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«Ich kann diese Vorgänge nicht ausstehen»

Der frühere FCZ-Spieler Cédric Brunner fühlt sich bei Arminia Bielefeld gut aufgehoben. Etwas macht ihm aber zu schaffen.

Kämpft um den Ligaerhalt: Cédric Brunner.
Kämpft um den Ligaerhalt: Cédric Brunner.
Friso Gentsch, Keystone
Am Boden: Die Entlassung von Cheftrainer Jeff Saibene hatte dem 24-Jährigen zugesetzt.
Am Boden: Die Entlassung von Cheftrainer Jeff Saibene hatte dem 24-Jährigen zugesetzt.
Friso Gentsch, Keystone
Nicht immer im Fokus: Brunner spielt jetzt in der 2. Bundesliga in Bielefeld – keiner Touristenhochburg.
Nicht immer im Fokus: Brunner spielt jetzt in der 2. Bundesliga in Bielefeld – keiner Touristenhochburg.
Friso Gentsch, Keystone
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Ein paar Tage frei hat er, aber Cédric Brunner hat darauf verzichtet, irgendwohin zu fliegen, um das alte Jahr an einem Strand unter der Sonne ausklingen zu lassen. Er hat es vorgezogen, die Festtage bei seinen Eltern in Maur zu verbringen, Freunde in Zürich zu treffen und sich auch genügend Zeit zu nehmen, um das vergangene Halbjahr aufzuarbeiten. Und passiert ist in diesem Abschnitt seines Lebens einiges.

Brunner ist ein 24-jähriger Fussballer, der im Sommer den FC Zürich nach zwölf Jahren verliess, um seine Karriere bei Arminia Bielefeld in der 2. deutschen Bundesliga fortzusetzen, beim Traditionsverein erhielt er einen Zweijahresvertrag. Anlaufzeit benötigte er keine, um sich in neuer Umgebung zurechtzufinden. Auf 13 Spiele brachte er es in der Meisterschaft, dazu kommt eine Partie im Cup. Ohne die dreiwöchige Zwangspause nach einem Meniskusriss und eine Gelbsperre sähe die persönliche Statistik noch etwas besser aus. Der letzte Einsatz des Jahres für den 14. der Tabelle gegen Heidenheim (1:2) endete am Samstag nach 38 Minuten: Bei einem Zusammenprall mit einem Gegenspieler erlitt er eine Gehirnerschütterung und musste ausgewechselt werden.

Die Parallelen zum FCZ

Eine längere Phase in der jüngeren Vergangenheit erinnerte ihn stark an die Saison, als er mit dem FCZ in die Challenge League abstieg. Neunmal in Serie blieb die Arminia sieglos, «und das nagte stark am Selbstvertrauen», sagt der Rechtsverteidiger, «die Qualität im Kader war vorhanden, aber die Verunsicherung eben auch». Die Konsequenzen zu tragen hatte vor allem einer: der Trainer. Jeff Saibene musste am 10. Dezember gehen, und das machte Brunner ziemlich zu schaffen: «Entlassungen sind leider nicht selten im Fussball, aber ich kann diese Vorgänge nicht ausstehen. Jeff war einer der Hauptgründe, warum ich nach Bielefeld kam. Nach seiner Freistellung plagte mich das Gewissen: Was hätte ich besser machen können, um die Trennung zu vermeiden.» Einfach so zur Tagesordnung übergehen, nein, das funktionierte nicht: «Ich brauche in solchen Fällen zwei, drei Wochen, um das zu verarbeiten.»

Brunner gilt als Spieler, der sich zu sehr vielem sehr viele Gedanken macht. In Zürich hat er nebenbei Psychologie studiert, sechs Semester hat er hinter sich. Als Kind wollte er eigentlich Arzt werden wie sein Vater, aber ein Medizinstudium und Spitzensport, das liess sich nicht vereinbaren. Und auf Fussball wollte Brunner nicht verzichten, «das hat Priorität, weil ich so viel in den Sport investiert habe».

Mit dem FCZ erlebt Brunner einen schmerzhaften Abstieg, einen souveränen Aufstieg, zwei Cupsiege, zwei Kampagnen in der Europa League. Bevor er in Bielefeld sein erstes Training bestreitet, hat er Respekt, weil er ja der Unbekannte aus der Schweiz ist, und wer hat schon auf ihn gewartet. Aber die Zweifel verfliegen rasch. Er legt jede Scheu ab, geht aktiv auf die Menschen zu und kommt damit gut an. Brunner spürt: «Hier bin ich gut aufgehoben.» Er versteht die Zeit in Deutschland auch als Lehre, nicht nur, was das Fussballerische angeht. Erstmals lebt er in einer eigenen Wohnung, kocht, wäscht, putzt – er eignet sich Selbständigkeit an.

Ausgebremst vom Maskottchen

Nur in einem Punkt ist selbst mit Offenheit und Freundlichkeit nichts auszurichten. Brunner wünscht sich die Rückennummer 26 wie in Zürich, aber Lohmann hat ihn ausgebremst. Lohmann? So heisst das Maskottchen, für das die 26 reserviert ist. Brunner entscheidet sich für die 27, was ihm auch deshalb leicht fällt, weil die beim FCZ Marco Schönbächler trägt, einer seiner besten Freunde.

Sein Lebensmittelpunkt ist nun also nicht mehr sein geliebtes Zürich, sondern Bielefeld mit 340’000 Einwohnern, eine Ecke Deutschlands, die nicht im Ruf steht, ein Touristenmagnet zu sein. Manche spotten: «Ist ja gar keine Stadt!» Brunner hört darüber hinweg. Für ihn lebt es sich bestens mitten in Bielefeld. Er ist oft zu Fuss unterwegs, manchmal radelt er ins Training, er nimmt Englisch-Unterricht, demnächst auch Yoga-Stunden und stemmt freiwillig im Kraftraum Gewichte, um robuster zu werden. Oder er zieht sich zurück, um sich in Bücher zu vertiefen, «so kann ich herrlich entspannen».

Irgendwann Sportpsychologe?

Die Lektüre dreht sich mehrheitlich um Psychologie. Brunner kann sich vorstellen, sein Wissen auf diesem Gebiet irgendwann im Sportbereich anzuwenden, weil ihn Fragen faszinieren wie: Wie kann ich einem Athleten helfen, Selbstvertrauen aufzubauen? Wie lassen sich Grenzen verschieben, in einem Tief Blockaden lösen?

Üben kann er im Grunde jetzt schon, weil er in Bielefeld mit seinen Kollegen eine heikle Situation meistern muss. Nach dem Höhenflug auf Platz 4 in der vergangenen Saison ist die Mannschaft in Schwierigkeiten geraten: abgerutscht auf Platz 14 nach 18 Runden, Unruhe im Verein und rundherum. Brunner aber versucht, die Nervosität von sich fernzuhalten. Er sagt: «Wir sind gut genug, um von da unten wegzukommen.» Die Mission Ligaerhalt beginnt am 30. Januar mit dem Gastspiel bei Dynamo Dresden.

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