Fussball

«Würde alles wieder gleich machen»

Anfang Woche hat die Kaltbrunnerin Selina Kuster ihren Rücktritt vom Spitzensport verkündet – im jungen Alter von 26 Jahren, als Folge einer gravierenden Knieverletzung. Im Interview blickt die Linksfüsserin auf ihre Karriere zurück.

Problemzone rechtes Knie: Linksfüsserin Selina Kuster (rechts, angegangen von der Amerikanerin Carli Lloyd bei einem Länderspiel 2016) erlitt in ihrer Karriere mehrere schwere Verletzungen an ihrem Standbein.

Problemzone rechtes Knie: Linksfüsserin Selina Kuster (rechts, angegangen von der Amerikanerin Carli Lloyd bei einem Länderspiel 2016) erlitt in ihrer Karriere mehrere schwere Verletzungen an ihrem Standbein. Bild: Keystone

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Wie geht es Ihnen kurz nach Bekanntgabe Ihres Rücktritts?
Selina Kuster: Eigentlich gleich wie davor, ich realisiere es irgendwie noch gar nicht recht. Mein Programm ist aktuell immer noch dasselbe wie seit langem. Dreimal pro Woche gehe ich zur Physiotherapie, einmal trainiere ich beim, aber nicht mit dem Team, dazu begleite ich es an die Spiele. Der erste und grössere Teil wird mich noch eine ganze Weile weiterbeschäftigen.

Wenn eine Verletzung den Zeitpunkt des Karrierenendes bestimme, sei das besonders bitter, sagen viele Sportler.Empfinden Sie gleich?
Da muss ich ein bisschen ausholen. Für mich war irgendwie immer klar, dass ich nicht bis 30 Fussball spielen werde. Im Frühjahr 2017 machte ich mir erstmals Gedanken darüber, wie es weitergehen soll, respektive wie mein Leben nach dem Fussball aussehen könnte. Mit der EM-Endrunde in Holland, der ersten überhaupt für die Schweiz, stand da aber noch ein grosses Highlight an, zudem wollte ich mit den FCZ-Frauen unbedingt nochmals das Double holen, nachdem absehbar war, dass es 2017 keinen Titel gibt. Das waren zwei Ziele, die mich zum Weitermachen bewegten.

Dann kam dieser verhängnisvolle 13. Mai 2017. Bei einem Zweikampf rissen Sie sich das vordere Kreuzband und den Aussenmeniskus am rechten Knie.
Genau. Das war brutal – vor allem wegen dem EM-Aus. Ich hatte die ganze Qualifikation gespielt und freute mich riesig auf dieses Turnier. Dann sagte ich mir: So darf es nicht enden.

Aus einem Comeback wurde es dann aber nichts. Weshalb?
Nach der Operation verlief der Aufbau zuerst nach Plan. Plötzlich verspürte ich aber wieder Schmerzen. Ich reduzierte den Trainingsumfang, doch es wurde nicht besser. Ein MRI zeigte dann, dass ein Knorpelschaden vorliegt. Weil ich das Knie lange nicht beugen konnte, kam es zu Verklebungen und dadurch zu einer Fehlstellung der Kniescheibe – so die Theorie. Es wurde eine nächste Operation nötig. In dem Moment war für mich klar: Das war’s. Den Entscheid zögerte ich allerdings hinaus. Irgendwann musste ich mich ernsthaft fragen: Bin ich bereit, den langen und ungewissen Weg zum Comeback nochmals zu gehen? Die Antwort: Nein. Der Aufwand war mir zu gross, das Risiko für Spätfolgen zu hoch. Es war ja nicht meine erste schwere Verletzung. Ich hatte schon die Patellasehne und das hintere Kreuzband gerissen, den Meniskus operiert sowie den Schienbeinkopf gebrochen. Immer rechts, an meinem Standbein.

Obwohl erst 26-jährig, blicken Sie auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurück. Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte?
Sicher die WM-Endrunde in Kanada. Es war die erste WM für die Schweizer Frauennati. Nach überstandener Gruppenphase trafen wir im Achtelfinal auf die Gastgeberinnen. Obwohl wir 0:1 verloren, war diese Partie ein riesen Erlebnis. Wir spielten vor 60 000 Zuschauern, alle waren rot-weiss gekleidet – natürlich weniger wegen uns. (lacht) Ebenfalls speziell in Erinnerung geblieben ist mir der Cupfinal 2015. Er fand im Grünfeld in Jona statt, also mehr oder weniger vor meiner Haustüre. Wir zeigten ein super Spiel, gewannen den Titel. Ausserdem waren viele Bekannte unter den Zuschauern, darunter eine Schulklasse, der ich Sportlektionen gab. Trotz Regen sorgten die Schüler für eine super Stimmung, riefen «Hopp Frau Kuster» und hielten Blätter mit den Buchstaben meines Namens in die Höhe. Darauf werde ich heute noch ab und zu angesprochen. (lacht)

Welches waren die grössten Enttäuschungen?
Das Schlimmste war wie zuvor erwähnt das Verpassen der EM 2017.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was Sie als Spielerin noch erleben oder erreichen könnten, wie lautete dieser?
Mein letzter grosser Wunsch war nochmals im Kader zu sein – obwohl klar war, dass ein Einsatz nicht möglich ist. Dieser erfüllte mir unser Trainer im Spiel gegen YB, in dem es um nichts mehr ging. Ansonsten habe ich abgesehen von der EM-Teilnahme alles erreicht, was ich mir erträumt hatte.

Was war Ihre grösste Stärke als Spielerin?
Sicher der Wille. Und die Physis. Ich war lauf- und zweikampfstark.

Und was hätten Sie gerne besser gekonnt?
(lacht) Ich hätte gerne die Fähigkeit gehabt, einen besseren ersten Pass zu spielen. Vor allem in der Zeit, als ich Innenverteidigerin war

Selina Kuster spielte ab 2014 für den FCZ. Bild: Keystone.

Welche Positionen haben Sie sonst gespielt?
Eigentlich alle auf der linken Seite. Als Juniorinnen spielte ich oft im Mittelfeld. Als dann der Aussenverteidiger zum Flügel wurde, übernahm ich diese Rolle. Ich habe sie immer modern interpretiert, sprich bin viel gelaufen, habe das eins-gegen-eins gesucht und reingeflankt. Ich war immer lieber vorne als hinten. (lacht)

Eine Karriere im Sport ist mit grossen Opfern verbunden. Würden Sie nochmals Fussballerin werden oder vielleicht eher Tennisspielerin, weil es dort auch für Frauen deutlich mehr zu verdienen gibt?
Ich würde alles wieder gleich machen. Klar wäre es schön gewesen, mehr Geld zu verdienen, aber für mich stand immer der Sport im Vordergrund. Ich durfte sehr viel erleben – und das ist unbezahlbar.

Nicht nur geht es bei den Frauen um weniger Geld, sie erhalten auch weniger Aufmerksamkeit von den Fans, den Medien, etc. Störte oder ärgerte Sie das nie?
Doch, schon. Nicht zuletzt, weil man als Frau ja mehr Aufwand betreibt, weil die meisten nebenher noch arbeiten. Aber man gewöhnt sich dran. Und umso schöner war es dann, wenn wir dann doch einmal viel Aufmerksamkeit erhielten, beispielsweise an der WM. Aber das sind Sachen, die man als Spielerin nicht beeinflussen kann. Es bringt also nichts, sich aufzuregen.

Wie geht es nun weiter? Bleiben Sie dem Fussball in anderer Funktion erhalten?
Das lasse ich mir noch etwas offen. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann etwas im Fussball zu machen. Zunächst geht es nun aber einmal darum wieder soweit gesund zu werden, dass ich im Alltag keine Schmerzen mehr habe. Die Physiotherapie wird sicher noch einige Monate dauern. Wegen der Verletzung konnte ich mich auch bereits etwas auf die Zeit ohne Fussball vorbereiten. Ich habe mein Arbeitspensum in der Administration/Buchhaltung der Spitex Linth schon länger von 50 auf 70 Prozent erhöht. Noch gewöhnen muss ich mich daran, nicht mehr von A bis Z verplante Tage zu haben. (lacht)

Am Samstag steht zum Abschluss der Saison noch der Cupfinal an. «Ihr» FC Zürich trifft in Biel auf Lugano. Wie nahe werden Sie da noch am Team dran sein?
Ich werde mit anderen verletzten Spielerinnen im Zug nach Biel reisen, das Spiel von der Tribüne verfolgen und dann hoffentlich mit dem Team feiern können.

Gab oder gibt es noch eine Verabschiedung vom Team?
Vom Verein bin ich beim letzten Meisterschaftsspiel verabschiedet worden. Nach Saisonende gibt es dann noch ein Abschlussessen, diesmal beim Trainer, der ja auch aufhört. Grundsätzlich hoffe ich, dass ich den Kontakt zu vielen Kolleginnen weiterhin pflegen kann. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.06.2018, 13:15 Uhr

Infos zur Karriere

Fussball zu spielen begann Selina Kuster 2001 beim FC Eschenbach. Von ihren Brüdern hatte sich die Begeisterung für diesen Sport auf sie übertragen. 2005 wechselte sie in den Nachwuchs des FC St. Gallen, im Januar 2008 zu GC/Schwerzenbach (später GC), mit dem sie wenig später den Cuptitel gewann. Auf die Saison 2014/15 hin zog es die linke Aussenverteidigerin zum Stadtrivalen. Mit dem FC Zürich feierte die Kaltbrunnerin drei Meistertitel (15/16/18) und zwei Cupsiege (15/16) – ein weiterer Triumph im Cup könnte heute hinzukommen, falls die FCZ-Frauen Lugano bezwingen – und absolvierte zudem Partien in der Champions League.

Auf internationalem Parkett trat Selina Kuster als Nationalspielerin auf. Ab 2009 gehörte sie zum Stamm der A-Nati (76 Länderspiele/2 Tore). 2015 bestritt sie die WM-Endrunde in Kanada (Achtelfinal). Die EM-Endrunde 2017 in Holland verpasste sie nach erfolgreicher Qualifikation verletzungsbedingt.

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