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Diese Mischung macht PSG gefährlich – für sich selbst

Vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Dortmund ist der Druck bei den Parisern auf Trainer und Team riesig. Eine Einschätzung in vier Akten.

Manchmal brillant, manchmal ein Ärgernis: Neymar soll PSG helfen, den Fluch zu besiegen. Foto: Getty Images
Manchmal brillant, manchmal ein Ärgernis: Neymar soll PSG helfen, den Fluch zu besiegen. Foto: Getty Images

Der Druck

Es droht das vierte Out im Achtelfinal in Serie

Seit dem Einstieg des schwerreichen Besitzers Qatar Sports Investments 2011 hat Paris Saint-Germain in der Champions League nie den Halbfinal erreicht – obwohl das Kader Jahr für Jahr kostspielig veredelt wird und der Triumph in der Königsklasse das klare Ziel ist. Rund 1,5 Milliarden Franken betrugen allein die Ausgaben für Ablösesummen. Bis 2016 scheiterte PSG viermal in Serie im Viertelfinal, zuletzt dreimal sogar schon im Achtelfinal.

Besonders brutal und unvergessen war das Ausscheiden 2017 gegen Barcelona. Nach einem 4:0 zu Hause verlor Paris das Rückspiel nach drei Gegentoren in den letzten Minuten 1:6, der überragende Neymar führte Barcelona damals zum Erfolg, nicht nur wegen seiner beiden Tore in der 88. und 91. Minute zum 4:1 und 5:1.

Vor einem Jahr schied die Pariser Startruppe nach einem 2:0 bei Manchester United zu Hause blamabel 1:3 aus. Neymar, seit 2017 bei PSG, fehlte verletzt und beobachtete den Untergang als Zuschauer fassungslos. «Wir müssen aufhören, Angst zu verkaufen», sagte Kylian Mbappé, der andere Starstürmer, danach.

Der Druck ist deshalb 2020 besonders gross. Die Leistung im Hinspiel der Achtelfinals bei Borussia Dortmund war wenig berauschend – das schmeichelhafte 1:2 immerhin ein akzeptables Ergebnis. Ein Geniestreich Mbappés genügte: Nach feiner Vorarbeit des französischen Weltmeisters gelang Neymar das wichtige Auswärtstor. Dortmund mit dem jungen Doppeltorschützen Erling Haaland wurde gefeiert, doch PSG genügt ein 1:0 zum Weiterkommen. Und zum Vertreiben der bösen Geister. «Wir haben ein erfahrenes Team», sagt der Brasilianer Marquinhos. «Und wir wissen, dass wir alle schlagen können.»

Der Trainer

Tuchel in der Kritik – trotz der Chance auf vier Titel

Die Situation bei PSG präsentiert sich jedoch einmal mehr chaotisch. Für Trainer Thomas Tuchel, einst bei Dortmund im Unfrieden geschieden, geht es gegen die Borussia um seinen Job. Er hielt sich nach dem Debakel gegen Manchester United überraschend im Amt, ein zweites frühes Scheitern würde man ihm nicht verzeihen. «Wir müssen mutig sein», sagt Tuchel, «und dürfen nicht ständig an den Druck denken.»

Erlebte schon einfachere Zeiten als Trainer: Thomas Tuchel. (Foto: Keystone)
Erlebte schon einfachere Zeiten als Trainer: Thomas Tuchel. (Foto: Keystone)

Der Deutsche hat immerhin einen pragmatischen Weg gefunden, um seine kapriziösen Angreifer halbwegs bei Laune zu halten. Die anderen müssen arbeiten, damit die zwei vorne zaubern können. Das hört sich wie eine Beleidigung für Taktik-Nerd Tuchel an. Mbappé reagiert bei Auswechslungen zuweilen immer noch wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat. Und Neymar ist sowieso kaum zu führen und besucht Partys selbst dann, wenn er verletzt ist.

Laut der Sportzeitung «L’Équipe» hielt Sportdirektor Leonardo letzte Woche eine Sondersitzung ab, um alle Fussballer daran zu erinnern, dass sie für ihre Auftritte auf dem Rasen und nicht im Nachtleben sowie auf Social Media bezahlt werden.

Tuchel steht zudem in der Kritik, weil er zuletzt ab und zu seltsame Systemexperimente einging. Längst werden Nachfolger wie der Italiener Massimiliano Allegri gehandelt. Andererseits kann Paris diese Saison noch vier Titel gewinnen – das Team steht im Final des französischen Cups sowie des Ligapcups und ist in der Ligue 1 weit voraus.

Der Superstar

Neymar ist herausragend – aber sehr oft verletzt

Um Neymar gibt es nie Ruhe. 28 ist der Brasilianer mittlerweile, er sollte – gemessen an seinem Talent – auf einer Stufe mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi stehen, weist ähnliche Skorerwerte auf wie die beiden in diesem Alter, seine Darbietungen sind oft herausragend. In 500 Pflichtspielen inklusive Nationalteam hat er 304 Tore erzielt und 192 Treffer vorbereitet. Aber er sorgt ständig für Theater. Mit Frauengeschichten und Brasilienreisen, Verletzungen und Wechselgelüsten.

Aktuell strebt Neymar wieder eine Rückkehr nach Barcelona an. Er soll angeblich knapp 200 Millionen Franken kosten, was ihn zum zweitteuersten Fussballer der Geschichte machen würde – hinter Neymar, der 2017 für 222 Millionen Euro zu Paris ging. Er soll bereit sein, statt 38 noch 24 Millionen Euro jährlich zu verdienen.

Bei PSG gefällt es Neymar auch nach bald drei Saisons nicht wirklich, die Hälfte der Pflichtspiele verpasst er zudem verletzt. Nach dem Hinspiel in Dortmund sagte er, es sei für ihn schwierig gewesen, weil er vorher wochenlang nicht eingesetzt worden sei. Eine «politische Entscheidung» sei das gewesen, kritisierte Neymar. Die katarischen Besitzer hatten angeblich verlangt, dass ihr sündhaft teurer Arbeitnehmer vor der Partie in Dortmund geschont werde – damit er sich nicht schon wieder verletzen kann.

Die Sorgen

Mbappé ist fraglich, Icardi beleidigt, Verratti gesperrt

Neymar und Mbappé also sollen es auch heute für Paris richten. Dieser Matchplan ist simpel, aber für den Gegner oft schwierig zu verteidigen. Wobei Mbappé am Montag und Dienstag wegen einer Angina im Training fehlte und sein Einsatz stark fraglich ist. Er unterzog sich auch einem Coronavirus-Test, der indes negativ ausfiel. Beim letzten PSG-Spiel vor einer Woche brillierten Mbappé und Neymar beim 5:1 im Ligacup-Halbfinal auswärts gegen das starke Lyon: Mbappé traf dreimal, Neymar war kaum zu bremsen und schoss ein Tor. Allerdings wurde er erneut regelmässig hart gefoult und humpelte mehrmals.

Wird wohl aufgrund einer Angina fehlen: Kylian Mbappé. (Foto: Keystone)
Wird wohl aufgrund einer Angina fehlen: Kylian Mbappé. (Foto: Keystone)

Die Personalprobleme im Pariser Luxus-Ensemble sind ohnehin beträchtlich. Abwehrchef Thiago Silva könnte nach einer Oberschenkelblessur wenigstens gerade rechtzeitig für heute Abend wieder fit sein. Der wertvolle Rechtsverteidiger Thomas Meunier dagegen ist ebenso gesperrt wie der noch wertvollere Stratege Marco Verratti. Zudem ist Mittelstürmer Edinson Cavani seit Monaten unzufrieden, weil er selten eingesetzt wird und schon lange den Club verlassen möchte.

Heute dürfte der Uruguayer spielen, zumal sich sein Konkurrent Mauro Icardi trotz 20 Pflichtspieltoren in Paris nicht willkommen fühlt. Icardi soll sich, so berichteten mehrere Medien, nicht ins Zusammenspiel von Neymar und Mbappé integriert fühlen, die beiden würden ihn nicht mit genügend Vorlagen bedienen. In dieser gefährlichen Gemengelage aus Unzufriedenheit und Egoismus, Ungeduld und Nervosität tritt Paris Saint-Germain am Mittwochabend gegen das formstarke, konterbegabte Dortmund zu einer wegweisenden Partie an. Es ist wegen des Coronavirus ein Geisterspiel. Und es spricht wenig für PSG – ausser die Sonderklasse seiner Freigeister.

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