Fussball

Starkes Spiel – das Resultat passt zu wenig

Die Schweiz wäre gut genug gewesen für einen Sieg gegen Rumänien. Mangels Effizienz musste sie sich mit einem 1:1 bescheiden. Aber sie kann sich mit ihren vier Punkten schon fast als EM-Achtelfinalist fühlen. Ihr Ziel allerdings ist höher: Sie will am Sonntag gegen Frankreich Erster werden.

Die Schweizer waren defensiv solide, offensiv mit Steigerungspotenzial: Ricardo Rodriguez' Flanke fand keinen Abnehmer (links Rumäniens Gabriel Torje).

Die Schweizer waren defensiv solide, offensiv mit Steigerungspotenzial: Ricardo Rodriguez' Flanke fand keinen Abnehmer (links Rumäniens Gabriel Torje). Bild: Albert René Kolb

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Die Nati hat an diesem frühen Mittwochabend im Pariser Prinzenpark, wo Michel Platinis Franzosen vor 32 Jahren Europameister wurden, manches von dem erfüllt, was sie sich vorgenommen hatte. Was dann auch als Steigerung zum zwar erfolgreichen, aber spielerisch mühsamen Startmatch gegen Albanien zu werten war.

Die Schweizer spielten in der Tat ziemlich befreit auf, jedenfalls anders als gegen die Albaner. Sie hatten den Gegner, der doch deutlich höher eingestuft wurde als jene und der die Franzosen sehr hart gefordert hatte, von der ersten Minute an im Griff – und dies dann praktisch bis zur letzten Minuten. Es war spielerisch eine der besten Leistungen in der Amtszeit Vladimir Petkovics. Vielleicht nur noch im Auswärtsspiel in Slowenien in der Anfangsphase der Ausscheidung waren die Schweizer besser. Damals verloren sie dennoch, durch einen Penalty.

Seferovic und die Effizienz

In Maribor reüssierten die Schweizer trotz krasser Überlegenheit und vielen Torchancen nicht, weil sie zu wenig effizient spielten – vor allem Haris Seferovic. Gestern drohte ihnen eine Zeit lang dasselbe Schicksal, denn wieder machten sie – und wieder vor allem Seferovic – aus einer bemerkenswerten Zahl guter Szenen bis klarer Torchancen zu wenig, will heissen: nichts. Und dann stand es statt mindestens 1:0 für die Schweiz nach 18 Minuten plötzlich 0:1.

Stephan Lichtsteiner hatte im Duell mit Alexandru Chipciu von Steaua Bukarest, einem der vier Neuen im Team der Rumänen, dessen Trikot gefasst; in einer Art, wie es einem Routinier seines Zuschnitts nicht passieren sollte; eine spielerische Undiszipliniertheit eben. Es mag ja sein, dass nicht jeder Schiedsrichter so was ahndet. Aber dass der Russe Sergej Kasarew, der gut leitete, eingriff, war absolut verständlich.

1:0 stand es dann bis zur 56. Minute. Die Schweizer waren zwar weiterhin die bessere Mannschaft. Und dennoch wäre ihnen, zehn Minuten nach dem Elfmeter, beinahe noch das Missgeschick eines zweiten Gegentores unterlaufen. Nach einem Freistoss fiel der Ball dem rumänischen Rechtsverteidiger Cristian Sapunaru auf den Fuss. Der traf zum Glück nur den Aussenpfosten.

Mehmedi: Tor statt Wechsel

Allmählich musste sich Petkovic überlegen, wie er seiner Mannschaft einen Impuls verleihen wollte. Breel Embolo und Eren Derdiyok waren an der Seitenlinie offensichtlich die Kandidaten des Coachs, Seferovic und wohl auch Admir Mehmedi die Anwärter für einen Austausch. Embolo stand jedenfalls schon bereit, als Ricardo Rodriguez einen Eckball schlug, der kurz abgewehrt wurde und dann – ausgerechnet – Mehmedi die Gelegenheit gab, mit einem fulminanten Direktschuss auszugleichen.

Es war klar, dass sich Petkovic dann die Situation neu überlegte. Ein paar Minuten später kam Embolo für Seferovic; Derdiyok blieb bis zum Schluss draussen. Der zweite Neue, Michael Lang, war eher zur defensiven Absicherung gedacht. Mehmedi blieb drin.

Die Schweizer drängten in der letzten halben Stunde weiterhin auf den Sieg, die Rumänen waren dazu offensichtlich nicht mehr fähig. Der Sieg wäre mehr als gerechtfertigt gewesen. Es sprach an diesem Tag alles für die Schweizer – nur eben die Effizienz nicht, einen der Punkte, in denen Petkovic im Vergleich zum Albanien-Spiel eine Steigerung verlangt hatte. Diese Vorgabe erfüllte seine Mannschaft nicht. Es war allerdings die einzige.

Statistik für die Schweiz

Dass die Schweizer optisch besser waren und eben in jeder Beziehung bis zum Abschluss, war das eine. Dass diese Eindrücke durch die Statistiken gestützt wurden, war das andere. Die Schweizer erreichten 62 Prozent Ballbesitz, eine Passsicherheit von 88 Prozent, und sie liefen insgesamt drei Kilometer mehr.

Es war jedenfalls erstaunlich, wie die Schweizer einen Gegner beherrschten und ihm auch manche Torchance aufzwangen, der in der Qualifikation in acht von zehn Spielen ohne Gegentor geblieben war. Dessen Torhüter insgesamt nur zwei Tore kassierte, was Rekord für die ganze Ausscheidung war. Nun kamen die Schweizer und liessen diese rumänische Defensive sehr gewöhnlich aussehen. Das ist das vielleicht grösste Lob, das man ihnen machen kann.

Gut in der Balance

Es war auch erfreulich, welche Balance die Nati erreichte – von defensiver Kompaktheit und offensiver Wirkung. Es war diesbezüglich eine ziemlich komplette und reife Vorstellung, und sie wäre gar völlig komplett gewesen, hätte die Schweiz geschafft, was diesem Spiel angemessen gewesen wäre: einen Sieg, einen sicheren Sieg.

Es bleibt für den Match am Sonntag also noch die Steigerungsmöglichkeit, mehr aus diesen Möglichkeiten zu machen. Und weil die Franzosen der wohl nicht nur nominell stärkste Gegner sind, wird mehr Effizienz allein deshalb nötig sein, weil man nicht mehr mit so vielen Torchancen rechnen darf wie gegen Albanien, wie gestern gegen die Rumänen.

Auf jeden Fall hat die Schweiz in einem zweiten wichtigen Moment dieses Turniers gezeigt, bereit zu sein, in ordentlicher bis guter Form. Natürlich gibt es auch individuell noch den einen oder andern Kandidaten, sich zu steigern. Lichtsteiner ist einer, Xherdan Shaqiri noch immer ein anderer. Und eben Seferovic im Abschluss – oder Embolo oder Derdiyok, wenn sich Petkovic zu einem Wechsel entschliessen sollte.

Aber die Schweiz hat ihr EM-Schicksal auch nach dem zweiten Tag in eigener Hand. Sie kann weiterhin eigener Kraft Gruppensieger werden. Und die vier Punkte, die sie nun auf dem Konto hat, reichen so gut wie sicher aus, um – nach einer Niederlage gegen Frankreich und einem Sieg der Rumänen gegen Albanien – einer der vier besten Gruppendritten zu werden.

Dass eine Mannschaft mit vier Punkten ausgeschieden ist, das hat es erst einmal gegeben – als Norwegen 1994 an der WM in den USA gleich viele Punkte hatte wie der Erste (Mexiko), der Zweite (Irland) und der Dritte (Italien), aber am wenigsten Tore geschossen hatte.

Erstellt: 16.06.2016, 08:27 Uhr

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