Bei Federer geht jedem Schläger das Herz auf

Die Liebeserklärung von Federers wichtigstem Arbeitsgerät an seinen Besitzer.

Fühlt sich wohl in Federers Händen: Das Racket.

Fühlt sich wohl in Federers Händen: Das Racket. Bild: Keystone

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Ich darf wieder in Deiner Hand sein. Und es ist schön, dass Du mich stets mit nur einer Hand hältst, Deiner rechten, nicht mit zweien, es fühlt sich so elegant an. Ich tanze in Deiner Hand, und nach einem gelungenen Schlag, einem Deiner vielen Zauberschläge, wechselst Du mich in die andere Hand, in die linke, und mit der rechten streichelst Du mich sanft, zwei-, dreimal, wie ein warmer Applaus fühlt es sich an.

Aber ich gebe es zu, ich werde wehmütig, denn ich frage mich: Wie viele Male darf ich das noch erleben, ist es vielleicht gar zum letzten Mal hier in Melbourne? Aber ich versuche es zu geniessen, wie ich es immer genossen habe, mit Dir.

Ich schreibe Dir nicht nur in meinem Namen, ich schreibe es für alle, die dieses Vergnügen haben, die ein Teil von Dir sind und zu Dir gehören. 60 sind wir ungefähr in einem Jahr, so viele brauchst Du von uns.

Du behandelst mich gut, ich fühle mich wohl in Deinen Händen, Dein Griff ist hart, aber doch auch irgendwie zart, ich bin, denke ich, das, was eine Gitarre für einen Musiker ist. Gut, ich weiss, als Du jung warst, das ist einige Jahre her, da hast Du Dich als Rüpel gezeigt, Deine ganze Wut an uns ausgelassen. Und ja, 2009 war es, in Miami gegen Deinen ewigen Rivalen Djokovic, da hast Du einen von uns zertrümmert. Wir haben es Dir längst verziehen. Es gibt einige Rockstars, die schon ihre Gitarre zerschlagen haben.

Mein Arbeitstag beginnt jeweils früh, manchmal mitten in der Nacht. Ich werde vor- bereitet auf Deinen Einsatz, meistens in einem Hotelzimmer irgendwo auf der Welt. Meine Saiten, aus Darm und Kunststoff, werden gespannt, Du gibst genaue Anweisungen, abhängig vom Ort, wo wir sind, von der Meereshöhe, dem Wetter, der Temperatur, dem Belag, entweder etwas weicher oder härter müssen sie gespannt sein. Manchmal – und Du hast dann immer ein schlechtes Gewissen und entschuldigst dich – vergisst Du es, uns anzurufen oder ein SMS zu schreiben, und wir sind etwas in Zeitnot.

Wir werden dann eingepackt, wie ein Geschenk, und Du trägst uns in Deiner Tasche auf den Platz, und da liegen wir dann und warten auf unseren Einsatz. Wenn ich Glück habe, bin ich als Letztes dran, und wenn Du gewinnst, und das tust Du ja oft, dann hältst Du mich in die Höhe, wie eine Trophäe, aber auch jetzt bleibst Du immer respektvoll, wirfst mich nie einfach schnell zu Boden, im Gegenteil, sehr liebevoll versorgst Du mich nachher wieder in der Tasche, ich fühle mich wirklich als Dein Geschenk.

Dein Racket

Erstellt: 21.01.2020, 14:00 Uhr

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