herangewagt. Dieser Tage absolviert die Oetwilerin im Engadin ihr viertes dreiwöchiges Höhentrainingslager. In St. Moritz Bad lebt sie mit ihrem Partner und Trainer Michi Rüegg seit dem 7. Juli in einer kleinen Wohnung. Im Februar weilte sie in einem Höhenzimmer in Magglingen, Ende März in Südafrika und Ende Mai schon einmal in St. Moritz. Die Aufenthalte in der dünnen Luft seien nur ein Puzzleteil von vielen, relativiert Schlumpf. «Was sie genau gebracht haben, werden wir Ende Saison analysieren.»

Bis dahin – ihr letzter Einsatz ist an Weltklasse Zürich (24. August) geplant – dauert es noch gut einen Monat. Nach der SM kehrt die Läuferin bis Ende Monat ins Engadin zurück. Neun Tage vor ihrem Saisonhighlight begibt sie sich wieder in tiefere Lagen. «Michi hat mir gestanden, dass er diesen Zeitpunkt auf den WM-Final vom 9. August in London ausgerichtet hat», verrät Schlumpf.

Das zeigt die Wandlung Schlumpfs eindrücklich auf. War ihr Fokus an den Olympischen Spielen doch voll auf den Vorlauf ausgerichtet, der Finalvorstoss ein Exploit gewesen. «In London erwarte ich von mir selbst die Finalteilnahme.» Im Hinterkopf hat sie zudem die Schallmauer von 9:20 und damit eine weitere Verbesserung des Schweizer Rekords.

Respekt verschafft

Es hat sich seit August einiges verändert im Leben der Steeple-Läuferin. Ihr Arbeitspensum als Kauffrau Einwohnerdienste in ihrem Wohnort Wetzikon hat Fabienne Schlumpf von 40 auf 20 Prozent reduziert. Wegen der Höhenkette und den Wettkämpfen ist sie oft unterwegs. «Ich war schon ein paar Monate nicht mehr eine Woche am Stück zu Hause.» Weil es ihr im Engadin so gut gefalle, sei das aber kein Problem.

Mit ihren starken Leistungen ist die letztjährige EM-Fünfte vermehrt ins Rampenlicht gerückt. Nach dem Effort in Oslo habe sie sehr viele Reaktionen erhalten. «Inzwischen werde ich – trotz der Schweizer Zurückhaltung – auch auf der Strasse angesprochen. Dann halte ich gerne einen Schwatz, es ist doch schön, wenn sich die Leute mit mir freuen.» Auch ihre Konkurrentinnen haben sie inzwischen auf dem Radar. «Früher ging es für mich in der Diamond League als Läuferin mit der langsamsten PB nur ums Überleben. Jetzt kann ich im Mittelfeld auch etwas mitmischen», stellt sie zufrieden fest.

Eine EM-Medaille

Die grossgewachsene Läuferin hat ihren Zenit im Alter von 26 Jahren noch nicht erreicht. An den Europameisterschaften 2018 in Berlin will sie über 3000 m Steeple eine Medaille gewinnen. Danach sei mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio auch ein Wechsel auf den Marathon denkbar, verrät Schlumpf. Kurzfristig wartet jetzt allerdings eine Änderung in die andere Richtung. Am Freitagabend tritt sie in Zürich im Vorlauf über 800 m an. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.07.2017, 14:24 Uhr

Serie

Ein Jahr nach Rio (2/5)

Wir haben Olympiateilnehmern aus der Region ein Jahr nach der Olympiade in Rio den Puls genommen. Was waren die Highlights? Wie geht es den Sportlern heute?

Adeus Rio

Auf Portugiesisch gelernt habe ich . . .
. . . nichts. Im Athletendorf habe ich nur Deutsch, im Stadion nur Englisch gesprochen.

Die speziellste Begegnung in Rio hatte ich . . .
. . . im Call Room vor dem Vorlauf. Da sprach mich eine Helferin plötzlich auf Züritüütsch an.

Mein persönliches Olympia- Highlight war . . .
. . . nach dem Vorlauf, als ich ­erfuhr, dass ich mich für den ­Final qualifiziert hatte.

Nochmals nach Rio reisen ­würde ich, weil . . .
. . . ich von der Stadt nichts gesehen habe.

In Tokio 2020 . . .
. . . bin ich hoffentlich wieder ­dabei – und noch erfolgreicher als in Rio.

Leichtathletin Fabienne Schlumpf von der TG Hütten stellte an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im Vorlauf über 3000 m Steeple einen neuen Schweizer Rekord auf und belegte im Final Rang 18.

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