«Das ist nicht mein Spielstil ... leider»

Breel Embolo hat bei Schalke Rückschläge verdaut – und trifft nun wieder. Ein Gespräch über Verletzungen, Tore und Familie.

Ab Donnerstag online: Eine vierteilige Doku über das Leben von Breel Embolo. Video: Athlete's Stance. Bild: Laura Gauch

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Locker schlendert Breel Embolo in ein Hotel in Gelsenkirchen, trägt Badelatschen und Trainingsanzug, auf Französisch telefonierend. Das Interview soll hier stattfinden. Er schaut sich in der Lobby nach einem geeigneten Ort um, verwirft die Pläne aber schnell und schlägt das Stadion vor, die Veltins Arena, nur wenige Minuten entfernt.

Auf der Fahrt wird Embolo zum Touristenführer. Etwas Stolz ist schon dabei, als er aus dem Auto heraus den Rasen zeigt, auf dem die Schalker ihre Spiele austragen und der aus der Arena gerollt werden kann. Ganz in der Nähe wohnt Embolo mit seiner Freundin und seiner Tochter. ­Naliya kam während der WM in Russland zur Welt, der 22-Jährige reiste zwischen den Spielen gegen Costa Rica und Schweden zurück, um bei der Geburt dabei zu sein. Embolo, ein talentierter Fussballer mit Flausen im Kopf. Und mittlerweile auch Vater.

Was hat sich seit Geburt Ihrer Tochter verändert?
Sie ist jetzt acht Monate alt. Ich kann mich genau erinnern, als ich an der WM gespielt habe. Da war sie zwei Zentimeter gross, etwa so (hält die Hände leicht auseinander und lacht). Und jetzt kann sie schon sitzen und alles.

«In meiner Familie geht es jetzt nicht mehr nur um Breel Embolo und Fussball, es geht um meine Tochter.»

Können Sie und Ihre Partnerin schon ­durchschlafen?
Wir haben Glück: Unsere Tochter hat meine Gene und schläft sehr gerne. In den ersten zwei Monaten muss man sich daran gewöhnen, die Signale des Kindes erkennen, das ist nicht einfach. Jetzt gerade zahnt sie und erwacht etwa dreimal pro Nacht, sonst nur einmal. Die Nachtschichten macht meine Freundin, das gibt mir Freiheiten und die Chance, mich zu erholen und auf das Training zu fokussieren.

Gibt es Tipps von Mitspielern?
Wir reden viel darüber. In letzter Zeit sind einige Mitspieler Vater geworden, oder sie stehen kurz davor. Das schafft Gemeinsamkeiten. Von einem Tag auf den anderen ist eine Person da, die dir sofort wichtig ist. In meiner Familie geht es jetzt nicht mehr nur um Breel Embolo und Fussball, es geht um meine Tochter. Wenn wir in der Schweiz sind, müssen wir alle besuchen. Wirklich jeden. Die wollen aber nicht mich sehen, sondern die Kleine.

26,5 Millionen Euro kostete Embolo, als er im Sommer 2016 von Basel zu Schalke wechselte. Er ist der teuerste Zuzug der Vereinsgeschichte. Das weckte Erwartungen, die er nicht immer erfüllte. Verletzungen machten ihm zu schaffen, die Schlagworte in den Medien waren wenig schmeichelhaft. Fehleinkauf, Sorgenkind, die «Bild» schrieb vom «Seuchenvogel». In zweieinhalb Jahren hat er 50 Spiele absolviert und 11 Tore erzielt. 60 Partien hat er seit seiner Ankunft verpasst.

Die Leidensgeschichte begann im Oktober 2016, als er böse gefoult wurde. Bruch im Sprung­gelenk, Embolo verpasste den Rest der Saison. In seiner zweiten fehlte er einige Wochen wegen muskulärer Probleme. «Ärgerlich», wie er sagt. Muskelverletzungen könne man verhindern, Brüchen hingegen sei schwer vorzubeugen. Das musste er im November 2018 erneut feststellen: Haarriss im Mittelfussknochen.

Embolo wollte zur Rückrunde fit sein. Im Januar sagte Trainer Domenico Tedesco, er rechne diese Saison nicht mehr mit ihm. Am 1. März vermeldete er: «Breel ist endlich wieder eine Option.» Am vergangenen Samstag spielte der Stürmer in Bremen wieder von Beginn an und erzielte gleich zwei Tore. Er verdoppelte damit seine Anzahl Saisontore in der Bundesliga. Trotzdem gab es ein 2:4. Schalke ist in der Krise, letzte Saison noch Zweiter, heute auf Platz 14. Jetzt soll Embolo helfen, wenigstens den Rest der Saison noch anständig zu gestalten.

Hatten Sie nach der längeren Pause Angst, in einen Zweikampf zu gehen?
Nein, mich muss man eher bremsen. Einmal kam im Training ein Mitspieler zu mir und sagte: «Breel, du dribbelst zwei Spieler aus, warum gibst du vor dem dritten nicht ab? Du bist selbst schuld, dass ich richtig reingehe.» Ich sagte: «Du musst halt den Ball treffen, dann verletze ich mich nicht.» (lacht) Ich ziehe meine ­Beine nicht zurück, das ist nicht mein Spielstil … leider.

Wie muss man sich den Tagesablauf in der Reha vorstellen?
Ich war zweimal am Tag im ­Reha-Zentrum gleich neben dem Stadion. Vier, fünf Wochen immer das gleiche, jeden Tag. Das wird nervig und langweilig. Es braucht Geduld und Ehrlichkeit. Und Leute, denen man vertraut. Ich habe diese Leute. Und die wissen auch, dass der Breel ihnen die Wahrheit sagt.

Einer dieser Leute ist Allert Pol. Zum Physiotherapeuten pflegt Embolo einen engen Kontakt, nennt ihn «Brudi». Dieser «Brudi» ist beim Gespräch auch da, vertreibt sich mit einem Schalker Chauffeur die Zeit mit Tischfussball. Später steht eine dreistündige Behandlung im Hause ­Embolo an. Einmal pro Woche kommt der Holländer vorbei, um den Stürmer zu pflegen. Als der Schweizer so erzählt, wird er unterbrochen. Der Portier des Stadions will wissen, wie lange das Gespräch im Innenraum der Arena noch dauert. Bald hat der Mann Feierabend. Embolo winkt ab, es könnte noch länger gehen. Die beiden einigen sich darauf, dass man das Stadion später durch einen Seitenausgang ­verlässt.

Sie haben sich sehr mir der Verletzung auseinandergesetzt.
Du willst ja wissen, was du genau hast. Das habe ich aus meiner ersten Verletzung gelernt. Da war fast alles kaputt, ich konnte die ersten vier, fünf Monate kaum etwas machen. Da hinterfragt man sich schon: Was kann ich besser machen? Wer hatte solche Verletzungen schon einmal und wer sind die Spezialisten? Wenn du nicht spielst, vermisst du plötzlich die Reisen zu den Spielen, das Leben in Hotels. Du lernst deinen Beruf wieder mehr schätzen.

Die Realität eines Fussballer­lebens kann hässlich sein. Da ist zum einen die Kritik, Stichwort Seuchenvogel. Da sind aber auch die Fans. Die Schalker Nordkurve gehört zu den lautesten der Liga. Und zu den anspruchsvollsten. Nach dem 0:4 gegen Aufsteiger Düsseldorf muss Benjamin Stambouli den Fans seine Captainbinde abgeben, er kämpft mit den Tränen. Die Kurve hat die Binde zum Saisonstart selbst designt, «um den Zusammenhalt zwischen Fans und Team weiter zu stärken», wie es auf der Website der Fangruppe hiess.

«Ausserhalb des Fussballplatzes bin ich der lockere Typ, der gerne ein bisschen Seich macht.»

Er bereue trotz schwierigen Zeiten nichts, sagt Embolo. Und im Team stimme es. Der Basler ist in die französischsprachige Fraktion mit dem Senegalesen Salif Sané und dem Marokkaner Amine Harit eingebunden, beide sind in Frankreich aufgewachsen. Embolo selbst, in Kamerun geboren, spricht mit vielen Familienmitgliedern Französisch.

Embolo ist 22, vor fünf Jahren kam er zu seinem Debüt für den FC Basel, etwas mehr als ein Jahr darauf folgte die Premiere im Nationalteam. Breel Embolo, ein erfahrener Leadertyp? «Auf dem Platz vielleicht. Ich will auch einer sein», sagt er. «Ausserhalb bin ich der lockere Typ, der gerne ein bisschen Seich macht.»

Auch mit Manuel Akanji. Der Dortmund-Verteidiger lebt nur 20 Minuten entfernt, «wir sind fast täglich in Kontakt», sagt Embolo, «Manu ist mehr als ein Kollege». Und Schalke gegen Dortmund mehr als ein Fussballspiel. Das nächste Derby findet Ende April statt.

Werden Sie dann ­gegeneinander wetten?
Das weiss ich noch nicht. Aber es ist Zeit, dass wir mal gegeneinander spielen. Es ist sowieso schon ein spezielles und verrücktes Spiel. Wenn wir auf dem Platz sind, wird es sicher mal ein Lächeln geben, aber auch den einen oder anderen Zweikampf.

Einmal spielten die beiden schon gegeneinander. 2014 war das, Embolo bei Basel, Akanji bei Winterthur, Schweizer Cup. Basel siegte 4:0, Embolo schoss drei Tore. «Momentan bin ich noch voraus», sagt er und lacht.

Nach 90 Minuten Gespräch, Physio Pol muss sich gedulden, geht es über den Seitenausgang raus. Embolo wartet, bis der Chauffeur (auch ihn nennt er «Brudi») in einem schwarzen SUV mit getönten Scheiben vorfährt. Der Wagen ist für die Journalisten gedacht, die an den Bahnhof gefahren werden.

Embolo wartet aus einem anderen Grund: TV-Kameras sind vor dem Stadion. Der Wagen soll ihm Deckung geben, um unerkannt ins Fahrzeug von Pol einzusteigen. Spieler und Verein haben keine Lust, dass er landesweit im Fernsehen erscheint, zumindest nicht in Badelatschen und Trainerjacke. Lieber in Fussballschuhen und Schalke-Trikot.

(zsz.ch)

Erstellt: 12.03.2019, 06:30 Uhr

Dok-Serie zu Embolo

In einer Dok-Serie, die ab Donnerstagabend im Onlineportal dieser Zeitung zu sehen ist, spricht Embolo ausführlich über sein Privatleben. Das kostete Überwindung. Doch Johan Djourou, Mitgründer der Agentur Athlete's Stance, die den Film drehte, überzeugte ihn. Jetzt findet er: «Es ist etwas sehr Schönes herausgekommen.»

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