Fussball

Vom Regionalzug in den Eurocity

Vor fünf Jahren feierte Christian Fassnacht mit dem FC Thalwil den Aufstieg in die 1. Liga, am Dienstag spielt er mit YB bei Juventus Turin. Der Konflikt zwischen Leistungsgedanken und Spass am Spiel prägt seinen ungewöhnlichen Weg.

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Stade de Suisse 2018, es ist September und noch warm, abends um 21 Uhr, es sind sonnige Tage, und in der Nacht leuchten die Sterne. Die Champions League ist in der Stadt, YB gegen Manchester United, Christian Fassnacht ist am Ball, eine Finte, und er zieht zur Mitte, jetzt hat er Zeit, vielleicht zu viel, die Kommentatoren heben ihre Stimmen an, in England, Italien, Frankreich, überall. Der Abschluss misslingt. 0:0, Fassnacht ist da, er ist hellwach.

Sportplatz Etzliberg 2013, es ist März und schon warm, nachmittags um 14.30 Uhr, für den FC Thalwil sind es gute Tage, weil er unverhofft um den Aufstieg spielt. In der 2. Liga interregional gibt es feine Duelle gegen die Clubs vom Zürichsee oder aus dem nahen Aargau, zum Beispiel Schöftland. Fast 200 Zuschauer sind da, Fassnacht trifft früh und später noch zweimal, er dreht das Spiel, Heimsieg mit 4:3. Sein erster Hattrick im Erwachsenenfussball. Fassnacht ist da, er ist hellwach.

Ein bemerkenswerter Spieler

Nie hat Christian Fassnacht in dieser Zeit an die Champions League gedacht, «davon geträumt vielleicht», wie er heute sagen und dazu lachen kann. Aber jetzt, drei Tage vor dem grossen Spiel mit YB bei Juventus Turin, da denkt er oft an den Amateurfussball, an Thalwil, an den Etzliberg und daran, wie das alles gekommen ist.

Und gekommen ist es für den Flügelspieler, wie es besser kaum hätte kommen können. Mit 24 Jahren hat Fassnacht eine tragende Rolle beim Schweizer Meister, steht an der Schwelle zur Nationalmannschaft, hat in der aktuellen Saison schon wieder fünf Tore erzielt. Er hat einen Lauf wie gerade einige bei YB. Doch der Weg, der ihn dahin führte, ist ungewöhnlich im Schweizer Fussball. Mit wem man auch darüber spricht, alle finden, er sei bemerkenswert. Und alle sagen, man könne nicht oft genug darauf aufmerksam machen.

Du bist gut genug, du nicht

Fast 1500 Fussballclubs gibt es in der Schweiz. Um Zuwachs müssen sich die allermeisten nicht sorgen. Der nationale Verband (SFV) rechnet in seinem Förderkonzept mit 15 000 Fussballern pro Jahrgang – und will daraus später drei A-Nationalspieler und 15 Profis gewinnen. Die Rechnung des SFV ist einfach: Sie ergibt theoretisch 14 982 geplatzte Träume. Nur wer in die grossen Nachwuchszentren des Landes wechselt, scheint dem Traum Profifussballer einen Schritt näherzukommen.

«Christian hat schon früh in einem Tagebuch notiert, dass er es zum Profi schaffen würde.»Eva Fassnacht, Mutter

Doch dort machen die Jugendlichen Bekanntschaft mit dem Leistungsprinzip. «Der Druck ist gross», sagt Ernst Graf. Er weiss das, weil er diesen Druck auch mit aufbaut, weil er den Daumen über 14-, 15-jährige Teenager heben oder senken muss. Du bist gut genug, du nicht. Graf verantwortete für den FC Zürich während mehr als zehn Jahren die Nachwuchsabteilung und hat den Moment noch gut in Erinnerung, als er der Familie von Christian Fassnacht zusammen mit dem früheren U-15-Trainer Artur Petrosyan offen­baren musste, dass es für den damals schmächtigen Jungen keinen Platz im Team mehr gebe. «Es war herzzerreissend.» Immerhin: Für Graf hat sich diesbezüglich ein Kreis geschlossen. Er arbeitet heute für die Nachwuchsabteilung der Young Boys und sitzt im Verwaltungsrat. «Ich bin stolz auf Fassnacht. Und sein Beispiel zeigt: Den einen richtigen Weg, den gibt es nicht.»

Bei Bregy auf dem Schoss

Es drehte sich früher vieles um den FCZ im Hause Fassnacht in Thalwil. Einmal wird ein neuer Sportplatz eröffnet, der FCZ spielt gegen den lokalen FC. Christian, vielleicht zehn Jahre alt, geht hin – und landet für ein Bild auf dem Schoss des früheren YB-Spielers Georges Bregy.

Christian hat zwei ältere Brüder, Fabian ist fünf, Daniel zwei Jahre älter, und dass es der Christian beim FCZ packen würde, davon waren alle überzeugt. «Deshalb war das für uns ein echter Rückschlag», sagt Eva Fassnacht. Auch die Mutter von Christian hat viel investiert, «an die Spiele habe ich ihn immer gefahren». Zum Training will er allein fahren, mit der S-Bahn bis zum Heerenschürli, eine Dreiviertelstunde hin, noch einmal so lang zurück. Ein Fussballspiel lang im Zug, jeden Tag. Zeit zum Nachdenken.

Einst von vielen belächelt

«Christian hat schon früh in einem Tagebuch notiert, dass er es zum Profi schaffen würde», erzählt seine Mutter. Nachdem es beim FCZ nicht geklappt hat, kommt er fürs Erste bei Red Star Zürich unter. Wieder pendelt er jeden Tag nach Zürich, Eva Fassnacht fährt ihren Sohn jetzt öfter, unter dem Scheibenwischer findet sie nach dem Training Werbung von einer Berufsfachschule für Sporttalente. «Damit hatten wir unseren Deal.» Der junge Mann absolviert eine kaufmännische Lehre – und darf den Traum vom Profifussballer weiter jagen.

Der junge Mann ist inzwischen aber auch ein älterer Teenager. Fassnacht kickt bei Red Star, jedoch nur bei den Junioren. Sein Bruder holt ihn zu Thalwil, 2. Liga interregional, ein Neuanfang. Der Traum rückt weiter weg, sein Plan wird inzwischen von vielen belächelt. «Komm doch mal mit in den Ausgang», sagen sie in der Clique, «wo spielst du überhaupt?», fragen sie im Büro. Fassnachts Standing beeindruckt wenig, aber noch weniger beeindruckt der Spott ihn selbst. Er nimmt sich Zeit.

«Er fiel mir sofort auf»

In seiner zweiten vollen Saison erzielt er neun Tore, Thalwil steigt in die 1. Liga auf. Fassnacht trifft auch dort wieder, siebenmal bis zum Ende. «Er fiel mir sofort auf», sagt Adrian Allenspach. Es ist ein Mittwoch im September, der Trainer des FC Tuggen denkt an Fussball auf der Arbeit bei der Versicherung, das 0:0 gegen Mendrisio hat ihm nicht gefallen, und er bereitet das Spiel gegen . . . den FC Thalwil vor. Kleine Kreise zieht der Schweizer Fussball.

Allenspach ist schon lange dabei an der Spitze der Breite. Er war selber Stürmer, bei St. Gallen, Aarau, Sion, heute ist er Trainer und hat schon 300 Spiele mit dem FC Tuggen erlebt. «Ich war damals bei einem Spiel von Thalwil wegen eines Goalies. Zugeschaut habe ich nur Fassnacht», erzählt er. «Ich habe selten einen Spieler gesehen, der in die Chancen einfach so reinläuft. Er hat immer getroffen, überall, wo er war.»

«Buechet», sagt der Thurgauer Allenspach, es klingt so schön wie selbstverständlich, und so erzählt er auch, wie er Fassnacht zum FC Tuggen holte. Wie er der Jüngste in der Kabine ist, eben erst die Lehre abgeschlossen, wie er nebst den drei Trainings mit den Tuggenern unter der Woche zur U-21 des FC Luzern fährt, damit er mehr trainieren kann. Auch hier enge Kreise: Trainer dort ist YB-Coach Gerardo Seoane, ein Thema für die erste Mannschaft ist Fassnacht nie. Heute bei YB hat er Fassnacht in bislang jedem Spiel in der Startelf nominiert.

«Und dann platzte der Knoten»

Das Selbstverständnis des ­jungen Fassnacht verblüfft damals auch seine Mitspieler. «Alle wussten: Er will mehr. Er machte daraus auch keinen Hehl», erinnert sich Etienne Manca. Auf der Karriereleiter macht der frühere Kabinennachbar von Fassnacht bei Tuggen gerade den umgekehrten Weg. Seit sechs Monaten arbeitet der frühere U-21-Junior von YB als Immobilienbewirtschafter. Fussball spielt er noch im Amateurbereich – beim FC Thalwil.

Die Sache kommt richtig ins Rollen jetzt. In Thalwil, auf Fassnachts vermeintlichem Abstellgleis, spielte er vier Saisons, in Tuggen ist er schon nach einer halben weg. Winterthur hat ihn geholt. Endlich Challenge League, endlich Profifussball, aber es ist eine Stufe mit fragilem Gehaltsgefüge. Der Start ist schwierig, Trainer Jürgen Seeberger setzt nicht auf den inzwischen 20-Jährigen. «Ich dachte schon, jetzt wirds schwierig. Und dann platzte der Knoten», erzählt Eva Fassnacht.

Bereits in Tuggen beobachten die Verantwortlichen des FC Thun den auffälligen Fassnacht. «Er war nervös, traf für einmal nicht», erinnert sich Allenspach. Die Thuner verlieren das Talent aber nicht aus den Augen, und nachdem er 2014/2015 bei Winterthur kein Spiel verpasst hat, ist die Zeit reif für die Super League. Der Rest ist bekannt: Nach einer Saison mit 16 Skorerpunkten für Thun landet Fassnacht 2017 bei YB. Stammplatz und Meistertitel. Cupfinal und Champions League. Eingestiegen ist Fassnacht in den Regionalzug, unterwegs ist er längst im Eurocity.

Der Blick zurück ist versöhnlich

Auf ihrer Arbeit bei einer Vorsorgeeinrichtung in Zürich sitzt Eva Fassnacht neben der Schwester von FCZ-Talent Toni Domgjoni. Manchmal unterhalten sie sich über die Wege, welche die beiden Fussballer zum Glück geführt haben. Domgjoni in der Jugend des FCZ, Fassnacht mit der bekannten Geschichte. «Vielleicht war das rückblickend besser für ihn», sagt Mutter Fassnacht. «Im Regionalfussball geht es menschlicher zu und her», sagt Etienne Manca. «Er ist ein echtes Vorbild», sagt Ernst Graf.

Dieser absolute Wille, gereift im Amateur-, geprüft im Profifussball – wie weit kann er Christian Fassnacht tragen? Allianz Stadium 2018, es wird Oktober sein am Dienstag in Turin und schon etwas kühler. Aber Fassnacht ist da, er ist hellwach. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 01.10.2018, 10:34 Uhr

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