«Ich bin ein Knipser – hoffentlich ...»

Cedric Itten war schwer verletzt – vor einer Woche erzielte er für den FC St. Gallen seine bislang bedeutendsten Tore.

Ein Basler in St. Gallen: Cedric Itten im Kybunpark, wo er sich daheim fühlt.

Ein Basler in St. Gallen: Cedric Itten im Kybunpark, wo er sich daheim fühlt. Bild: Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem Spiel ist das Knie gedanklich im Kopf. Und Cedric Itten weiss: «Es hält. Ich habe 90 Minuten in den Beinen.»

Es ist der Samstag vor einer Woche, Itten spielt mit St. Gallen in Basel, gegen den FCB, der eigentlich auch ein wenig sein FCB ist, weil er Basler ist und früher für den Club seiner Kindheitsträume spielte. Nur schon diese Konstellation macht den Abend im St.-Jakob-Park speziell für ihn. Und da ist eben dieses Knie, das rechte, das so schwer verletzt war.

Kreuz- und Innenband waren gerissen, es war der 23. September vergangenen Jahres, als er von Luganos Verteidiger Fabio Daprelà übel attackiert und mit gestrecktem Bein am Knie getroffen wurde. Das Gelenk knickte seitlich ab, es sei «abgebrochen», formuliert es Itten selbst. Von «voller Absicht» und «Kung-Fu» sprach St. Gallens Sportchef Alain Sutter in seiner ersten Aufwallung. Itten wusste sofort: «Da ist etwas Gravierendes passiert.» Trotzdem versuchte er aufzustehen, es ging nicht. Die ersten Tränen kamen, weil er realisierte, was das bedeutet. Die Diagnose war im Spital schnell gestellt. Auf seinem Handy las Itten die ersten Meldungen, in denen von «Horrorfoul» die Rede war.

Itten hat es nie nach Revanche gelüstet

Keine 22 war er und vielleicht in der besten Form seiner jungen Laufbahn. Vier Tore hatte er bis dahin in sieben Ligaspielen erzielt. Dann kam Daprelà. Und Itten sagt heute: «Ich war schockiert, dass jemand einem Gegner auf dieser Höhe ins Knie springt. Da ist die Chance schon gross, dass etwas passiert.»

Es sind mit Bedacht geäusserte Sätze. Sie passen zu Itten, weil es ihn nie nach Revanche gelüstet hat, sondern weil er sich schnell sagte: «Ab dem Tag, an dem ich operiert werde, geht es wieder aufwärts. Ich muss positiv bleiben, das beeinflusst auch meinen Heilungsprozess.» Er akzeptierte die Situation – und dazu gehörte auch, die Entschuldigung von Daprelà anzunehmen.

Das Foul von Daprelà an Itten. Video: SRF

In der Therapie gab es Rückschläge. Wenn das Knie schmerzte. Wenn es anschwoll. Aber wenn es einmal nicht gut ging, konnte er an das Beispiel von Manuel Akanji denken. Auch Akanji hatte einen Kreuzbandriss erlitten, einst in einem Training mit dem FC Basel. Itten bekam das aus zwei Meter Distanz mit. Letzten November erlebte er live mit, wie weit es Akanji trotz dieser Verletzung gebracht hatte. Er war im Stadion, als der Nationalspieler mit Dortmund gegen Bayern München gewann.

Ein halbes Jahr später war Itten zurück im St. Galler Kader, zweimal war er Ersatz, bis er im letzten Spiel der Saison in Zürich in der 88. Minute eingewechselt wurde. Er berührte vier Bälle und konnte mit einem guten Gefühl in die Ferien fliegen. Mit seiner Langzeitfreundin («die erste und hoffentlich auch die letzte») gönnte er sich eine Reise auf die Malediven.

Die neue Saison kam, 30 Minuten zum Start gegen Luzern und dann dieser Samstag vor acht Tagen in Basel. Vier oder fünf war Itten, als er mit seinem Vater erstmals zu den Spielen des FCB ins Stadion gehen durfte, Block B6, Reihe 20, vis-à-vis der Muttenzerkurve. Mit 11 wurde er selbst Junior, er stand auf dem Barfüsserplatz und jubelte mit, wenn es Titel zu feiern gab. Mit 19, Anfang 2016, debütierte er in der Super League. Zehn weitere Einsätze folgten, dann durfte er sich Meister nennen.

Eines ist immer wichtiger als der FCB: Spielen, Tore schiessen

Der Verein plante die nächste Saison. Es gab Doumbia, Janko, Sporar und notfalls Elyounoussi als Stürmer im Kader, und Itten erkannte, dass der Platz für ihn eng wird. Da kam das Interesse für ihn aus Luzern gerade richtig. Er liess sich ausleihen, weil für ihn etwas wichtiger ist als der FCB: Das ist das Ziel, selbst zu spielen und Tore zu schiessen. In Luzern spielte er viel und erzielte drei Tore.

Nach gut einem Jahr wollte ihn der FCB zurück, Itten war wichtig, dass auf ihn gesetzt wird. Ein paar Einsätze bekam er, einmal sogar in der Champions League, aber oft dauerten sie nur ein paar Minuten. Es war nicht das, was ihm versprochen worden war. «Es klappte halt nicht», sagt er, «der Trainer trifft seine Entscheidungen.» Raphael Wicky setzte lieber auf Albian Ajeti, für viel Geld aus St. Gallen zurückgeholt.

Schon als Bub träumte Itten davon, Nationalspieler zu werden. Heute sagt er: «Ich bin gut genug.»

Itten ging dahin, wo Ajeti hergekommen war, in die Ostschweiz, und fühlte sich sofort wohl. Von seinen Chefs, Präsident, Sportchef und Trainer, spürte er das Vertrauen, das ihm in Basel gefehlt hatte. Dass Peter Zeidler in einem 4-3-3 spielen lässt, kommt ihm entgegen. Mit seinen 1,89 m passt er perfekt ins Sturmzentrum, er sagt von sich, dass er den Ball gut abdecken könne, viel renne, einen guten Schuss habe, und er sagt: «Ich bin ein Knipser – hoffentlich ...» Er lacht.

Letzten Sommer unterschrieb er in St. Gallen einen Vertrag für drei Jahre bis 2021. Er soll ein Gesicht des Vereins werden, der die Nähe zu den Fans mit seiner «Espen on tour»-Kampagne pflegt. «Er hat Anlagen, die ihn befähigen, eine Leaderrolle zu übernehmen», sagt Matthias Hüppi. Aber der Präsident hütet sich davor, gleich zu viel auf die Schultern eines Einzelnen zu laden. Er will keinen abwerten, indem er andere überbewertet. St. Gallen ist kein Ort für Individualisten, nur für Teamplayer. Und diesen Gedanken erkennt Hüppi bei Itten: «Er ist sich für nichts zu schade. Er ist schon ein cooler Typ.» Wer Itten gegenübersitzt, kann Hüppi verstehen.

Mit der Brust und einem Penalty führt Itten St. Gallen zum Sieg

90 Minuten steht Itten vor acht Tagen gegen den FCB auf dem Platz, er erzielt das 1:0 mit der Brust, weil er im Gedränge entschlossen nachsetzt, er verwertet in der 81. Minute einen Elfmeter. Am Ende gewinnen die St. Galler nicht zuletzt dank ihm 2:1. Schon ein Jahr zuvor hatten sie das geschafft, schon damals traf Itten einmal. Diesmal denkt er ans Knie. Er spürt nichts, keine Reaktion, «alles perfekt», sagt er. Die Freude geht tief. Chirurg und Physiotherapeut haben gute Arbeit geleistet.

Itten trifft zum zweiten Mal beim 2:1 gegen den FCB. Video: SRF

Ende Jahr wird Itten 23. Einen Traum hat er, als wäre er noch immer ein kleiner Bub. «Nationalspieler werden», sagt er, «das ist mein allergrösstes Ziel.» Sind Sie gut genug? «Ja sicher. Dieses Selbstvertrauen muss ich haben.» Die Nationalhymne kann er schon.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 04.08.2019, 15:36 Uhr

Artikel zum Thema

Basler Misstritt beim Spiel vor Eindhoven

Im Heimspiel gegen St. Gallen schickt FCB-Trainer Marcel Koller eine B-Elf aufs Feld. Der Poker geht nicht auf. Servette punktet schon wieder. Mehr...

Daprelà für sechs Spiele gesperrt

Video Im September hat der Lugano-Verteidiger in St. Gallen Cédric Itten mit einem üblen Foul verletzt. Stürmer Itten fällt monatelang aus. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!