Leichtathletik

Der einfühlsame Diktator

Michi Rüegg ist Schweizer Trainer des Jahres. Seine Kompetenz und der breite Wirkungskreis zeichnen den 40-Jährigen aus, der auch seine Lebenspartnerin, die Steeple-Läuferin Fabienne Schlumpf aus Oetwil, betreut.

Er gibt die Richtung vor: Michi Rüegg auf dem Wetziker Sportplatz Meierwiesen.

Er gibt die Richtung vor: Michi Rüegg auf dem Wetziker Sportplatz Meierwiesen. Bild: Christian Merz

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Dieser erste Satz. Michi Rüegg sagt ihn bei seiner Saisonbilanz: «2018 war eine schwierige Saison.» Natürlich folgt das, was an erster Stelle erwartet worden war: die Grosserfolge, die Medaillengewinne, die Topresultate auf internationaler Ebene. Und natürlich freuen ihn diese Meisterleistungen, ihn den Coach und Baumeister. Das Nichtperfekte aber kommt an erster Stelle. «Wir hatten zu viele Verletzungen», sagt er, «das war ein Wermutstropfen.»

An die Oberschenkelverletzung von Fabienne Schlumpf im Frühling erinnert er, aber auch an den verletzungsbdingten Saisonabbruch von Triahtletin Jasmin Weber. Nervenaufreibende Wochen waren das. Das Argument, dass für Topleistungen Grenzen ausgelotet werden müssen und der Grat stets schmal ist, lässt Rüegg nur bedingt gelten. «Wir müssen diesbezüglich achtsamer sein, weiter optimieren, analysieren, uns individuelle Schemata erarbeiten, um Probleme und Schmerzen richtig einzuschätzen.»

Zweimal Silber

Schlumpf war es aber trotzdem, die im August und im Dezember für die beiden Glanzresultate der Rüegg-Gruppe in der TG Hütten sorgte: mit der Silbermedaille über 3000 m Steeple an den Europameisterschaften in Berlin und mit EM-Silber im Cross im holländischen Tilburg. Hinzu gesellt sich auch anderes: Etwa, dass Chiara Scherrer bei den U-23 an der Cross-EM die Bronzemedaille erst auf den letzten Metern abschreiben musste. Oder Triathlet Simon Westermann, der an der WM bei den U-23 Medaillenambitionen weckte, bis ihn ein Sturz stoppte.

Rüeggs Athletinnen und Athleten haben 2018 für Aufsehen gesorgt. In den Erfolgen widerspiegeln sich langfristiges Denken und ein umsichtiger Aufbau. Rüegg bestätigt, indem er sagt: «Wie es in den letzten Monaten aufgegangen ist und welche Resultate wir feiern konnten, macht Freude, aber schon in den letzten Jahren ist’s stetig nach oben gegangen.» Primär sieht er darin seine Philosophie eines langfristigen Aufbaus bestätigt. «Die letzten fünf Jahre sind die Basis für unsere heutigen Erfolge.» Mit grosser Genugtuung blickt er auf die Entwicklung: «Dahinter steckt viel Arbeit.» Ans Training denkt er, ebenso an die Dialoge mit den Athletinnen und Athleten, das Lernen aus Enttäuschungen, das Bauen auf der Erfahrung in Verbindung mit dem Einbauen von immer wieder Neuem, Unbekanntem.

«Die letzten fünf Jahre sind die Basis für unsere heutigen Erfolge.»
Michi Rüegg

Rüegg war selber Athlet. Zur ersten Athleten-Generation der TG Hütten zählte er. Als Sprinter (100-m-Bestzeit: 11,02) lief er 1995 an den Europäischen Jugendspielen (EYOF) – über 100 m (15.) und mit der Schweizer 4x100-m-Staffel (7.). Danach sattelte er zum Zehnkampf um. 2007 trat er nach dem Eidgenössischen Turnfest in Frauenfeld zurück – ohne herausragendes Ergebnis. Doch als Turn- und Sportlehrer an der ETH und Swiss Olympic Diplomtrainer war er prädestiniert zur Umsetzung des damals neu lancierten Nachwuchsprojekts in der TG Hütten.

Flexibilität fördern

Das Verhältnis zu seinen Athletinnen und Athleten bezeichnet Michi Rüegg als diktatorisch: «Ich bin der Chef und ich gebe vor.» Er sagt dies mit sanfter Stimme aber klar in der Aussage. Für seine individuellen Wochenpläne nutzt er die Feedbacks seiner Schützlinge: die Trainingswerte, deren Kommentare, die Körpersprache, die Trainingstagebücher. Für das gemeinsame, meist qualitative Mittwochtraining indes hält er sich bedeckt. Die Athletinnen und Athleten erfahren erst am Trainingstag selber, was auf dem Programm steht. «Das fördert die Flexibilität», sagt Rüegg.

Betont haben will er, dass jedes Training seine Bedeutung und Wichtigkeit hat. Er achtet darauf, dass er jede Athletin, jeden Athleten mindestens ein bis zwei Mal die Woche sehen und beobachten kann. Zentral ebenso sind ehrliche und ausführliche Einträge eines und einer jeden ins Trainingstagebuch. «In diesem Bereich die richtige Balance finden, ist anspruchsvoll», sagt Rüegg. Wie zu wenige Informationen bringen auch zu viele kaum weiter. Und allzu viele Gedanken sollen sich die Athleten auch nicht machen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.01.2019, 14:39 Uhr

Fabienne Schlumpf

Noch nie hinterfragt

Athletin der ersten Stunde ist Fabienne Schlumpf. Sie wechselte als 17-Jährige vom TV Egg in die damals neue Nachwuchsgruppe der TG Hütten. 2007 war das. Mittlerweile sind Schlumpf und Rüegg auch privat ein Paar. Einer Erfolgsgeschichte kommt die Entwicklung gleich. Schlumpf ist zu einer Topleichtathletin Europas aufgestiegen.

Die Schweizer Rekordhalterin über 3000 m Steeple mit 9:21,65 Minuten sagt: «Michi ist sich treu geblieben, er hat stets langfristig geplant und folgt einem eingeschlagenen Weg konsequent.» Auf Schlumpf scheint dieser Weg wie massgeschneidert. «Ich war von Beginn an begeistert und bin es noch immer.» Wichtig dabei: Sie hat volles Vertrauen in ihn und seine Arbeit. «Was Michi mir aufgibt, habe ich noch nie hinterfragt», sagt sie.

Peter Haas

Ein Glücksfall

Peter Haas bezeichnet Michi Rüegg als «wichtige Stütze für Swiss Athletics, als Mann, der neue Massstäbe gesetzt hat und darum als Glücksfall». Haas, der Chef Leistungssport bei Swiss Athletics, hat in den letzten Jahren immer intensiver mit Rüegg zusammengearbeitet. So gleiste er mit auf, dass Rüeggs Pensum bei Swiss Athletics auf dieses Jahr hin auf 50 Prozent aufgestockt wurde.

«Michi leistet hervorragende Arbeit, profiliert sich als ruhiger Schaffer mit grosser Kompetenz, Beharrlichkeit und Geduld», sagt Haas. Als Beispiel streicht er das Cross-Vorbereitungslager im Oktober in Tenero hervor. Dieses bildete die Basis zum stärksten Abschneiden der Schweiz an einer Cross-EM. «Michi folgt einer Philosophie und bleibt dieser treu», sagt Haas.

Kurt Waldmeier

Lebt, was er tut

Kurt Waldmeier , der Präsident der TG Hütten nahm Michi Rüegg 1997 als einen der ersten Athleten in der polysportiven Trainingsgruppe auf – als Sprinter und Zehnkämpfer. Später wechselte der Sportlehrer die Seiten. 2007 wurde er Trainer in der TG Hütten. Mit dem Ausfindig-machen und Fördern junger Talente wurde er betraut. Von der damals achtköpfigen Gruppe sind die Oetwilerin Fabienne Schlumpf und die Richterswilerin Lilly Gross noch immer dabei.

Als «menschlichen Trainer» bezeichnet Waldmeier Rüegg. «Michi ist kein Egozentriker.» Als Adjektive ordnet er ihm «ruhig, überlegt, zielbewusst, hart und ausdauernd» zu. Und, so betont Waldmeier: «Michi lebt, was er tut, ganz ohne grosses Blabla.» Das Loyale, Akribische, Bescheidene, zeichne ihn aus.

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