Akanji wird es sich merken

Er will einmal die Champions League gewinnen. Dafür muss Manuel Akanji seine Lehren ziehen aus Duellen wie jüngst gegen Ronaldo.

Alles drin in Manuel Akanjis Kopf: Der Verteidiger hat grosse Ziele, klare Ideen und eine nötige Portion Demut. (Bild: Reto Oeschger)

Alles drin in Manuel Akanjis Kopf: Der Verteidiger hat grosse Ziele, klare Ideen und eine nötige Portion Demut. (Bild: Reto Oeschger)

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Er hat schon oft stark ausgesehen. Er hat Timo Werner in Schach gehalten, Heung Min Son gestoppt und Franck Ribéry nicht dribbeln lassen. Dann kam ­Cristiano Ronaldo. Und Manuel Akanji musste feststellen: «Er ist wirklich sehr gut.»

Zweimal stand der Schweizer Innenverteidiger am Mittwoch nahe beim Stürmer, das war in der 88. und 90. Minute. Zweimal war es nicht nahe genug. ­Ronaldo gelang für Portugal im Halbfinal der Nations League das 2:1 und das 3:1. In der ersten Szene dachte Akanji, er habe seinen Gegenspieler so bedrängt, dass es schwierig sei, ein Tor zu erzielen. Nachher musste er erkennen: «Für ihn war es offenbar nicht so schwierig.»

Akanji wird es sich merken. Seit 18 Monaten spielt er nun in Dortmund und hat seinen aufregenden Weg fortgesetzt, der 2015 mit dem Wechsel von Winterthur nach ­Basel begann. In Dortmund ist er Stammkraft, war auch schon ­Captain. Der Aufstieg soll weitergehen. Basels früherer Sportchef Georg Heitz hat einmal gesagt, Akanji sei bemerkenswert ehrgeizig. Akanji erklärt, es sei sein Anspruch, irgendwann in einem Team zu sein, das die Champions League gewinne. Er hofft, es schon mit Dortmund so weit zu bringen.

Die Finger zum Lackieren hingehalten

In Wiesendangen bei Winterthur ist Akanji gross geworden, als jüngstes Kind nach seinen Schwestern Michelle und Sarah. Der Vater stammt aus Nigeria und kam nach dem Studium aus den USA in die Schweiz. Und es ist bei den Akanjis nicht immer ruhig zu- und hergegangen. Im Garten spielten die Kinder häufig Fussball. Da hatten die Mädchen ihren Bruder vermutlich weniger gut im Griff als drinnen. Einmal wollten sie ihm die Fingernägel lackieren. «Da habe ich halt hingehalten», sagt er.

Akanji lächelt, als er daran zurückdenkt und davon erzählt. Er stand und steht seinen Schwestern nahe, die beide auch Karriere machen. Michelle (29) im Kulturbereich, Sarah (25) politisiert für die SP und wurde im Frühjahr in der Stadt Winterthur bestgewählte Kantonsrätin.

Das Grinsen im Gesicht gehört zu Akanji. Er sagt, es gebe doch auch genug Gründe, um mit einem ­Lächeln durch die Welt zu gehen. Die Eltern haben ihm mitgegeben, stolz auf das zu sein, was er ist und tut. Sie haben ihn gelehrt, bodenständig zu sein und den positiven Blick aufs Leben nicht zu verlieren. Nigeria fühlt er sich verbunden wie der Schweiz. Er würde gerne wieder einmal hinreisen. Der letzte Besuch liegt Jahre zurück.

Ausgeglichen und bedacht trotz des Erfolgs

Eine KV-Lehre beim Treuhänder hat er einst gemacht. Jetzt lebt er in einer anderen Welt, einer Welt voller Glamour und Geld. Er sieht, wie verlockend es sein kann, wenn sich schon ein junger Mensch sehr viel leisten kann. Er weiss, dass der Erfolg schnell in den Kopf steigen kann. Bei ihm soll das nicht passieren. Michelle erzählte einst, Manuel sei auch im Erfolg ausgeglichen, fair und bedacht geblieben. «Ich bin so, weil es mir wichtig ist», sagt er.

Dass aus Akanji ein Profi wird, zeichnete sich lange nicht ab. Im Nachwuchs von Winterthur gab es Zeiten, da war er zweite Wahl, Nationalspieler wurde er erst in der U-20. Aufwärts ging es mit dem körperlichen Entwicklungsschub. Im Rückblick ist er froh, dass ihm nicht alles einfach gefallen ist, dass er kämpfen musste. Er glaubt, das bringt ihn jetzt weiter. «Prove them wrong», hat er sich auf den Unterarm tätowieren lassen. Beweise ihnen, dass sie falsch liegen.

Hungrig auf ersten Treffer für die Schweiz

In Dortmund lebt Akanji mit seiner Verlobten Melanie. Sie treffen sich gerne mit der Familie von ­Marco Reus – da können sie schon einmal üben, wie es wäre, selbst Kinder zu haben. Wie bei den ­Embolos aus Gelsenkirchen. Ein Dortmunder und ein Schalker, das geht eigentlich nicht. Doch bei Akanji und Breel Embolo passt das wunderbar. Die beiden Nationalspieler stehen sich nahe. Ihre Verbundenheit gehe weit über den Fussball hinaus, sagt Akanji.

Mit Dortmund hat er den Meistertitel verpasst. Als er im Januar und Februar verletzt war, verspielte der BVB sechs Punkte gegen Frankfurt, Hoffenheim und Nürnberg. Als er fehlte, verlor die Borussia in der Champions League bei Tottenham 0:3. Doch auch als er wieder spielte, konnte Dortmund die ­Bayern nicht mehr aufhalten.

Akanji trauerte dem Titel nach, sagt aber auch, als Fussballer müsse er negative Erlebnisse schnell zurücklassen können. Das gilt auch für den Mittwoch, für sein erstes Zusammentreffen mit Ronaldo in einem Spiel. Heute Sonntag wartet England.

In seinem idealen Drehbuch schiesst Akanji einen Treffer – das kommt ja sonst selten vor. Für die Schweiz hat er in 16 Spielen noch nie getroffen, bei Dortmund war das letzte Mal vor neun Monaten. Viel wichtiger wäre ihm aber, dass die Schweiz gewinnt. Mit einem Sieg zum Abschluss reist es sich einfach viel lockerer in die Ferien.

Erstellt: 09.06.2019, 11:04 Uhr

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