Handball

Der steile Aufstieg des früheren Horgen-Juniors

Vor wenigen Wochen schaffte der Horgner Roman Sidorowicz den Sprung in die Bundesliga. Dieser Tage kehrte er für Nati-Spiele in die Schweiz zurück. Der «Seebub» blickt auf einen unvergleichlichen Dezember zurück.

Länderspiele statt Bundesliga: Der Horgner Roman Sidorowicz (im Spiel gegen Japan) war Topskorer des Yellow Cups in Winterthur.

Länderspiele statt Bundesliga: Der Horgner Roman Sidorowicz (im Spiel gegen Japan) war Topskorer des Yellow Cups in Winterthur. Bild: Keystone

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Jahrelang träumt man davon, und plötzlich ist es so weit. Bei Roman Sidorowicz dauerte die Zeitspanne zwischen Wunsch und Realität fünf Tage. Am Donnerstag das Telefon aus der Bundesliga von Heiko Grimm, dem Trainer der MT Melsungen, am Samstag das letzte Spiel in der Axa Arena mit seinen alten Kumpanen von Pfadi Winterthur, am Montag die Zugreise nach Nordhessen und noch am gleichen Abend das erste Training mit der neuen Mannschaft.

Der gute Einstand

Sidorowicz, 27-jährig und 47-facher Schweizer Nationalspieler, wurde vom aktuellen Bundesliga-Sechsten geholt, um im Rückraum für Entlastung zu sorgen, als Ersatz für Domagoj Pavlovic, der Ende November einen Knöchelbruch erlitten hatte. Bisher hat Sidorowicz seinen Job gut erfüllt. Den Einstand im Traumland Bundesliga gab er am 6. Dezember, nur drei Tage nach der Zugreise aus der Schweiz. Bei Melsungens 18:24-Heimniederlage in der mit 4300 Zuschauern vollen Kasseler Rothenbach-Halle gegen Meister Flensburg-Handewitt erzielte Sidorowicz in der ersten Halbzeit gleich vier Tore. «Er hat einen guten Wurf und schnelle Beine», lobte Melsungens Kreisläufer Felix Danner danach den Debütanten.

Es folgten drei Tore bei der Niederlage beim TBV Lemgo, dann vor Weihnachten sechs Treffer beim Auswärtssieg über Gummersbach, womit er bester Skorer seines Teams und einer der Matchwinner war, sowie zuletzt am 27. Dezember drei Tore beim Heimsieg im Hessenderby gegen Wetzlar (mit Nationalteamkollege Lenny Rubin). Meistens spielte er im linken Rückraum, defensiv trat er als vorgestellter Verteidiger im 5-1- oder als «Zweier» im 6-0-System an.

«Ich sehe mich momentan noch als Unterstützungsspieler.»Roman Sidorowicz

«Ich sehe mich momentan noch als Unterstützungsspieler», beschreibt er seine Rolle. Angesichts dessen, dass er in eine neue Mannschaft kam, die Abläufe in ein paar wenigen Trainings erst einmal kennen lernen musste und nun in der Bundesliga auftritt, seien «die ersten paar Spiele nicht schlecht gewesen», darf aber selbst Sidorowicz einräumen. Er spüre das Vertrauen des Trainers, der ihn aus dessen langen Jahren in der Schweiz her kennt und mit dem er einst bei GC Amicitia Zürich zusammen gespielt hat. Seine Karriere startete Roman Sidorowicz aber nicht bei GC, sondern am Zürichsee bei den Jüngsten im HC Horgen. Im Alter von 15 Jahren wechselte «Sido», wie man ihn in Horgen nennt, dann zu GC Amicitia Zürich.

Die besondere Feier

«Der Anfang war nicht ganz einfach – in einer neuen Umgebung, weit weg von Familie und Freundin», blickt Sidorowicz auf die ersten Tage in Deutschland zurück. «Nach zwei Wochen habe ich mich aber immer wohler gefühlt.» Seine Freundin besucht ihn regelmässig in Melsungen, der schmucken historischen Kleinstadt mit knapp 15 000 Einwohnern. Über Weihnachten reisten die Eltern und die zwei Schwestern an und buchten über Airbnb eine Hütte rund eine halbe Stunde ausserhalb von Melsungen. Dort feierte die Familie Weihnachten. «Wir haben gekocht, gegessen und die Zeit miteinander genossen», erzählt Sidorowicz. «Es waren etwas andere Weihnachten... Wir werden sie sicher nie vergessen.» Sie passten zu diesem unvergleichlichen Dezember, den er seit jenem Telefonanruf von Grimm erlebt hatte.

Die möblierte Wohnung in Melsungen, wo er seit seiner Ankunft lebt, wäre zu klein für eine Familienfeier gewesen. Die Miete läuft bis Ende Februar. «Je nachdem, wie es weitergeht, schaue ich mich nach einer eigenen Wohnung um», bemerkt Sidorowicz. Will heissen: Er würde den Vertrag mit Melsungen, der bis Ende Saison befristet ist, gerne verlängern. Bisher habe man darüber «noch nicht konkret gesprochen», erklärt er. Positive Zeichen hat er mit seinen ersten vier Bundesliga-Einsätzen schon mal platziert.

Die intensive Rückkehr

Zunächst stand ohnehin anderes an. Am 28. Dezember reiste er aus Melsungen ab. Am 2. Januar traf sich die Nationalmannschaft, die am vergangenen Wochenende den 47. Yellow-Cup in Winterthur bestritt. Sidorowicz war der «Kopf» dieses Traditionsturniers, sein Bild sah man auf Plakaten, Tickets und dem Programm. Im Startmatch beim 28:28 gegen Japan erzielte er sechs der letzten acht Schweizer Treffer. Insgesamt machte er sich mit 16 Treffern zum Topskorer des Yellow Cups, den die Schweiz hinter Afrikameister Tunesien und vor Portugal sowie Japan auf Platz 2 abschloss.

Langweilig wird es ihm auch in der Schweiz nicht. Zwischendurch muss er für die Abschlussprüfungen der Berufsmittelschule lernen, die am 14. Januar anstehen. Diesen Freitag und Samstag gehts am Mastercup in Zug mit zwei Länderspielen weiter. Die Schweiz trifft zweimal auf Polen, auf die Heimat seines Vaters Andrzej, eines ehemaligen Bundesliga-Volleyballers, der aus Krakau stammt, sowie auf das Land, für das Roman Sidorowicz seine ersten internationale Einsätze bestritt.

«Je nachdem, wie es weitergeht, schaue ich mich nach einer eigenen Wohnung um.»Roman Sidorowicz

In der Schweiz hatte er nach einem Förderlehrgang in Magglingen keinen Platz in einer Nachwuchsauswahl gefunden. «Das hat mir vielleicht sogar gut getan. Es hat mich dazu veranlasst, weiter an mir zu arbeiten», erklärte Sidorowicz. Als er 20 war, meldete sich der polnische Verband beim Doppelbürger. Und so hat es sich ergeben, dass Roman Sidorowicz, damals noch bei GC Amicitia, nach Warschau und Zakopane aufgeboten wurde und knapp zehn Partien für seine zweite Heimat bestritt. Zwei jener Teamkollegen waren Aufbauer Rafal Przybylski (jetzt bei Toulouse) sowie Kreisläufer Kamil Syprzak vom FC Barcelona, die momentan zu Polens verjüngtem Nationalkader gehören.

«Polen war ein gutes Erlebnis. Leider konnte ich die Sprache nicht besonders», erinnert sich Sidorowicz. Immerhin waren ein paar Spieler aus Deutschland – darunter Paul Bar, inzwischen Torhüter beim HC Kriens-Luzern – dabei, die übersetzen konnten. Nach der U-21 aber hörte er aus Polen nichts mehr.

Dafür wurde endlich der SHV auf ihn aufmerksam: Seit 2014 tritt er regelmässig im Schweizer Nationalteam an – ohne zuvor je für eine Nachwuchsauswahl gespielt zu haben. Und mittlerweile gehört er zu sieben Schweizern, die in einer Topliga im Ausland engagiert sind. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.01.2019, 14:34 Uhr

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