Fussball

«Der Wechsel zu Chelsea hatte mir den Weg geebnet»

Jonas Elmer blickt auf die Highlights seiner Profikarriere zurück. Der 31-jährige Stäfner will künftig seinen Heimatklub trainieren.

Über 14 Jahre lang blieb Jonas Elmer (hier links in einer Challenge-League-Partie mit dem FC Rapperswil-Jona) als Profi stets am Ball: «Ich bin keiner, der im Nachhinein Karriereschritte hinterfragt hat.»

Über 14 Jahre lang blieb Jonas Elmer (hier links in einer Challenge-League-Partie mit dem FC Rapperswil-Jona) als Profi stets am Ball: «Ich bin keiner, der im Nachhinein Karriereschritte hinterfragt hat.» Bild: Franz Feldmann

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Jonas Elmer, warum haben Sie sich mitten in der Saison entschieden, mit dem Fussball auf Promotion-League-Niveau aufzuhören?
Es war ein schleichender Prozess. Vor allem das letzte halbe Jahr war für mich mental extrem hart und ermüdend. Ich arbeite mit einem 80-Prozent-Pensum in Oerlikon und fuhr nach der Arbeit viermal in der Woche nach Rapperswil-Jona zum Training. Ich werde in meinem Leben noch einiges länger in der Berufswelt tätig sein, als ich im Halbprofi-Bereich hätte Fussballspielen können. Der Zeitpunkt für den Schnitt ist gekommen.

Sie haben sich während Ihrer Zeit beim FCRJ ein zweites Standbein in der Immobilienbranche aufgebaut. Wurde die Kombination von Beruf und Fussball zuletzt zu viel?
In den letzten fast drei Jahren war ich fünf Tage pro Woche um 8 Uhr im Büro und nach dem Training um 20.30 Uhr zu Hause. Wenn wir während den zwei Challenge-League-Jahren am Samstag spielten, hatten wir am Sonntagmorgen das Auslaufen und am Montag frei. Dann war ich aber wieder im Büro, so blieb mir nur der Sonntagnachmittag, und dann war ich meistens so kaputt, dass ich nur noch schlief.

Wieso zogen Sie den Schlussstrich unter Ihre Karriere nicht schon am Ende der vergangenen Saison?
Wären wir letztes Jahr in der Challenge League geblieben, wäre das für mich ein würdiger Abschluss gewesen. Dann kam aber der Abstieg. Ich wollte den Klub in dieser Situation nicht zurücklassen. Ich wollte mithelfen, dass die Mannschaft wieder stabilisiert wird und auf einen guten Weg kommt. Ich wusste, dass dies nicht ewig dauern würde, weil die nötigen Strukturen im Verein vorhanden sind. Jetzt sind wir Zweiter und im Cup-Viertelfinal.

War dieser Cup-Viertelfinal am 4. März gegen ihren Ex-Klub FC Sion kein Reiz mehr?
Doch, natürlich spielte das in meinen Gedanken auch eine Rolle. Inklusive Vorbereitung hätte ich dieses hohe Pensum aber noch fünf Monate weiterziehen müssen. Diesen Aufwand wollte ich nicht mehr auf mich nehmen. Es wäre etwas Anderes gewesen, wenn ich noch nie in einem Cup-Viertelfinal gespielt hätte. Und den Match gegen Sion zum Abschiedsspiel zu machen, das kam für mich nicht in Frage.

«Der Lohn reichte zum Leben, aber der Aufwand in dieser Liga ist riesig.»

War Ihnen während der Profikarriere immer bewusst, dass es ein Leben danach gibt und dass sie dafür beruflich vorbereitet sein wollen?
Das hat sich während meinen beiden Saisons in der Challenge League mit Winterthur und Biel (2013 bis 2015; Red.) intensiviert. Der Lohn reichte zum Leben, aber der Aufwand in dieser Liga ist riesig. Als 2015 der Kontakt mit «Rappi» zustande kam, ergab sich die Chance, zusätzlich zum Fussball als Sachbearbeiter ins Berufsleben einzusteigen. Wenn man nie im Leben gearbeitet hat, ist ein solcher Einstieg nicht so einfach. Parallel machte ich ein Bachelor-Studium. Im letzten Sommer wurde ich zum Bewirtschafter befördert und beginne bald mit der entsprechenden einjährigen Schule.

Wissen Sie noch, was Sie am 8. September 2013 machten?
(überlegt lange) Da müsste ich noch beim FC Sion gewesen sein.

Nein. Es war Ihr erstes Spiel für den Toronto FC. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in der Major League Soccer?
Toronto war eine extrem spannende Zeit, auch wenn es sportlich nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte. Ich war mitten in der Saison verletzt angereist und gab dann bei einem 0:4 in Portland mein Debüt.

Ihr drittes MSL-Spiel eine Woche später war bereits Ihr letztes, ein 0:2 gegen die New York Red Bulls, die einen sehr prominenten Namen in ihren Reihen hatten.
Das war Thierry Henry. In der MSL standen schon damals immer wieder grosse Namen auf dem Platz. Es ist eine tolle Liga und das ganze Drumherum mit der Organisation ist Weltklasse. Insgesamt war ich nur etwas mehr als drei Monate in Toronto und hatte dort eine sehr gute Zeit.

«Ich sagte mir, wenn ich ins Ausland gehe, dann zu einem grossen Verein»

Im Ausland hatten Sie auch schon von 2005 bis 2007 gespielt, als Junior im U-21-Team des FC Chelsea.
Vor diesem Wechsel spielte ich im Schweizer U-17-Nationalteam regelmässig vor vielen Scouts. Wer dort ein einigermassen gutes Spiel zeigte, geriet schnell auf den Radar. Ich hätte damals zu ziemlich jedem Klub in Europa wechseln können, und sagte mir, wenn ich ins Ausland gehe, dann zu einem grossen Verein. Die Zeit in London hat mir sehr viel gebracht, fussballerisch sowieso, aber auch für mein weiteres Leben. Ich bereue keine Sekunde dieser zwei Jahre.

Jonas Elmer spielte 2005 im Blues-Trikot: «Es können nicht viele von sich sagen, dass sie bei Chelsea waren.» (Bild: Lee Mills/Actionimages/EQ Images)

Wurde seither über Sie berichtet, wurde häufig Chelsea in einem Atemzug mit Ihrem Namen genannt. Ein Stempel?
Klar verbindet man das mit mir und ich habe unzählige Male Fragen über Chelsea beantwortet. Aber es können auch nicht viele von sich sagen, dass sie bei Chelsea waren. (lacht) Damals kam es halt noch nicht so oft vor, dass Schweizer in diesem Alter ins Ausland gehen. Ich bin keiner, der im Nachhinein Karriereschritte hinterfragt hat. Schaue ich zurück, gibt es hie und da schon etwas, das ich vielleicht anders hätte machen müssen. Aber der Wechsel zu Chelsea gehört sicher nicht dazu.

Bei Ihrer Rückkehr in die Schweiz gingen Sie in die Super League, zunächst drei Jahre zu Aarau, danach zu Sion.
Der Wechsel zu Chelsea hatte mir den Weg in den Profifussball geebnet. Mit 19 Jahren kam ich in die Super League und konnte in meiner ersten Saison bereits 29 Spiele bestreiten. Wir hatten damals in Aarau eine super Truppe und wurden zweimal Fünfte. Dann liefen einige Verträge aus, es kam zu Wechseln. Wir hatten ein schwieriges drittes Jahr und stiegen ab. Ich wurde ablösefrei und wechselte zu Sion (im Sommer 2010; Red.). Dort hatte ich in der ersten Saison insbesondere eine sehr gute Rückrunde. Wir gewannen den Cup, ein Riesenerlebnis. Danach wurde es für mich schwierig bei Sion.

«Vielleicht war es
nicht das Klügste,
als 22-Jähriger zu
Sion zu gehen.»

Sie liefen dann für die Walliser und überhaupt in der Super League nur noch dreimal auf.
Vielleicht war es nicht das Klügste, als 22-Jähriger zu Sion zu gehen. Es ist nicht so einfach dort, auch wenn es ein Klub mit Herzblut und super Fans ist. Und mit einem Präsidenten, mit dem es zwar schwierig ist, aber ohne den es den FC Sion in dieser Form nicht geben würde. Aber auch diesen Wechsel bereue ich nicht, denn er hatte seine sehr schönen Seiten. Den Cupsieg kann mir niemand mehr nehmen.

Der Stäfner stemmt im Mai 2011 in Sitten den Cuppokal in die Höhe: «Den Cupsieg kann mir niemand mehr nehmen.» (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Mit wem trafen Sie als junger Spieler diese Entscheide, zu Chelsea oder auch zu Sion zu gehen?
Ich hatte schon früh einen Berater. Wenn Klubs aus dem Ausland anklopfen, geht das fast nicht ohne. Meine Eltern hatten lange keine Ahnung von Fussball. Sie gaben mir natürlich Ratschläge, trugen meine Entscheide mit und unterstützten mich immer. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Im Sommer 2015 kamen Sie schliesslich aus der Challenge League zum FC Rapperswil-Jona in die Promotion League. Darf man sagen, dass dies ein guter Entscheid war?
Ja, ein sehr guter sogar. Ich hatte hier wunderschöne viereinhalb Jahre, der Verein ist mir extrem ans Herz gewachsen. Sportlich hatte nicht mehr all zu viele Ambitionen, ich wollte einfach helfen, den FCRJ weiterzubringen. Wir konnten in den letzten Jahren die Klubgeschichte um einige Kapitel erweitern.

Eines dieser Kapitel war 2017 der erstmalige Aufstieg des FCRJ in die Challenge League. Welchen Stellenwert hat dieser in Ihrer Karriere?
Einen sehr grossen. Als ich zu «Rappi» kam, wusste ich, dass der Verein das Ziel hatte, in näherer Zukunft in die Challenge League aufzusteigen. Dabei mitzuhelfen, dies zu erreichen, war mein Ziel. In der Winterpause jener Aufstiegssaison hatten wir mehrere Punkte Rückstand auf den Leader. Aber wir hatten eine unglaublich gute Stimmung in der Mannschaft, wir waren 20 sehr gute Kollegen. Darum war dieser Aufstieg auch so schön. Wir zeigten, was mit einem solchen Teamgeist möglich ist, auch danach in der ersten Challenge-League-Saison.

«Als ich für Arjen Robben eingewechselt wurde, das war ein surrealer Moment.»

Welches Highlight aus Ihrer Fussballkarriere werden Sie garantiert nie vergessen?
Highlights gab es einige, aber für immer in Erinnerung bleibt mir, als ich im Juli 2005 für Arjen Robben eingewechselt wurde. Denn meine ersten zwei Wochen bei Chelsea durfte ich mit der ersten Mannschaft verbringen und war mit ihr in Lissabon bei einem Freundschaftsspiel gegen Benfica dabei. In der 75. Minute durfte ich mit Robben abklatschen. Er war damals schon ein sehr bekannter Spieler, und ich 17-jährig und neu bei Chelsea. Das war für mich ein surrealer Moment.

Ganz lassen können Sie das Fussballspielen aber nicht. Sie kehren zum FC Stäfa, Ihrem Heimatklub, zurück und werden für diesen bereits in der Rückrunde der laufenden Saison in der 3. Liga spielen.
Genau. Ich sagte immer, dass es für mich mal dort enden wird, wo alles angefangen hat. Ich blieb während meiner gesamten Karriere mit diesem Verein extrem verbunden und habe dort viele Freunde. Ich bin ein Stäfner durch und durch, auch wenn ich in Zürich wohne. Auch werde ich weiterhin als Assistenztrainer im Stäfner Fanionteam mithelfen, das mache ich bereits seit einiger Zeit. Die Idee ist schon, dass der Trainer von Stäfa irgendwann Elmer heisst.






Erstellt: 14.01.2020, 19:37 Uhr

Der Kreis schliesst sich

Der Stäfner Jonas Elmer stiess im Sommer 2015 von Biel zum FC Rapperswil-Jona. Davor hatte der frühere Schweizer Junioren-Nationalspieler auch schon im Nachwuchs von Chelsea, in der Super League für Aarau und Sion und in der Major League Soccer gespielt. Für den FCRJ war der 31-Jährige ein Eckpfeiler beim Aufstieg in die Challenge League und den folgenden zwei Saisons in der zweithöchsten Spielklasse. In den letzten eineinhalb Jahren war Elmer der Captain des Teams. Auf die Erfahrung und die spielerische Klasse des linken Aussenverteidigers muss der FCRJ künftig verzichten. Elmer rennt ab sofort nur noch hobbymässig dem Ball nach – für seinen Stammklub
FC Stäfa in der 3. Liga. (red)

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