Xhaka ist auf dem Weg zum nächsten Meilenstein

Heute beginnen mit dem Final der Europa League zwischen Arsenal und Chelsea (21 Uhr) die Festspiele des englischen Fussballs. Mit Granit Xhaka ist ein Schweizer mittendrin.

Als 4. Schweizer steht Granit Xhaka heute in einem Europacupfinal im Einsatz – als 2. Sieger nach Stéphane Chapuisat?

Als 4. Schweizer steht Granit Xhaka heute in einem Europacupfinal im Einsatz – als 2. Sieger nach Stéphane Chapuisat? Bild: Andrew Boyers/Reuters

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London hat wunderbare Feiertage hinter sich. Zumindest diese Ecke im Nordwesten der Stadt, wo sich das Wembley erhebt, das sagenumwobene Stadion. Die Playoff-Finals der unteren drei Profiligen zogen an drei Tagen 187’000 Zuschauer an. Auch Prinz William war da, zumindest am Montag, als Aston Villa gegen Derby 2:1 gewann und sich den Aufstieg in die Premier League sicherte. Der Prinz ist bekennender Fan von Villa.

Wembley liegt verlassen da, wenn heute Mittwoch in der Europa League der Final ausgetragen wird. Dabei wäre es dafür der perfekte Ort, weil Arsenal und Chelsea aufeinandertreffen. 16 Kilometer liegen ihre Stadien, das Emirates und die Stamford Bridge, nur davon entfernt. Was wäre ein Derby im Wembley für ein Fest geworden!

Jetzt beginnen halt in Baku die Festspiele des englischen und besonders des Londoner Fussballs, und am Samstag werden sie gekrönt, mit Liverpool gegen Tottenham in der Champions League. «London ohne Fussball ist für mich nicht vorstellbar», sagt Granit Xhaka. Er lebt als Spieler von Arsenal seit drei Jahren hier.

London ist keine Fussballstadt wie Liverpool. Aber es steht für die Macht, die von England ausgeht.

Nun mag London keine Stadt sein, in der Fussball so zu spüren ist wie in Liverpool, Manchester oder Newcastle, dafür ist sie mit ihren 8,8 Millionen Einwohnern viel zu gross. Allein zwischen den Flughäfen Heathrow im Westen und City im Osten liegen 40 Kilometer. Aber sie steht für die Macht, die von England ausgeht, von der Premier League und ihren Milliarden.

Der Vergleich liegt nach dem Durchmarsch der vier englischen Teams nahe: Geld gleich Erfolg. Und darum liegt auch der Verdacht nahe, dass England fortan den europäischen Fussball dominieren wird, weil es weiter mit den Milliarden des Fernsehens zugeschüttet wird.

Xhaka tritt auf die Bremse

«Es ist noch viel zu früh, um von einem generellen Trend oder einer Auswirkung des Geldes zu sprechen», gibt Xhaka zu bedenken. Er hat seine Gründe dafür. Der letzte Sieg eines englischen Teams in der Champions League liegt sieben Jahre zurück, das war Chelseas Triumph gegen Bayern München, in den vergangenen fünf Jahren gewannen immer Spanier. Und noch eines sagt Xhaka: wie knapp die Halbfinals waren, gerade von Tottenham gegen Ajax oder Chelsea gegen Eintracht Frankfurt. «Es hätte auch gut sein können», sagt er darum, «dass jetzt Mannschaften aus vier verschiedenen Ligen in den Finals sind.»

Xhaka ist allerdings nicht entgangen, welchen Einfluss die Ausländer haben. Die Premier League ist die Liga Englands, aber nicht der Engländer. Besitzer, Trainer, Spieler, überall haben die Ausländer die Übermacht. Und wenn Arsenal und Chelsea heute aufeinandertreffen, ist gut möglich, dass nicht ein einziger Engländer von Beginn an auf dem Platz ist. Xhaka, noch immer erst 26, sagt: «Es ist definitiv richtig, dass die englischen Mannschaften mithilfe internationaler Trainer vieles an Qualität dazugewonnen haben.»

Der Einfluss der Schotten

Vorneweg marschieren der Deutsche Jürgen Klopp von Liverpool und der Spanier Pep Guardiola von Manchester City, die mit ihren Teams eine Meisterschaft innerhalb der Meisterschaft austrugen. Tottenham setzt auf den Argentinier Mauricio Pochettino, Chelsea auf den Italiener Maurizio Sarri und Arsenal auf den Spanier Unai Emery.

Der Einfluss ausländischer Coaches ist nichts Neues in England. Es war ein Schotte, der unvergleichliche Bill Shankly, der den Mythos Liverpool begründete, und es waren mit Matt Busby und Alex Ferguson ebenso Schotten, die Manchester United so gross gemacht haben.

Es passt jedoch zur heutigen Zeit, dass Trainer schnell hinterfragt werden. Sarri und Emery erleben das, obschon sie heute in Baku sind. Sarri, weil Chelsea trotz der direkten Qualifikation für die Champions League keinen mitreissenden Fussball bietet. Emery, weil Arsenal nach einem Einbruch zum Saisonende nur Fünfter geworden ist. «Arsène Wenger loszuwerden, änderte bei Arsenal nicht viel, oder?», schreibt die «Sunday Times».

Eine grosse Veränderung

Wenger war über 21 Jahre bei Arsenal, er war Arsenal. «Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns nach ihm in einer Art Umbruch befinden», sagt Xhaka, «mit Unai Emery haben wir einen neuen Trainer bekommen, mit einer völlig neuen Ansprache, einer anderen Idee, neuen Trainingsinhalten.»

Der 47-jährige Emery kam letzten Sommer von Paris St-Germain, da war er trotz einer Meisterschaft und vier Cup-Siegen in zwei Jahren wenig geschätzt worden. Der fehlende Erfolg in der Champions League wurde ihm vorgehalten. Er war mutig genug, die Nachfolge Wengers anzutreten. Er führte zum Beispiel die Videoanalyse ein, wie sie unter Wenger fremd war. Es gibt sie fast täglich und auch am Spieltag nochmals intensiv, während einer halben Stunde oder länger, «das hilft uns als Mannschaft extrem weiter», sagt Xhaka.

«Das ist absolut meine beste Saison. Mein Ziel ist es, das immer sagen zu können.»Granit Xhaka

Er ging mit dem Ziel in diese Saison, seine Passqualität zu steigern, gefährlicher in der Offensive zu sein und sich weniger Verwarnungen einzuhandeln, die vermeidbar sind. Er wollte mehr Verantwortung übernehmen, er nahm sich vor, mehr Zeit in seine körperliche Fitness zu investieren. Emery machte ihn zu einem von vier Stellvertretern von Captain Laurent Koscielny.

Xhaka spielte, wenn er fit war. Nur im Frühjahr war er das nicht immer, er hatte Leistenprobleme. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht mehr so überragend war wie im Herbst. Und dass der «Guardian» fragt: «Ist es Emerys Fehler, dass Xhaka anfällig ist, defensiv abzuschalten?»

«Meine beste Saison bei Arsenal»

Xhaka war nicht mehr der Spieler mit den meisten Pässen in der Liga überhaupt wie im Vorjahr, er rutschte auf Platz 10 ab, er handelte sich zehn Verwarnungen ein, gegenüber zwölf vorher. Letzte Saison hatte er elf Skorerpunkte, jetzt sind es noch neun. Trotzdem zieht er ein positives Fazit seiner Saison: «Es ist absolut meine beste bei Arsenal. Mein Ziel ist es jedoch, das nach jeder Saison sagen zu können. Dafür arbeite ich jeden Tag.»

Er hat für heute gearbeitet, für Baku. «Baku or bust», schreibt der «Guardian», Erfolg oder Pleite, meint er. Arsenal braucht den Erfolg, um sich doch noch einen Platz in der Champions League zu sichern. «Es wird auf zwei Dinge ankommen», sagt Xhaka, «zum einen, keine Fehler zu machen, denn jeder Fehler kann den Traum kosten, und zum anderen, den grösseren Siegeswillen zu haben als der Gegner, sich mehr für den Sieg zu quälen, Wege für den Nebenspieler zu machen.»

Wie Chapuisat

Emery ist ein Experte in der Europa League. Dreimal gewann er sie mit Sevilla in Folge, 2014, 2015 und 2016. Xhaka dagegen betritt Neuland, er ist nach René Botteron (1982 mit Standard Lüttich), Stéphane Chapuisat (1997 mit Dortmund) und Stephan Lichtsteiner (2015 mit Juventus) einer von wenigen Schweizern, die in einem europäischen Endspiel auf dem Platz stehen.

Bildstrecke: Schweizer Fussballer in Europacup-Finals

«Das ist mit Sicherheit ein Meilenstein für mich», sagt er, «eines der wichtigsten Spiele meiner Karriere.» Er spürt, dass die Mannschaft «brennt», diesen Titel zu gewinnen, er redet von der Ehre und der Verantwortung, Arsenal in diesem Final zu vertreten – ein Arsenal übrigens, bei dem Lichtsteiner zuletzt zur Randfigur geworden ist.

Xhaka dagegen sagt: «Ich sauge alles auf. Es sollen noch weitere solcher Spiele folgen.»

Erstellt: 29.05.2019, 12:09 Uhr

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70000 Plätze bietet das Stadion von Baku, in dem heute der Europa-League-Final stattfindet. Die Uefa bot den beiden Clubs jeweils 6000 Tickets an – weil der Flug­hafen Bakus überfordert wäre, wenn mehr Fans anreisen würden. Wenn es hoch kommt, werden heute insgesamt nur gut 5000 Engländer hier sein. Die Clubs haben wegen der komplizierten und teuren Reise ins 4000 km entfernte Baku kaum die Hälfte der Karten absetzen können. Die Uefa steht mit der Wahl des Spielortes auch aus politischen Gründen in der Kritik: Arsenals Henrich Mchitarjan, ein Armenier, hat wegen des Konflikts zwischen seinem Heimatland und Aserbaidschan auf eine Reise verzichtet. (ths.)

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