Deutschlands Schmach

Nach Dortmund und Schalke ist auch Bayern München in der Champions League chancenlos. Fussball-Deutschland ist erschüttert.

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Gegen Spielende riefen ein paar Bayern-Fans in der Kurve: «Steht auf, wenn ihr Bayern seid!» Dann kam die 84. Minute, das Tor von Sadio Mané, und viele Tausend Zuschauer standen auf, aber sie blieben nicht stehen. Sie verschwanden in die Nacht, weil es keine Hoffnung mehr für ihr Team gab. Mané hatte das 3:1 für den FC Liverpool erzielt und Bayern München aus der Champions League geworfen.

Manés Kopfball war der Schlusspunkt eines Spiels, das zuerst die Münchner erschüttert hat und dann gleich auch noch die gesamte Bundesliga. Und es hat die Deutschen auf schmerzliche Art auch noch daran erinnert, in welch schlechter Verfassung der Stolz ihres Landes ist: die Nationalmannschaft. Wenn Bayerns Trainer Niko Kovac sagt: «Wir haben unsere Grenzen aufgezeigt bekommen», ist dieser Satz grundsätzlich zu verstehen.

Dreimal trafen in den Achtelfinals der Champions League deutsche Mannschaften auf englische: Dortmund auf Tottenham, Schalke auf Manchester City und Bayern eben auf Liverpool. Die Bilanz liest sich aus ihrer Sicht verheerend: sechs Spiele, ein Remis, fünf Niederlagen, 3:17 Tore.

Frisiert! Rasiert! Blamiert!

Dortmund war mit seiner Jugend-forscht-Abteilung schon nach dem Hinspiel chancenlos, vor allem weil sie körperlich nicht bereit war, den robusten Londonern zu widerstehen. Goalie Roman Bürki kritisierte die Arbeitseinstellung im Training.

Schalke kassierte am Dienstag ein 0:7 bei Manchester City. Ein paar Schalker Spieler waren genug doof gewesen, am Vortag einen Coiffeur ins Teamhotel einzufliegen. Es war der gleiche, den schon die Dortmunder vor ihrem Match in London zu sich gebeten hatten. «Frisiert! Rasiert! Blamiert!», höhnte die «Bild»-Zeitung damals.

Die Bayern pumpten sich mit der Tatsache auf, dass sie in der Bundesliga seit der Winterpause neun Punkte auf Dortmund gutgemacht hatten und dass sie in Liverpool nicht untergegangen waren. Je länger dieses 0:0 zurücklag, desto verklärter sahen sie es. Am Mittwoch bricht die Realität über sie herein, sie sind erneut so mutlos wie in Liverpool, und die Verzweiflung ergreift sie, weil sie gegen dieses in jeder Beziehung überlegene Liverpool von Jürgen Klopp keinen Plan haben. «Wir haben in beiden Spielen zu defensiv gespielt», sagt Robert Lewandowski. ­Trainer Kovac darf das als Kritik des Stürmers an seiner Taktik verstehen.

Die Bundesliga ist so glänzend vermarktet, dass viele Stadien voll sind und Jahr für Jahr Umsatzrekorde verbucht werden, derzeit steht er bei 3,8 Milliarden. Sky trägt mit seinen Milliarden und seiner Berichterstattung viel zum Bild von einer Schönwetterliga bei. Nur hilft das den Clubs nichts, um ihren Rückstand im internationalen Vergleich zu kaschieren. Die Liga ist wirtschaftlich nicht bereit für die absoluten Topspieler wie Cristiano Ronaldo. Juventus zahlt für den Portugiesen 112 Millionen Euro Ablöse und 120 Millionen Gehalt in vier Jahren, die Bayern tun das nicht, obschon sie sich das bei einem Umsatz von 630 Millionen leisten könnten. Sie sind wirtschaftlich die vierte Kraft in Europa.

Englands Geld und Glück

In der Premier League kommen allein die Top 6 aus Manchester, Liverpool und London auf einen Umsatz von 3,1 Milliarden. Der sportliche Erfolg stellt sich jetzt ein, indem England in der Champions League erstmals seit zehn Jahren vier Viertelfinalisten stellt. Dass es so lange darauf warten musste, zeigt aber zum einen, dass viel Geld nicht automatisch viel Erfolg bedeutet. Zum Zweiten geht es manchmal nicht ohne Glück oder das Einschreiten des Videoschiedsrichters, der Manchester United zum entscheidenden Elfmeter gegen Paris St-Germain verhalf.

Deutschland kann nur auf Bayern
hoffen, wenn es internationalen
Erfolg haben will.

Und zum Dritten: England bleibt auf Geld und Facharbeiter aus dem Ausland angewiesen. Von den Viertelfinalisten ist einzig Tottenham in englischem Besitz, die Trainer sind alle Ausländer und die Kader nur gut zu einem Viertel mit einheimischen Spielern besetzt.

Deutschland dagegen kann nur auf den FC Bayern hoffen, wenn es auf höchstem Niveau mithalten will. Dieser Club besitzt eine solche Kraft, dass sein Wohlergehen direkten Einfluss aufs Nationalteam hat. Sechs Bayern bildeten das Rückgrat des Weltmeisters von 2014: Sie waren damals alle auf ihrem Zenit. Bei der WM letztes Jahr dagegen waren die Bayern formschwach. Und Deutschland blamierte sich.

Bundestrainer Joachim Löw arbeitet an einem Neuaufbau seiner Auswahl. Bayern tut das im Sommer auch. Es gibt dabei einen Unterschied: Löw hat fast nur Spieler zur Verfügung, die ihm die Bundesliga anbietet, und verzichtet dafür noch freiwillig auf ein Bayern-Trio. Bayern kann wenigstens auf sein Festgeldkonto zurückgreifen. (Newsnet)

Erstellt: 14.03.2019, 19:45 Uhr

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