Thalwil

Seebub reitet auf Erfolgswelle

Christian Fassnacht hat sich in der Super League prächtig entwickelt. Für den FC Thun ist der Thalwiler ein Juwel – «und fast schon unverzichtbar geworden», betont Trainer Jeff Saibene.

Der Thalwiler Christian Fassnacht ist bei Thun derart torgefährlich, dass ihn im Letzigrund gleich die beiden GC-Spieler Numa Lavanchy (vorne) und Ridge Munsy (rechts) stoppen müssen.

Der Thalwiler Christian Fassnacht ist bei Thun derart torgefährlich, dass ihn im Letzigrund gleich die beiden GC-Spieler Numa Lavanchy (vorne) und Ridge Munsy (rechts) stoppen müssen. Bild: Keystone

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Nach dem Gastspiel bei den Zürcher Grasshoppers ist Christian Fassnacht ein gefragter Akteur. Etliche Journalisten wollen den Thalwiler am Samstagabend interviewen. Schliesslich bereitete er in der 37. Minute mit einer Flanke von links in den Strafraum das 1:0 durch Dejan Sorgic vor. Dieser Treffer brachte dem FC Thun zum Auftakt der Rückrunde in der Super League drei wertvolle Punkte ein. «Für uns war das ein extrem wichtiger Sieg», hebt Fassnacht hervor und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Bereits in der Vorrunde hatte der Stürmer auswärts gegen GC geglänzt. Ihm war am 19. November 2016 mit einem Volleyschuss das 1:1 gelungen. Dank dem fünften Saisontreffer des 23-Jährigen konnte Thun damals einen Zähler ins Berner Oberland entführen. Der Rasen im Letzigrund liegt ihm – «offenbar», lacht Fassnacht. Ausgerechnet dort, wo auch der FC Zürich seine Heimspiele austrägt, konnte der Zürcher jeweils über sich hinauswachsen.

Spezielle Emotionen im Letzi

Dem FCZ hatte der Seebub einst als Junior angehört. Bis Fassnacht, mit der Begründung er sei zu klein (damals 1,50 m), auf Stufe U16 ausgemustert worden war. Was ihn nicht davon abhielt, die Stadtzürcher weiterhin als Fan in der Südkurve anzufeuern. Heute steht er nicht mehr dort, sondern unten auf dem Spielfeld – und eine Klasse höher als der FCZ. «Im Letzigrund zu spielen, ist schon sehr speziell, denn für mich gehen hier Kindheitsträume in Erfüllung», hält Fassnacht fest. «Aber heute hat es sich normaler angefühlt als beim ersten Mal.»

Aus dem (zu) kleinen Teenager ist ein gross gewachsener (1,85 m) Angreifer geworden, der sich bis zu den «Grossen» hochgearbeitet hat. Vom FCZ war er zu Red Star ZH gelangt und dort in der Saison 2009/10 als Mittelfeldspieler auf den Geschmack des Toreschies­sens gekommen. Danach stürmte Fassnacht für seinen Heimatklub Thalwil und verhalf diesem im Sommer 2013 zum Aufstieg in die 1. Liga. 21 Treffer hatte er in 77 Partien für die Grün-Weissen erzielt. «Mit einigen ehemaligen Thalwiler Teamkollegen habe ich noch Kontakt», verrät er.

Die Tore des Thalwilers sind längst auf Youtube zu bewundern.

Thalwil lieh ihn für die Rückrunde der Saison 2014/15 dem FC Tuggen aus. In der Promotion League überzeugte Fassnacht ebenso (18 Spiele, 11 Tore), wodurch er die nächste Stufe seiner Karriereleiter erklomm. Winterthur verpflichtete den Stürmer. Beim Vertreter aus der Challenge League schlug er in der vergangenen Saison derart ein, dass der FC Thun dem 23-Jährigen im letzten Mai einen Vertrag bis 2019 mit Option unterbreitete.

Wöchentlich am Zürichsee

Im Berner Oberland erkämpfte sich Fassnacht umgehend einen Stammplatz in der Offensive. «In Thun fühle ich mich extrem wohl», begründet er sein Aufblühen. Der Zusammenhalt im Team sei sehr gut. «Alle sind füreinander da.» Die Mitspieler waren ihm auch beim Einleben in der neuen Stadt behilflich. «Und in der Freizeit unternehmen wir oft etwas zusammen», ergänzt Fassnacht, der regelmässig auf dem Golfplatz neben der Thuner Stockhorn-Arena anzutreffen ist. Das Alleinsein mag er nicht. Umso mehr schätzt es der Profi, dass seine Freundin Jenny ihn «so oft es geht» besuchen kommt. Seit vier Jahren sind die beiden ein Paar. «Sie ist für mich eine sehr wichtige Stütze», betont er.

Viel bedeutet Fassnacht auch die Familie. Seine Mutter wohnt wie Partnerin Jenny in Thalwil. Der Vater hat eine Wohnung in Langnau am Albis. «Er lebt aber meistens im Bündnerland», verrät der jüngste Sohn. Einmal pro Woche reist Christian Fassnacht an den Zürichsee – inzwischen mit dem Zug. «Denn der Stau hat mich mental kaputt gemacht.» Er stellt klar: «Das Berner Oberland und der Thunersee sind zwar auch schön, aber ‹Züri› ist meine Heimat.» Mit seinen ältereren Brüdern tauscht er sich oft aus. Daniel (27) verteidigt beim Zweitligisten Horgen. Früher spielten die beiden zusammen in Thalwil. Fabian (25) ist aktiver Firmenfussballer. «Die ganze Familie war heute im Stadion», gibt der Profi preis und lächelt, denn: «Dani ist GC-Fan.» Immerhin durfte er sich über den starken Auftritt seines jüngsten Bruders freuen.

An der Effizienz feilen

An Christian Fassnachts Leistung hat Jeff Saibene am Samstag einmal mehr grossen Gefallen gefunden. «Er ist überaus wichtig für unser Team und schon fast unverzichtbar geworden», betont der Thuner Coach, welcher sein Amt per Ende Saison abgibt. Er lobt den Thalwiler in den höchsten Tönen: «Neben seiner unglaublichen Schnelligkeit zeichnen ihn Bescheidenheit und ruhiges Auftreten aus.» Zudem setze Fassnacht seine Anweisungen um. «Daher ist er ein einfach zu führender Spieler.» Nur an seiner Effizienz müsse der Stürmer noch arbeiten. «Aber ohne sich Druck aufzusetzen, denn das ist Jammern auf hohem Niveau», sagt Saibene.

Fassnacht ist sich bewusst: «Im Herbst wären für mich mehr als fünf Tore drin gelegen.» Er müsse vor allem im Abschluss noch effizienter werden. «Ich will vermehrter in die Tiefe gehen und so noch ‹ekliger› werden», sagt der Stürmer mit der Rückennummer 16, die seine Glückszahl ist.

«Einen Schritt weiter gehen»

«2016 war mein Jahr», hatte Fassnacht im Dezember gegenüber Journalisten gesagt. «2017 wird hoffentlich noch besser», antwortet er darauf angesprochen. Sein kometenhafter Aufstieg, der medial mit Superlativen beschrieben wurde, weckte Erwartungen. «Im Rampenlicht stehe ich zwar nicht so gern», gibt er zu, «aber das gehört zum Profidasein.» Trotz des Rummels um ihn hebt Fassnacht nicht ab. Auch im Wissen, «dass ich wohl schnell zur medialen Zielscheibe und als Erster angegriffen werde, sollte es mir mal nicht mehr so laufen.»

Vorerst reitet der Seebub jedoch weiter auf einer Erfolgswelle, die wie bei einem Wakeboarder kein Ende zu nehmen scheint. Fassnacht wird gar eine Zukunft bei einem grösseren Klub prophezeit. Er arbeitet darauf hin, «einen Schritt weiter zu gehen», fokussiert sich allerdings auf die Gegenwart. Einen Blick nach vorn wagt er dennoch: «Wenn ich das nächste Mal hier im Letzigrund bin, laufe ich vielleicht vor der Südkurve auf – das wird dann noch spezieller.»

Erstellt: 07.02.2017, 08:42 Uhr

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