Eishockey

«Ich will der bestmögliche Melvin sein»

Melvin Nyffeler hat grossen Anteil am aktuellen Erfolg der Rapperswil-Jona Lakers. Das hat auch damit zu tun, dass der 23-jährige Goalie in seiner Karriere auf einem Umweg ist. Am Sonntag spielt er mit dem SCRJ gegen Davos um den Cuptitel.

Am Obersee zum Leistungsträger gereift: Der 23-jährige SCRJ-Goalie Melvin Nyffeler.

Am Obersee zum Leistungsträger gereift: Der 23-jährige SCRJ-Goalie Melvin Nyffeler. Bild: Tom Oswald Fotografie

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Am Sonntag spielen Sie mit den Lakers im Cupfinal. Sie haben schon Playoff-Finaleinsätze in der NLB hinter sich, waren Junioren-WM-Teilnehmer – wo ordnen Sie den Cupfinal für sich selber ein?
Melvin Nyffeler: Das waren alles wichtige Momente in meiner Karriere. Auf dem Papier habe ich mit dem ZSC schon den Meistertitel geholt und mit Kloten den Cup – aber ich war nicht auf dem Eis. Deshalb rühme ich mich damit auch nicht. Nun ist es aber etwas anderes, ich machte mit der Mannschaft den ganzen Weg bis in den Final. Als Sportler will man selber dabei sein. Gewinnen wir den Cup, fühle ich mich auch wirklich als Cupsieger.

Die Halle wird voll sein, der Gegner heisst Davos. Ist die Anspannung anders als sonst?
Ja. Es ist vergleichbar mit der Situation vor dem siebten Spiel gegen Langenthal in der letzten Playoff-Finalserie. Es ist ein einziges, entscheidendes Spiel. Andererseits: Wir haben nichts zu verlieren. Wir sind der erste Unterklassige im Cupfinal seit der Neulancierung dieses Wettbewerbs in der Saison 2014/15, darauf können wir stolz sein. Hätte jemand vor der Saison gesagt, wir spielen im Cupfinal, hätten wir ihn wohl ausgelacht. Natürlich wollen wir gewinnen – aber der Gegner ist ja auch nicht einfach irgendjemand.

Der HCD hat aber eine spezielle Cup-Geschichte – der Wettbewerb interessierte den Klub lange nicht wirklich.
Natürlich. Aber das spielt keine Rolle, wenn man im Final steht und ihn gewinnen will. Und Davos will den Cup gewinnen. Arno Del Curto wird nichts anbrennen lassen wollen. Der HCD wird Vollgas geben.

Sie sind statistisch der beste Torhüter in der Swiss League. 1,73 Gegentore im Schnitt pro Spiel, eine Fangquote von 93,39 Prozent – wie wichtig sind Ihnen diese Zahlen?
Die wichtigsten Werte sind der Gegentorschnitt und die Anzahl Siege. Je tiefer ich den Gegentorschnitt halte, desto einfacher ist es für meine Mannschaft. Ein guter Torhüter kann seinem Team jederzeit helfen zu gewinnen. An Siegen kann man ihn messen. Das sind auch die einzigen Statistiken, die im Schweizer Hockey überhaupt korrekt sind. Bei der Fangquote fehlen jedes Spiel Schüsse, manchmal vier oder fünf, manchmal acht, manchmal zehn. Rechnet man das hoch, fehlen Ende Saison über hundert Schüsse. Das kann ein Prozent bei der Fangquote ausmachen.

Zählen Sie denn selber die Schüsse auf dem Eis?
Nein, nein. Unser Goalietrainer macht aber eine eigene Statistik, und er fokussiert sich nur auf mich. Natürlich ist das ein Detail – solange Menschen zählen, gibt es Fehler. Und wenn Statistiker in der hintersten Ecke sitzen müssen, haben sie keine Chance, alles richtig zu zählen.

Mit seinen starken Leistungen ist Melvin Nyffeler längst zum Publikumsliebling avanciert. Bild: Tom Oswald Fotografie.

Dennoch: Ihre Werte sind top. Ist das eine Folge davon, dass Sie Erfahrung auf höchster Stufe haben, eigentlich ein National-League-Goalie sind?
Die guten Werte haben auch mit dem System und mit dem Team zu tun. Und ich habe in den letzten Jahren gelernt, an mir zu arbeiten. Früher lebte ich mehr vom Talent. Das reichte bei den GCK Lions und später auch bei den ZSC Lions ohne Problem. Dann aber merkte ich, dass auch andere Komponenten hinzukommen. Ich war früher nicht trainingsfaul, machte aber mit dem Talent vieles wett. Als ich nach Rapperswil kam merkte ich, wie viel ich herausholen kann, wenn ich hart an mir arbeite. Jeden Tag will ich Vollgas geben und der bestmögliche Melvin sein.

Fiel Ihnen früher zu viel einfach in den Schoss? Sie waren der gefeierte Mann, als sie bei den Lions in der Saison 2013/14 mit zwei Shutouts debütierten und erhielten bald einen Vertrag in Genf, als Nummer 1.
Es fiel mir nicht in den Schoss, aber vieles ging schnell, vielleicht zu schnell. Ich schlug ein wie eine Bombe, dann kamen die Angebote. Rückblickend wäre es vielleicht einfacher gewesen, wenn mich jemand auf den Boden geholt hätte und ich mir mehr Zeit gelassen hätte. Ich bin nun in meiner sechsten Profisaison und erst 23. Als ich für den Spengler Cup 2016 nach Davos kam meinte Arno Del Curto ich sei 28, ich sei ja schon lange dabei...

Ihr Aufstieg wurde abrupt gestoppt, als Genf Robert Mayer verpflichtete und sie als Nummer 2 nach Fribourg abgeschoben wurden. «Vielleicht macht das irgendwann Sinn», sagten Sie damals. Macht es nun Sinn?
Es hat mich als Mensch verändert. Ich bin bodenständiger und reifer geworden. Ich hatte früher den Ruf, selbstbewusst zu sein mit einer Neigung zur Selbstüberschätzung. Das machte nicht bei allen einen guten Eindruck. Viele sagten: Er ist jung, er hat einen Bonus. Aber ich merkte, dass ich da rauskommen muss, dass ich eigentlich ein Niemand bin.

Gab es einen Schlüsselmoment auf dem Weg aus dem Loch?
Der Agentenwechsel brachte viel (Nyffeler wechselte nach der Saison mit Fribourg von Gaëtan Voisard zu Andre Rufener; Red). Und ich lernte, dass im Hockey nicht immer alles mit der Leistung zu tun hat. Es geht auch um Sympathie, um ein Beziehungsnetz. Als ich in Fribourg war, spielte ich einmal sechs Spiele in Serie. Die ersten fünf Spiele gewannen wir, das sechste ging verloren im Penaltyschiessen. Dann hiess es, ich kriege eine Pause für zwei Champions-League-Spiele, danach sei ich in der Meisterschaft wieder dran. Ich spielte drei Monate lang nicht mehr. Man erklärte mir das nie, es war offenbar politisch. Es hatte nichts mit meiner Leistung zu tun.

Was lernten Sie daraus?
Ab und zu bist du im Scheiss, ohne dass du gross etwas dafür kannst. Das war auch im letzten Jahr nicht anders, als ich ohne Vertrag dastand, weil die Verhandlungen mit Rapperswil gescheitert waren. Ich machte mir viele Gedanken. Auch da lag es nicht an meinen Leistungen, sondern daran, dass man aneinander vorbei redete. Erst bist du der beste Swiss-League-Goalie, dann plötzlich nirgends mehr. Ich fand es grosse Klasse von Rapperswil, dass ich wieder verpflichtet wurde.

Unterdessen sind sie die unumstrittene Nummer 1. Sie spielten so oft wie kein anderer Torhüter der Liga. Spüren Sie das grosse Pensum?
Ich trainierte im Sommer zwei Monate in Florida. Es war der härteste Sommer, den ich je hatte – aber das hilft mir jetzt. Ich fühle mich sehr fit und überhaupt nicht müde, auch im Kopf nicht. Ich habe so viel Freude am Hockey, dass mir das nicht schwer fällt. In Fribourg hatte ich diese Freude verloren. Letztes Jahr kam sie zurück, als ich für Kloten spielen durfte und mit dem HCD den Spengler Cup bestritt. Im Nachhinein war es eines der lehrreichsten Jahre. Denn am Ende ging alles irgendwie auf.

«Hätte jemand vor der Saison gesagt, wir spielen im Cupfinal, hätten wir ihn wohl ausgelacht.»              Melvin Nyffeler

Sie haben schon in der National League gespielt und wollen dorthin zurück. Wie gross ist der Sprung für einen Torhüter wirklich?
In der National League zu spielen, das ist kein Problem – ich weiss, dass ich das kann. Es kann sogar einfacher sein als in der Swiss League – die Spieler sind besser und dadurch berechenbarer, man hat vielleicht bessere Verteidiger vor sich. Aber dominieren, Spiele entscheiden, einer der Topgoalies des Landes sein – da gibt es noch eine Lücke. Die kann ich nur schliessen, wenn ich tatsächlich in der National League spiele. Um so eine Rolle spielen zu können, wie ich es jetzt in Rapperswil tue, brauche ich noch das eine oder andere Jahr.

Im Idealfall können Sie diese Erfahrung in der National League mit den Lakers sammeln. Was passiert, wenn der Aufstieg verpasst wird? Wechseln sie trotz einem Vertrag bis Sommer 2019?
Nein, ich werde den Vertrag sicher erfüllen.

Haben Sie keine Ausstiegsklausel für die NLA?
Das war gar nie ein Thema. Ich verschrieb mich dem Projekt, mit den Lakers aufzusteigen, und ich sehe keinen Grund davonzulaufen. Diese zwei Jahre gebe ich mir – auch wenn beide in der Swiss League sind. Es sind zwei Jahre, in denen ich jeweils über 50 Spiele spielen und mich weiterentwickeln kann.

Interessiert es sie überhaupt, ob sich NLA-Klubs für Sie interessieren?
Mein Agent teilt mir schon mit, wenn es Anfragen gibt. Aber wie gesagt, ich habe einen Vertrag ohne Ausstiegsklausel. Ich habe einen Zweijahresplan. Daran müssen wir nichts rütteln. Danach will ich sagen können: Jetzt bin ich parat, Stammgoalie in der National League zu sein.

Spielen die Finanzen dabei gar keine Rolle? Sie könnten in der National League sicher mehr verdienen.
Wichtiger als das Geld ist mir derzeit, eine Chance zu bekommen. Gerade in meinem Alter kann man sich sehr viel kaputtmachen, wenn man nur ans Geld denkt.

Die Lakers sind klarer Leader und Aufstiegsfavorit – was spricht dafür, dass es dieses Jahr tatsächlich klappt?
Wir sind defensiv deutlich solider und disziplinierter. Das System von Jeff Tomlinson greift jetzt wirklich, die Mannschaft hat es verinnerlicht. Dazu kommt, dass sich viele Spieler individuell verbessert haben. Dass wir nicht weit entfernt sind, zeigten wir, als wir im Cup Lugano und Zug schlugen. Doch für den Aufstieg müssen so viele Faktoren stimmen – auch Glück und Pech können eine Rolle spielen. (ZO/AvU)

Erstellt: 02.02.2018, 15:23 Uhr

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