Rapperswil-Jona

Wirbelwind mit Harvard-Abschluss

Ryan McGregor gehört bei Rapperswil-Jona ­zu den Leistungsträgern. Geprägt hat ihn die Zeit an der Elite-Universität Harvard – sowohl auf als auch neben dem Eis.

Schnell und wendig: Die läuferischen Fähigkeiten gehören zu den Stärken von Lakers-Stürmer Ryan McGregor.

Schnell und wendig: Die läuferischen Fähigkeiten gehören zu den Stärken von Lakers-Stürmer Ryan McGregor. Bild: Fabio Meier

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Ryan McGregor ist aussergewöhnlich. Nicht auf den ersten Blick. Klar, er ist ein guter Eishockeyspieler, der dann und wann aus dem Kollektiv der Rapperswil-Jona Lakers herausragt. Sei es durch Tore oder durch seinen teils unkonventionellen Spielstil. Aussergewöhnlich macht ­ ihn aber vor allem der Weg, den ­ er hinter sich hat.

Wir spulen sieben Jahre ­zurück. McGregor ist 17-jährig, spielt ­bei den GCK Lions Eishockey und hat eben erst 39 Sko­rer­punkte ­auf höchster Nachwuchsstufe ­erzielt. Es ist klar, der Junge hat ­Talent und Potenzial. Das sehen auch die Verantwortlichen der Lions und offerieren ihm einen NLB-Vertrag. Doch McGregor lehnt ab und spielt weiter für die Elite-Mannschaft. Denn er hat einen Plan: dereinst an einer ameri­kanischen Universität zu studieren und ­dort Eishockey zu spielen. Das geht nur, wenn er noch nie in einer ­Profi-Liga engagiert war.

Harter Alltag

Heute weiss McGregor, sein ­Plan ist aufgegangen. «Es war ein ­mutiger Entscheid», sagt er, als ­ er von den letzten Jahren spricht. Es hört sich an wie ein grosses Abenteuer. Denn der 24-Jäh­rige hat in den USA studiert und Eishockey gespielt – und zwar in Harvard. Jener Elite-Uni, die zu den renommiertesten der Welt zählt und Persönlichkeiten wie Barack Obama oder John F. Kennedy zu ihren Absolventen zählt.

«Es war das Beste, was mir pas­sieren konnte», sagt McGregor ­ohne Umschweife. «Und eine lehrreiche Zeit, die mich geprägt hat. Geschenkt wird dir in Harvard nichts.» Dies gilt sowohl im Hör­saal als auch auf dem Eisfeld. McGregor hatte als Sportler keine Sonderbehandlung. «Im Gegenteil», sagt er. «Zum normalen Uni-Alltag mussten wir noch trainieren.» Mindestens eine Einheit pro Tag stand auf dem Programm. Dazu kamen oft die langen Reisen an die Auswärtsspiele. Diese nutze er, um zu lernen.

McGregor hat einige Anek­doten zu erzählen. Er erzählt ­von einer Studentin, die nur für ihre ­Katze eine Wohnung mietete, weil Haustiere in Harvard verboten sind. Einer Busreise, die aufgrund des Schneefalls 3 Tage statt 10 Stunden dauerte, oder vom ­Leben in der Studentenverbindung. Man merkt schnell: McGregor hat ­ das Campusleben gefallen, in all seinen Facetten.

Handwerk statt Kunst

Auch die Sprache hat ihn geprägt. Er, der in Kanada ge­boren ist, schon im Elternhaus Englisch sprach und die letzten vier ­Jahre in den USA lebte, muss ­ sich manchmal kurz Zeit nehmen, um das richtige deutsche Wort ­ zu finden. Er macht dies gelassen und ­ohne Hast – so schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe.

Dies bewies er auch, als er ­ sich an den Eishockey-Stil in Har­vard anpassen musste. Sein schönes, technisches Spiel ­wurde vom Trainer nicht akzeptiert. «Viel laufen, checken, kämpfen und schiessen ist das Motto in der Universitätsliga.» Damit kam McGregor nicht auf Anhieb klar. Er sass oft auf der Tribüne, denn in einem 30-Mann-Kader ist ­jeder austauschbar. Statt Tore zu schiessen wie in der Schweiz, verlangte der Trainer viel Defensivarbeit – solides Handwerk statt Kunst. McGregor zeigte sich anpassungsfähig und entwickelte sich zu einem festen Wert, meist als Center der dritten Linie. «Ich habe gelernt, dass es auch Spass macht, die einfachen Dinge gut zu machen. Ich muss nicht mehr drei Tore schiessen, um mit meiner Leistung zufrieden zu sein.» Es scheint paradox. In einer Umgebung, in der die meisten Menschen aus sehr wohlhabendem Umfeld stammen, lernte McGregor Demut.

Der Weg zurück

Diese Eigenschaft macht sich ­ heute auch neben dem Eis be­merk­bar. Bei den Lakers ist er sich nicht zu schade, Aufgaben ausserhalb des Trainingsbetriebs zu übernehmen. Kürzlich gab er einer Klasse eine kleine Eis­hockey­lektion. «Die Begeis­terung für Eishockey kann ich, glaube ich, sehr gut vermitteln», sagt er und lacht.

Die Leidenschaft ist im Gespräch zu spüren. Vor allem, ­ wenn er von der letzten Saison in Harvard erzählt, die er aufgrund ­einer Knieverletzung komplett ver­passte. Zukunftsängste plagten ihn. «Was soll ich tun?», fragte er sich. «Einen Job suchen?» Zwar sah er sich nach Möglichkeiten in der Unternehmensberatung um, konkret wurde es aber nie. «Mein Herz wollte etwas anderes.» Und so beauftragte er seinen Agenten, in der Schweiz einen Klub ­ zu ­suchen. Gross war die Aus­wahl nicht. Zwar war er kein Unbekannter, während seines Engage­ments in Harvard war er aber vom Schweizer Radar verschwunden. Hinzu kam die lange Verletzungspause.

«Wenn ein Spieler eine ­ganze Saison keine Spiele bestreiten konnte, weiss man natürlich nicht, wo er steht», sagt Roger Maier, Koordinator der Lakers-Sportkommission. Die Katze im Sack habe man aber nicht verpflichtet, sagt Maier, auch wenn der Einjahresvertrag auf den ersten Blick nicht gerade einem Vertrauensbeweis entspricht. Spätestens heute dürften aber allfällige Zweifel beseitigt sein. Mit 6 Toren und 5 Assists gehört der Flügel zu den produktiveren Spielern des Leaders. Bei den Lakers hat er auch wieder eine offen­sivere Rolle als in den USA.

Maier beschreibt McGregor als kompletten Spieler, als Wirbelwind. «Er weiss, wenn er aggressiv vors Tor gehen kann und wann er besser den Pass spielt.» Es fallen auch Attribute wie pflegeleicht, diszipliniert, bescheiden.

Die Wertschätzung ist gegenseitig. McGregor fühlt sich wohl bei den Lakers. Bezeichnet den Trainer Jeff Tomlinson als besten Coach, den er je hatte. Der Ebmatinger ist froh, ein Teil des Neuanfangs beim Absteiger sein zu können. Es stört ihn nicht, dass er vielleicht in der NLA spielen würde, wenn er vor sieben Jahren den NLB-Vertrag unterzeichnet hätte. Und eines hebt ihn ohne­hin von allen anderen Spielern ab, wie sein Vater Mark McGregor unlängst bemerkte: «Ryan ist der Einzige auf Schweizer Eis ­mit einem Harvard-Abschluss.» ()

Erstellt: 20.11.2015, 10:21 Uhr

Sportliche Familie

Ryan McGregor wurde die Lei­den­schaft fürs Eis­hockey in die ­Wiege gelegt. Bereits sein ­Vater war Eishockeyspieler und Trainer. In den 90er-Jahren ­führte er den SC He­risau als ­Coach in die NLA, und später übernahm er die Geschicke der Rap­pers­wil-Jona Lakers. Auch Ryans Schwester Kaitlyn McGregor spielte lange Eishockey, ­bevor sie sich entschied, auf Eisschnelllauf zu setzen.

Mit 16 zog sie aus dem Elternhaus in Ebma­tingen aus, um in Holland und Deutschland von der besseren Infrastruktur zu profitieren. Die 21-Jäh­rige stellte mehrere natio­nale Rekorde auf und galt als grosses Talent. Jedoch platzte ihr olympischer Traum von ­Sotschi 2014. In diesem Sommer verabschiedete sie sich aus dem Spitzensport durch die Hintertür. Über die genauen Gründe mag sie derzeit nicht sprechen. Ihre Auszeit nimmt sie sich in den USA, wo ihr Freund Ronalds Kenins in der American Hockey League spielt. (rma)

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