Streik! Wie reiche Fussballer ihre Clubs unter Druck setzen

Neymar will weg von Paris, Griezmann unbedingt zu Barça. Deshalb schwänzen sie die Trainings. Eine Unsitte wird hoffähig.

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Verwirrung total auf dem Planeten Neymar. Am Montag verpasste der brasilianische Superstar den Trainingsauftakt von Paris St-Germain, absichtlich, aber «ohne Einverständnis des Clubs», wie Sportdirektor Leonardo in der Zeitung «Le Parisien» betont. Ratlos fügt er an: «Ich habe keine Ahnung, wann er zurückkehrt.»

Neymar will weg von PSG, «das ist inzwischen für jedermann klar», sagt auch Leonardo. Am liebsten zurück zum FC Barcelona, woher der exzentrische Angreifer vor zwei Jahren gekommen war – für die exorbitante Ablösesumme von 222 Millionen Euro. Barça-Vizepräsident Jordi Cardoner hatte schon vor ein paar Wochen verraten: «Er will zurückkehren, man wird sehen, ob eine Einigung möglich ist.»

Ein Angebot allerdings ist bei PSG bislang nicht eingetroffen, weder von Barça, noch von einem anderen Verein. «Aber es stimmt schon», sagt Leonardo, «wir haben lose Kontakte.» Mit Barcelona? «Ja.» Und er stellt klar: «Er kann PSG verlassen, wenn es eine Offerte gibt, die alle zufriedenstellt.»

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Neymar setzt alles daran, dass ein Transfer möglich wird – trotz Vertrags mit PSG bis 2022. Also bestreikt er seit Montag nun das Training. Und auch wenn sein Vater, der gleichzeitig sein Berater ist, behauptet, die Abwesenheit sei mit PSG abgesprochen, und beteuert, sein Sohn werde am kommenden Montag in Paris sein, «kein Problem», so ist inzwischen allen klar, wohin die Reise geht. «Im Fussball sagst du heute dies und morgen das. Das ist unglaublich, aber so ist es nun einmal», bedauert Leonardo.

Neymar ist ein Idol für viele junge Fussballer in aller Welt. Doch mit seinem Verhalten macht der Superstar nach der Schwalbe so die nächste Unsitte der hoch bezahlten Fussballstars hoffähig: die des Streiks, um einem Vertrag zu entkommen. Einem hoch dotierten, notabene. Um noch ein wenig mehr Geld zu kassieren. Oder einfach für eine neue Chance andernorts.

Griezmann will Preis drücken

Bei Atlético Madrid blieb Frankreichs Nationalspieler Antoine Griezmann dem Trainingsauftakt fern, weil auch er mit einem Wechsel zum FC Barcelona liebäugelt. Kurz nach Saisonende im Mai hatte er seinen Abgang bei Atlético verkündet – sein Vertrag bis 2023 hat eine Ausstiegsklausel. Seither verhandeln die beiden Clubs über den Transfer.

Barça ist angeblich nicht bereit, die verlangte Ablösesumme von 120 Millionen Euro zu bezahlen – zumindest nicht auf einen Schlag. Weil der Club flüssiges Geld braucht für Neymar? Die Zeitung «Marca» schrieb von einem «Krieg um Griezmann». Mit seiner Abwesenheit in den Trainings scheint der Franzose nun den Preis drücken zu wollen – wie wohl Neymar in Paris. Griezmanns Berater erklärte zudem: Die emotionale Belastung für eine Rückkehr sei zu hoch. Immerhin habe er sich bereits von seinen Kollegen und Fans verabschiedet.

Neu ist das Mittel eines Streiks nicht, um einen Transfer zu erzwingen – aber nie war mehr Geld im Spiel als jetzt. 2017 weigerte sich Dortmunds Ousmane Dembélé, weiter am Trainingsbetrieb teilzunehmen, weil auch er von Barça umworben war. Der Franzose wurde daraufhin suspendiert – aber erhielt, was er wollte: Dortmund verkaufte ihn für 105 Millionen Euro nach Barcelona. «Ich hatte den Eindruck, dass ich die Erfüllung meines Traums verpassen würde. Deswegen habe ich mich so verhalten», sagte Dembélé damals dem Magazin «Onze Mondial 315».

Schon Ronaldo streikte

Wie zweckmässig ein Streik ist, hatte schon vor längerer Zeit Ronaldo entdeckt. Der Brasilianer (nicht der Portugiese) bestreikte 1996 die Trainings von PSV Eindhoven, um zum FC Barcelona wechseln zu können, und wandte die Taktik 2002 bei seinem Transfer von Inter Mailand zu Real Madrid erneut erfolgreich an. Ebenfalls gleich doppelt in Trainingsausstand trat der Armenier Henrich Mchitarjan (2013 von Schachtar Donezk zu Dortmund, 2016 von der Borussia zu Manchester United).

«Wir erleben eine zunehmende Macht der Fussballprofis», sagte Martin Nolte, Professor für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule Köln, der «Rheinischen Post». Grund für die Aussage waren die Disziplinlosigkeiten von Pierre-Emerick Aubameyang, mit denen der Stürmer 2017 seinen Abgang von Dortmund zu Arsenal erzwingen wollte (und schliesslich erzwang).

«Wie ein stumpfes Schwert»

Nolte stellte klar: «Das Fernbleiben von Teamsitzungen und rufschädigendes Verhalten generell stellen arbeitsrechtlich relevante Verstösse dar.» Aber auch ihm ist bewusst: «Das Arbeitsrecht wirkt in solchen Fällen wie ein stumpfes Schwert.» Denn für die Vereine steht zu viel auf dem Spiel, wenn sie sich auf einen juristischen Streit einlassen: Millionen und Abermillionen Euro Ablöse. Und einen solch teuren Spieler den Vertrag auf der Tribüne aussitzen zu lassen, ist eben das: ein teures Vergnügen.

Dies wird sich im Fall von Neymar auch PSG nicht leisten wollen – katarische Milliarden im Hintergrund hin oder her. Im Interview mit «Le Parisien» sagt Sportdirektor Leonardo: «Ich kenne keinen Club, der auf Dauer mit einem Spieler gewonnen hat, der sich für grösser hielt.»

Die zehn teuersten Transfers der Fussballgeschichte im Video.

Erstellt: 09.07.2019, 11:57 Uhr

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