Eishockey

«In der NHL hörst du nie die Wahrheit»

Wegen einer Sperre verpasst Topskorer Jared Aulin heute Freitag das letzte Spiel der Lakers vor Weihnachten. «Ärgerlich», sagt der 35-jährige Kanadier, aber aus der Bahn wirft ihn das nicht. Dazu hat Aulin in seinem Leben schon zu viel durchgemacht.

Frisch verliebt: Lakers-Stürmer Jared Aulin und Jordan lernten sich im vergangenen Sommer in Kanada kennen – beim Spinning-Kurs im Rahmen seiner Reha nach einer Knie-OP.

Frisch verliebt: Lakers-Stürmer Jared Aulin und Jordan lernten sich im vergangenen Sommer in Kanada kennen – beim Spinning-Kurs im Rahmen seiner Reha nach einer Knie-OP. Bild: Silvano Umberg

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Oh, Sie bringen gleich noch Verstärkung zum Interview mit.
Jared Aulin: (lacht) Genau. Das sind Jordan, meine Freundin, und ihr Hund Finn, ein Malteser-Pudel-Mix. Sie sind zum zweiten Mal bei mir in der Schweiz zu Besuch und bleiben bis kurz nach Weihnachten.

Die beiden leben also noch in Kanada?
Ja, wir haben uns erst vor einem halben Jahr kennen gelernt – in Kelowna, wo ich jeweils den Sommer verbringe. Kurz nach Saisonende hatte ich mich einer Knie-OP unterziehen müssen. Das Seitenband musste verkürzt werden, damit das Gelenk wieder richtig hält. Im Rahmen der Reha besuchte ich ihren Spinning-Kurs. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ab Mitte Juli konnte ich wieder voll trainieren. Nun hält alles und ich bin gleich doppelt glücklich.

Sehr gut. Kommen wir damit zur eigentlichen Einstiegsfrage: Was ist das für ein Kaffee, den Sie sich da bestellt haben?
Ein Caffé Americano mit einem Schuss Haselnusssirup. Der Gesundheit zuliebe trinke ich den Kaffee ja normalerweise ohne ­Zusätze. In der Weihnachtszeit, wenn einem von überall süsse Düfte entgegenströmen, ist es aber fast unmöglich, das durchzuziehen. (schmunzelt)

Was ist Ihr Lieblingsgetränk?
Stilles Wasser – und neuerdings dieser marokkanischen Minzentee im «Rare Street Coffee» in Rapperswil.

«Fertigprodukte kommen mir nicht auf den Teller.»SCRJ-Topskorer Jared Aulin

Bleiben wir beim Kulinarischen: Was essen Sie gerne?
Vieles. Aktuell geht nichts über Weihnachtsgebäck. (lacht) Und Erdnussbutter liebe ich seit jeher. Grundsätzlich achte ich aber sehr auf eine gesunde und sportlergerechte Ernährung. Es muss alles frisch sein und von hoher Qualität. Fertigprodukte kommen mir nicht auf den Teller.

Können Sie gut kochen?
Ich denke schon, ja. (Jordan nickt zustimmend) Ich bin sehr kreativ in der Küche, entwickle immer wieder neue Menüs und Fleischmarinaden.

Welchen sportlichen Grossanlass haben Sie als ersten bewusst wahrgenommen?
Schwierig zu sagen. (überlegt) Noch bestens erinnern kann ich mich an ein Derby zwischen den Calgary Flames und den Vancouver Canucks in den NHL-Playoffs 1994. Es war das entscheidende 7. Spiel dieser Serie und Pavel Bure sorgte in der zweiten Verlängerung für die Entscheidung. Leider zuungunsten «meiner» Flames (Aulin stammt aus Calgary; Red.), doch es war dennoch ein unvergesslicher Abend – nicht zuletzt, weil ich im gleichen Sektor sitzen durfte wie all die hübschen Flames-Spielerfrauen. (lacht)

Wie sind Sie zum Eishockey gekommen?
Ich probierte als Kind viele Sportarten aus, weil meine Eltern beide sehr sportlich und sportbegeistert waren. Hängen blieb ich bei Lacrosse und Eishockey, die viele Parallelen aufweisen. Irgendwann musste ich mich dann entscheiden. Die Wahl fiel auf Eishockey, weil ich dort etwas mehr Talent hatte und die besseren Karrierechancen sah.

Welches war Ihr schönster Moment im Sport?
Da kommen mir spontan drei Erlebnisse in den Sinn. Erstens die U20-WM 2002 in Tschechien (Aulin war drittbester Skorer des Turniers hinter seinen Teamkollegen Mike Cammalleri und Brad Boys; Red.). Teil einer solchen WM-Kampagne zu sein, ist eine riesige Ehre und der kanadische Verband unternimmt alles, um die Zeit für dich und deine Eltern unvergesslich zu machen. So richtete er für jeden Spieler einen Mail-Account ein und überbrachte jeden Morgen jedem die eingegangenen Nachrichten in Papierform. Das war jeweils ein ganzer Stapel – pro Spieler. Zu spüren, wie eine ganze Nation hinter dir steht, ist fantastisch. Weniger gut war das Ende der WM: Wir verloren den Final 4:5 gegen Russland.

Und die zwei anderen Erlebnisse?
Mein erstes Tor in der NHL. Ich spielte damals mit den Los Angeles Kings gegen die Carolina Hurricanes – und das Spezielle war, dass ich in der gleichen Partie gleich nochmals traf und dazu noch einen Assist verbuchte. Der dritte Moment schliesslich geht weit übers Eishockey hinaus und auf die Zeit in Schweden zurück: Nachdem meine Mutter an Krebs verstorben war, hängten die Fans von Örebro beim nächsten Spiel Transparente auf, um ihrer zu gedenken und mir Kraft zu spenden. Das war eine schöne Geste und ein sehr bewegender Moment.

«Die LA Kings liessen mich einfach fallen.»SCRJ-Topskorer Jared Aulin

Und welches war die grösste Enttäuschung?
Das Verhalten der Kings nach meiner schweren Schulterverletzung, die ich mir 2003 in einem Vorbereitungsspiel zugezogen hatte (seither kann Aulin den linken Arm nicht mehr über Schulterhöhe heben; Red.). Sie liessen mich einfach fallen respektive gaben mir nie wieder eine echte Chance. Dies, so glaube ich, weil ihnen das Risiko zu gross war, in einen jungen Spieler zu investieren, der eine schwere Verletzung hinter sich hat. Die Verantwortlichen würden das aber nie so zugeben. In der NHL hörst du nie die Wahrheit. Sie geben dir dann einfach immer weniger Eiszeit, machen dich schlecht – und sagen dann: «Du bringst deine Leistung nicht, bist nicht mehr derselbe.» Das finde ich schäbig.

War das der Grund, weshalb Sie sich einige Jahre später zwischenzeitlich vom Eishockey abwandten?
Ja, nach weiteren schweren Verletzungen und mehreren Saisons ohne nächste Chance in der NHL verlor ich irgendwann die Freude an diesem Sport. Ich ging an die Universität und studierte Kinesiologie. Mit der Zeit kam das Feuer zurück – und seit dem Wechsel nach Europa bin ich nun endlich ein glücklicher Eishockeyprofi.

Nach fünf Saisons in Schweden (bei Leksands und Örebro) stehen Sie nun im dritten Jahr bei den Lakers. Und es scheint, als seien Sie wie ein guter Wein – mit dem Alter immer besser.
(lacht) Es läuft mir momentan wirklich sehr gut – wie auch dem Team. Ich musste mich erst an die Spielweise hier gewöhnen. In der Swiss League wird viel weniger strukturiert gespielt als in Schweden oder auch in der National League – was deinen Job eher schwieriger macht. Mittlerweile habe ich mich aber gut darauf eingestellt, kenne auch meine Mitspieler und kann sie entsprechend besser in Szene setzen.

Mit Örebro schafften Sie 2013 den Sprung in die höchste Liga. Die Lakers wollen dies auch unbedingt schaffen. Sehen Sie das Team auf einem guten Weg?
Ja, die Richtung stimmt. Die Jungs haben im Sommer viel Effort reingesteckt und ich war bei meiner Rückkehr aus Kanada überrascht, wie gut die Chemie, der Zusammenhalt bereits ist. Wenn wir das aufs Eis bringen, was wir können, sind wir sehr schwer zu schlagen. Aber der Weg bis in die National League ist natürlich noch lang.

Am Freitag (heute) steht das letzte Spiel vor Weihnachten an. Sie werden für einmal aber nur Zuschauer sein, weil Sie vom Verband für ein Foul respektive ein sogenanntes Slow-Footing beim 4:2-Auswärtserfolg am Dienstag gegen Ajoie nachträglich für eine Partie gesperrt und mit 800 Franken gebüsst wurden. Was sagen Sie zum Urteil?
Es ist ärgerlich, doch ich akzeptiere die Strafe – aber nicht, weil ich gleicher Meinung bin, sondern weil ich einem Rekurs keine wirkliche Erfolgschance gebe. Es gibt Situationen, die kann man so oder so sehen. Ganz sicher sagen kann ich, dass ich zu keiner Zeit die Absicht hatte, den Gegenspieler zu verletzten.

Was erwarten Sie von Ihren Teamkollegen in diesem Heimspiel gegen die EVZ Academy?
Nichts weniger als einen Sieg. Es dürfte allerdings keine einfache Partie werden. Die Zuger spielten zuletzt sehr gut gegen die Topteams, auch wenn es selten zu Punkten reichte.

Wie und wo werden Sie und Jordan Weihnachten feiern?
Bei den Knelsens. Dion (Knelsen, der zweite Kanadier in Diensten der Lakers; Red.) und ich werden uns von den Frauen bekochen lassen . . . (grinst zu Jordan rüber) Und danach werden wir uns noch beim Wer-bin-ich-Ratespiel bei ihnen für die kürzlich erlittene Niederlage revanchieren.

Ist Skifahren oder Snowboarden auch ein Thema?
Ich mag Wintersport, aber ich will nichts riskieren, solange ich noch aktiv bin. Jordan dachte daran, einen Kurztrip nach St. Moritz zu unternehmen und dort Snowboarden zu gehen, doch als sie sah, was die Hotels zu dieser Jahreszeit kosten, war das Thema schnell gegessen. (lacht)

Welche Hobbies haben Sie?
Boot fahren, Wakesurfen, Golf spielen, grillieren, lesen – wobei ich zuletzt diesbezüglich etwas faul wurde – und neuerdings backen. Das Produkt bringe ich dann jeweils den Jungs ins Training.

Golf? Wie können Sie schwingen mit ihrer Schulter?
Es geht gerade so. Natürlich schlage ich nicht mehr so hart wie früher, und mein Finish ist nicht sehr ansehnlich, aber Scores in den tiefen 80-ern liegen noch drin. (schmunzelt)

«Die Ärzte gaben meiner Mutter maximal drei Monate. Es wurden dann neun – harte allerdings.»SCRJ-Topskorer Jared Aulin

Mit welcher Person würden Sie gerne für einen Tag tauschen?
Mit jemandem, der mit einer Behinderung durchs Leben gehen muss. Dieser Tausch könnte für beide Parteien eine Bereicherung sein.

Welche Person bewundern Sie?
Meinen Vater, die selbstloseste Person, die ich kenne, und meine Mutter, eine unwahrscheinlich charismatische Person und grosse Kämpferin, die selbst in der schwierigsten Zeit immer etwas Positives ausstrahlte. Als der Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde, gaben ihr die Ärzte maximal drei Monate. Es wurden dann neun – harte allerdings, gerade auch für mich. Ich war in den letzten Monaten immer an ihrer Seite.

Wie sieht für Sie ein perfektes Wochenende aus?
Ich mag es, am See zu sein, mit Freunden, in der Sonne und einfach eine gute Zeit zu haben, glücklich zu sein. Darum geht es für mich im Leben.

Wo und mit wem verbringen Sie Ihre nächsten Ferien?
Jordan und ich sind uns noch nicht ganz einig. Eine Option wäre, meinen Vater zu besuchen, der auf Turks & Caicos lebt, einer herrlichen Inselgruppe in der Karibik. Wir haben aber auch bereits eine «bucket list» erstellt mit schönen Orten in der Nähe von Kelowna. Wir werden sehen. Vorher hoffe ich auf eine möglichst lange Saison.

Ihr Lebensmotto?
Geniesse den Moment und wähle das Glücklichsein – vieles ist nämlich Einstellungssache.

Was ist Ihr grösstes Laster?
Backwaren. Momentan schmeckt alles gut, was nicht gut für mich ist. Darum kaufe ich jeweils nur ganz wenig davon. (schmunzelt)

Und welches ist Ihre beste Eigenschaft?
Ich bin stets positiv eingestellt und hilfsbereit.

Was macht Sie glücklich?
Die Familie, diese zwei neben mir (zeigt auf Jordan und Finn; Red.) und das Privileg zu haben, dass mein Beruf zugleich meine grosse Leidenschaft ist.

Was ärgert Sie?
Wenn Leute denken, sie seien etwas Besseres.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Ich glaube, ich werde immer noch in irgendeiner Form im Sport engagiert sein – und hoffentlich bereits Vater. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.12.2017, 23:50 Uhr

Worum gehts?

SCRJ-Trainer Jeff Tomlinson nimmt für das heutige Heimspiel gegen die EVZ Academy mehrere Änderungen in seinem Team vor. Anstelle von Antonio Rizzello, ­Cyrill Geyer, Jorden Gähler sowie des gesperrten Jared Aulin bekommen mit Rubio Schir, Lars Frei, Thomas Büsser und Nico Gurtner solche Spieler wieder einmal eine Einsatzgelegenheit, die zuletzt mehrheitlich überzählig waren. Auch im Tor wird gewechselt: Der 20-jährige Kevin Liechti kommt somit zu seiner Premiere im Lakers-Dress. «Das bedeutet nicht, dass wir die Zuger auf die leichte Schulter nehmen. Diese Jungs haben sich diese Chance mit harter Arbeit redlich verdient», betont Tomlinson.

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