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Der Coup ohne den Star

Aussenseiter Portugal muss den EM-Final gegen Frankreich und in Frankreich ab der 25. Minute ohne den verletzten Cristiano Ronaldo bestreiten. Und siegt doch.

Der Schuss ins Glück: Eder, erst spät eingewechselt, erzielte das 1:0 für Portugal in der 109. Minute.
Der Schuss ins Glück: Eder, erst spät eingewechselt, erzielte das 1:0 für Portugal in der 109. Minute.
Keystone

In der 7. Minute verletzte sich Cristiano Ronaldo am Knie, in der 25. musste er deswegen ausgewechselt werden. Vieles, wenn nicht alles schien für seine Portugiesen danach verloren. Aber seine Kollegen brachten es gegen an diesem Finalabend zu wenig zwingende Franzosen fertig, jedes Gegentor zu vermeiden. Und in der zweiten Hälfte der Verlängerung schoss 28-jährige Eder vom französischen Ligue-1-Verein OSC Lille das Tor, das die Euro 2016 entschied. Gegen den Gastgeber, der zum Favoriten geworden war. Nach einem Final, der zum Duell des Topskorers Antoine Griezmann mit dem Superstar Cristiano Ronaldo werden sollte – in dem der eine nicht traf, der andere nicht treffen konnte. Am Anfang war Cristiano Ronaldo der unglückliche Held, am Ende erhielt er als Captain der Portugiesen doch den Pokal.

Payets Foul am Star

Es war der erste EM-Final, dessen reguläre Spielzeit torlos endete. Er war spannend, sehr spannend – und doch eine Enttäuschung. Denn schon nach wenigen Minuten hatte sich zugetragen, was dem Anlass einiges von seiner Qualität, vor allem von seiner Attraktivität geraubt hatte. Bei einem – ungeahndeten – Foul Dimitri Payets an Cristiano Ronaldo verletzte sich Cristiano Ronaldo am linken Knie. Er versuchte sich im Spiel zu halten, aber selbst zwei Pflegepausen halfen nicht. Tränenüberströmt musste Portugals Topspieler vom Platz. Es war eher eine unglückliche Aktion als ein grobes Foul, aber dass der Engländer Mark Clattenburg nicht mal Foul pfiff, war befremdlich. Allerdings, selbst eine Gelbe Karte hätte Cristiano Ronaldo nicht geholfen; sie hätte niemandem geholfen.

Für Cristiano Ronaldo erschien dann nach 25 Minuten dessen alter Kumpel Ricardo Quaresma. Der Ausfall des gegnerischen Stars hätte für die Franzosen zum entscheidenden Vorteil werden können, aber er wurde es – wenn überhaupt – nur sehr bedingt. Ohne ihren Leader versteiften sich die Portugiesen nun erst recht darauf, kein Gegentor zu kassieren. Mit dem eher unrealistischen Ziel, bei einem Konter den Lucky Punch zu setzen; mit dem wesentlich realistischeren Vorhaben, sich in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschiessen zu retten.

Nur wenige Chancen

Die logische Fortsetzung war, dass die Franzosen die Ereignisse unter Kontrolle hatten, mit mehr Ballbesitz, mit mehr Willen zur Offensive, aber auch lange Zeit mit nur wenigen Torchancen. Ganz anfangs waren, kaum war Cristiano Ronaldo getroffen worden, die beiden Skorer Olivier Giroud und Antoine Griezmann zu guten Kopfbällen gekommen – aber erfolglos geblieben. Die beiden bildeten an diesem Finalabend ein Offensivduo in einem System, das immer deutlicher zu einem 4-4-2 wurde.

Nennenswerte Torchancen spielten sich die Franzosen, denen allerdings auch der Mut zum Risiko fehlte, erst wieder ­heraus, als ihr Trainer Didier ­Deschamps den zunehmend enttäuschenden Payet durch Bayern Münchens Kingsley Coman ersetzte. Coman brachte endlich etwas mehr direkten Zug aufs Tor ins Spiel der «Bleus», mit seiner Schnelligkeit war er nicht nur willens, sondern auch fähig, den Rechtsverteidiger Cédric Soares mal zu überlaufen. Solch gute Szenen im Eins-gegen-eins hatten den Franzosen bis dahin weitgehend gefehlt. Und die kraftvollen Aktionen ihres besten Mittelfeldspielers, von Moussa Sissoko, waren so gut wie immer im Ansatz stecken geblieben.

So bereitete Coman zwei nun wirklich gute Torchancen vor, je eine für Griezmann und Giroud. Griezmann traf das Tor nicht, Giroud scheiterte an Sporting Lissabons altgedientem Goalie Rui Patricio – und wurde wenig später gegen Pierre-André ­Gi­gnac ausgewechselt. Nochmals war Rui Patricio stark, als er einen fulminanten Weitschuss Sissokos abwehrte. Und Gignac hätte, in der zweiten Minute der Verlängerung, der Mann des Abends werden können. Er legte sich den Ball erstklassig zurecht, brachte ihn auch an Rui Patricio vorbei – aber dann flog er an den Pfosten. Griezmann wäre prinzipiell für den Abstauber bereit gewesen, aber der Effet des von der Torstange abgeprallten Balls raubte ihm diese Gelegenheit.

Und kein Glück

Man hätte also – nach 90 Minuten – sagen können, die Franzosen hätten den Sieg eher verdient. Als Mannschaft mit einem zwar nicht überragenden, aber doch deutlichen Chancenplus, gegen einen Gegner, der in seiner Notlage nicht viel anderes im Sinn hatte, als das 0:0 zu halten. Aber die Franzosen, die mit einem Ruhetag weniger in diesen Match gingen, spielten doch nicht so überzeugend wie gegen die Deutschen. Fehler, wie sie der Weltmeister begangen hatte, unterliefen den Portugiesen nicht. Und auf Konter spielen, wie damals die ganze zweite Halbzeit, konnten sie an diesem Abend nicht – nicht gegen eine Mannschaft, die spielte, als sei sie seit der 25. Minute, seit dem Abgang Cristiano Ronaldos, in Unterzahl. Die Franzosen mögen eine Spur besser gewesen sein als die Portugiesen, aber das entscheidende Tor zu erzwingen – da war diesmal selbst Griezmann nicht gut genug. Das Glück, das vielleicht die Rettung gewesen wäre, fehlte halt auch.

«Grosse Chance verpasst»

Als es in die Verlängerung ging, stand der Superstar wieder auf dem Platz, um seine Kollegen anzufeuern – und vielleicht schon aufs Elfmeterschiessen einzuschwören, bei dem er, der erste Schütze, fehlen würde. Doch so weit kams dann nicht. Drei Bälle flogen in dieser zusätzlichen halben Stunde noch aufs französische Tor – und einer fand den richtigen Weg. Den ersten, einen Kopfball des eingewechselten Eder nach einem Corner, hatte Hugo Lloris noch abgewehrt. Der zweite, ein 24-m-Freistoss Raphael Guerreiros nach einem inexistenten Hands Laurent Koscielnys, krachte über Lloris an die Latte. Und den dritten konnte selbst der erstklassige Captain der Franzosen nicht halten – flach zischte der Ball Eders aus 20 Metern in seine rechte Ecke.

Das war in der 109. Minute. Gute zehn Minuten später hatte Cristiano Ronaldo wieder Tränen in den Augen – diesmal aber vor Freude. Die Franzosen aber hatten, anders als die EM 1984 und die WM 1998, ein Heimturnier nicht als Sieger beendet. Sondern mit der ersten Heimniederlage seit der EM 1960, seit einem 4:5 im Halbfinal gegen Jugoslawien. Und Deschamps sagte: «Wir haben eine grosse Chance verpasst. Die Enttäuschung ist enorm, sie ist schwer in Worte zu fassen. Aber wir haben zusammen gewonnen, jetzt verlieren wir zusammen.»

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