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Der tiefe Fall von Deutschlands Goaliehoffnung

Gemobbt und degradiert: Alexander Nübels bevorstehender Transfer zu Bayern München wird ihm jetzt zum Verhängnis.

Eine schwere Zeit: Alexander Nübel wurde bei Schalke auf die Bank degradiert.
Eine schwere Zeit: Alexander Nübel wurde bei Schalke auf die Bank degradiert.
Keystone

Er war still, als ihm die Tränen kamen. Doch diese Tränen, die Alexander Nübel am vergangenen Samstagabend vergoss, sie waren eigentlich ein lauter Schrei der Hilflosigkeit. Ein Schrei, der aber offenbar nicht gehört wurde. Oder nicht gehört werden wollte.

Denn die allgemeine Empörung darüber blieb aus, dass der 23 Jahre junge Mann von seinen eigenen Fans verhöhnt wurde. «Der ist Multimillionär, dem macht das nichts aus», so ein beliebter Kommentar in den Sozialen Medien. Als mache Geld gleichgültig. Als könnte er sich die Tränen einfach wegkaufen.

Dabei war der Goalie von Schalke 04 mal Liebling seiner Fans. Und Captain seines Teams. Trotz seines jungen Alters. 2015 kam er von Paderborn in Schalkes zweite Mannschaft, bis er sich Anfang 2019 endgültig bei den Profis durchsetzte – und ins Tor der deutschen Nationalmannschaft berufen wurde. Zumindest bei der U-21, mit der er an der EM 2019 bis in den Final stürmte.

Der verhängnisvolle Wechsel

Nübel gilt als das grosse Goalietalent in Deutschland, für manche gar als kommender Welttorhüter. Nur bei Schalke glaubten sie offenbar nicht immer daran – oder zumindest nicht immer mit letzter Konsequenz. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Vereinsverantwortlichen zwei Jahre vor Vertragsablauf es noch nicht für nötig befanden, diesen zu verlängern. So zumindest erzählt es Michael Schulz, ein Berater des Goalies: «Es gab nie einen Rückruf in Sachen Vertragsverlängerung.»

Im Sommer endet das Arbeitspapier von Nübel, weshalb er ab Januar frei wählen durfte, für wen er in der kommenden Saison spielen möchte. Er entschied sich für die Bayern, wie es schon sein Vorbild Manuel Neuer tat. Und das fliegt ihm jetzt um die Ohren. Ein Verräter sei er. Würdelos. Nicht einmal eine Ablösesumme hinterlässt er dem Club, dem er alles zu verdanken habe, so lauten einige der Vorwürfe.

Er wird angefeindet, ja geradezu gemobbt, weil er seinen Vertrag erfüllt. Das begann subtil, noch vor dem Start der Rückrunde. Zuerst wurde ihm die Captainbinde weggenommen, danach kamen die kritischen Fragen: Ob Nübel weiterhin die Nummer eins im Tor sein würde, war eine davon, die Schalke-Trainer David Wagner beantworten musste. Zwar sagte er, dass Nübel seine faire Chance kriegen würde, dennoch liess dieser Satz tief blicken. Ausgeschlossen, dass Ersatzmann Markus Schubert sich Hoffnungen auf Einsätze hätte machen können, wenn Nübel seinen Vertrag bei Königsblau verlängert hätte. Tatsächlich durfte er nach seiner Rotsperre wieder ein paar Mal von Beginn an spielen, doch der psychische Druck wurde immer grösser. Er wusste: Fehler darf er sich keine mehr erlauben.

Nur: Die kamen, und zwar gleich mehrfach. Und mit ihnen immer mehr Häme. Zuletzt unterlief Nübel beim 0:3 in Köln vor einer Woche ein übles Eigentor, die Schalke-Fans applaudierten, die Köln-Anhänger spotteten. Dann kamen die Tränen. Was nicht kam: Solidarität. Nübel, ein 23-jähriger Fussballer, war plötzlich alleine. «Es ist mehr oder minder selbsterklärend, wie es ihm geht», sagt Wagner zum psychischen Zustand seiner neuen Nummer zwei. Denn Mittlerweile wurde Nübel sogar offiziell zum Ersatzgoalie degradiert, heute wird er gegen Hoffenheim wie schon im Cup unter der Woche auf der Bank sitzen. Sein Trainer erklärte das gegenüber der ARD so: «Das war für mich alternativlos nach den letzten zwei Spielen, in denen Alex sehr unglücklich agiert hat.»

Neuer hat das Gleiche durchgemacht

So dürfte es Nübel kaum erwarten, bis der Sommer kommt und er zu Bayern München wechseln darf. Dort wird die Konkurrenz zwar nicht kleiner, hinter Manuel Neuer dürfte der Druck allerdings um einiges geringer sein – ausserdem kann er von Deutschlands Nummer 1 viel lernen.

Auch abseits des Fussballplatzes. Denn der Champions-League-Sieger, Weltmeister, siebenfache deutsche Meister und vierfache Welttorhüter erlebte nach seinem Wechsel von Jugendclub Schalke zu den Bayern ebenfalls üble Anfeindungen. Die Bayern-Fans empfingen ihn mit einer lebensgrossen Puppe, aufgehängt unter einer Autobahnbrücke. Sie bevorzugten ihre damalige Nummer 1, Thomas Kraft. «Wir brauchen Koan Neuer, wir ham Kraft», lautete ihr Motto. Das war 2011. Heute ist er Captain im Nationalteam und Club – und Publikumsliebling.

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