Im Gespräch

Wenn die Augen beim Hören helfen

Ernst Mosers Leidenschaft ist der Handballsport. Seine als Schiedsrichter gesammelten Erfahrungen halfen ihm auch in der Berufswelt. Der 74-jährige Wädenswiler weiss sein Handicap als Hörbehinderter in einen Vorteil zu verwandeln.

Seit über 50 Jahren leitet Ernst Moser als Schiedsrichter Handballspiele.

Seit über 50 Jahren leitet Ernst Moser als Schiedsrichter Handballspiele. Bild: Michael Trost

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Die Handball-Saison neigt sich ihrem Ende entgegen. Was wird Ihnen daraus in Erinnerung bleiben?
Es wird immer härter gespielt. Die Akteure tragen ihren Frust aus dem Alltag aufs Feld. Für mich lief es sportlich gut, ich hatte wieder viele Einsätze – als Schiedsrichter und Beobachter. Es war nichts aussergewöhnliches, wenn ich an einem Wochenende fünf Partien begleitete. Beim Beobachten gilt das Augenmerk vor allem jenen Schiedsrichtern, welche in eine höhere Liga aufsteigen wollen.

Wie sind Sie zum Handball gekommen?
Fussball sagte mir nicht so zu. Während des Turnunterrichts kam ich mit Schulhandball in Kontakt und fand Gefallen daran. Das war in Heilbronn, rund 50 Kilometer nördlich von Stuttgart. Meine Vorfahren waren Schweizer, wanderten aber vor 150 Jahren nach Deutschland aus. Heute wird fast ausschliesslich in der Halle gespielt, das war damals noch anders. Wir spielten Grossfeld auf Rasen.

Und wie wurden Sie Schiedsrichter?
In Zofingen tauchte bei einem Match der Schiri nicht auf und ich sprang ein, weil ich wegen eines verstauchten Fingers sowieso nicht spielen konnte. Das war 1965. In jenem Jahr war ich in die Schweiz gezogen – wegen dem Heidi-Film (lacht). In Deutschland hatte ich bereits Junioren-Spiele geleitet.

Was macht einen guten Schiedsrichter aus?
Das Fingerspitzengefühl. Natürlich gilt es die Regeln durchzusetzen, aber man sollte auch auf die Spieler eingehen können. Die schlimmsten Vertreter unserer Gilde sind diejenigen, die im Mittelpunkt stehen wollen. Wenn ich heute Schiris beobachte, sehe ich rasch, ob einer pfeifen will oder muss, weil er vom Klub dazu verpflichtet wurde. Die vielen jungen, die rasch wieder aufhören, sind ein grosses Problem. Wir investieren viel in ihre Ausbildung und Betreuung, und sie pfeifen meistens nur ein Jahr oder weniger.

«Das Schimpfwort konnte ich zwar nicht hören, es der Spielerin aber vom Mund ablesen.»Ernst Moser

Der «Mann in schwarz» wird oft kritisiert. Ist es da ein Vorteil, dass Sie wegen einer Hörbeeinträchtigung seit früher Kindheit akustisch nicht alles mitbekommen?
Einmal hat mich ein Trainer nach Match lautstark gerüffelt – nach einer Niederlage mit 20 Toren Differenz notabene. Da habe ich ihm nur meinen Ausweis «Ich bin hörbehindert» hingestreckt.

Sehen Sie dafür mehr? Auch weil Sie Spielern von den Lippen ablesen können, was sonst im Lärm in einer Halle gar niemand mitbekommt?
Vor zwei Jahren als ich noch Delegierter in der 1. Liga war, sagte eine Spielerin auf dem Feld im Vorbeigehen «Arschloch». Das habe ich ihr vom Mund abgelesen. Als ich sie darauf ansprach, meinte sie: «Das kannst du gar nicht gehört haben.» Ich antwortete: «Stimmt, aber ich habe es gesehen.» Heute pfeife ich fast nur noch Juniorenspiele.

Ernst Moser steht im Mittelpunkt eines Werbevideos der in Stäfa ansässigen Firma Phonak – als Beispiel dafür, wie die zurück gewonnene Hörkraft die Lebensqualität verbessern kann. Quelle: pd / Phonak

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in der Schiedsrichterei?
Mehr Toleranz und gegenseitige Achtung in den Hallen. Es kommt kein Schiri, der absichtlich jemanden ärgern will. Mich stört der Ausdruck Gegner, es sind doch alle Beteiligten einer Handballpartie eher Partner.

Haben Ihnen die Erfahrungen als Schiedsrichter auch im Berufsleben geholfen?
Sicher, man lernt den Umgang mit Menschen und das schnelle Entscheiden. Wenn es brannte, blieb ich auch im Job ruhig. In der Firma Stäubli in Horgen war ich für die technische Administration zuständig. Als Präsident der Angestelltenkommission half ich, die Interessen der Angestellten zu vertreten.

Noch heute setzen Sie sich für andere Leute ein. Was genau machen Sie bei Pro audito, der Organisation für Menschen mit Hörproblemen?
Seit letztem Jahr bin ich Präsident der Sektion Horgen-Thalwil und Umgebung. Ich begleite etwa Alleinstehende, die zum ersten Mal in eine Hörberatung gehen. Die Betroffenen sind sicherer und die Anpassungen gehen manchmal etwas länger. Als ich mein erstes Hörgerät bekam, musste ich deswegen noch von Baden nach Zürich fahren. Heute gibt es allein in Wädenswil drei Geschäfte. Hörprobleme werden aktiver angegangen.

«Als Schiedsrichter lernt man den Umgang mit Menschen»Ernst Moser

Wurden Sie wegen Ihrer Hörgeräte auch schon ausgegrenzt?
An einer Arbeitsstelle hatte ich mal einen Mitarbeiter, der meinte, die beiden Stöpsel in meinen Ohren würden blöd aussehen, ich soll mir doch die Haare drüber wachsen lassen. Ich entgegnete: «Du könntest deine Haare auch über deine Brille wachsen lassen.» Damit war die Sache erledigt.

Gibt es auch lustige Anekdoten?
Für Phonak testete ich jahrelang neue Hörgeräte im Alltag. In einem Kaufhaus stellten die Hörgeräte beim Passieren der Diebstahlsperre am Ausgang einfach ab. Das glaubten mir die Techniker zuerst gar nicht.

Eines Ihrer Hobbys ist das Fotografieren. Da steht der Sehsinn im Vordergrund.
Ich habe eine sehr gute Beobachtungsgabe. Ohne genau hinzuschauen, sehe ich sofort, was sich verändert hat. Eine Kamera begleitet mich auch immer auf Reisen: Schottland, Irland, das Polarmeer, Spitzbergen. Früher China, Südamerika, der Rand Antarktis. Jetzt mag ich nicht mehr 14 Stunden im Flieger sitzen und bleibe deshalb lieber in Europa. Auch in der Schweiz gibt es viele schöne Flecken. Diese erkunde ich gerne, wenn ich an einen Handballmatch fahre.

Erstellt: 10.05.2019, 13:11 Uhr

Zur Person

Ernst Moser

Aufgewachsen ist der 1945 geborene Ernst Moser in Heilbronn. Im Alter von 20 Jahren übersiedelte er in die Schweiz, das Land seiner Vorfahren. 1974 zog es ihn – inspiriert durch eine Schifffahrt an einem Sonntagmorgen – an den Zürichsee. Der Rentner lebt heute zusammen mit seiner Partnerin in Wädenswil.

Für den Zürcher Handballverband (ZHV) übte Moser schon viele verschiedene Funktionen aus. Aktuell steht das Ehrenmitglied des HC Wädenswil als Schiedsrichter und Beobachter im Einsatz. Zudem ist der 74-Jährige Präsident des ZHV. Seit der Zentralisierung des Schweizer Handballverbands (SHV) haben die Regionalpräsidenten praktisch nur noch repräsentative Funktion. So war er etwa an den Rangverkündigungen der Kantonalfinals im Schulhandball in Meilen präsent. Neben dem Handball zählt Moser, der von der Stadt Wädenswil als Funktionär des Jahres 2015 ausgezeichnet wurde, Reisen und Fotografieren zu seinen Hobbys. (db)

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