Kloten

Ein Kämpfer wurde zur Aufgabe gezwungen

Einen Tag vor dem ersten Zürcher Derby musste Victor Stancescu seinen Rücktritt erklären. Die Hüfte hindert den 30-jährigen Captain der Flyers an der Fortsetzung der Karriere.

Ohne Fleiss kein Preis – Victor Stancescu während einer Trainingseinheit.

Ohne Fleiss kein Preis – Victor Stancescu während einer Trainingseinheit. Bild: Keystone

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Es sah aus wie immer auf dem Eisfeld der Swiss-Arena. Die Kloten Flyers übten gestern zur festgelegten Zeit, es waren die üblichen wenigen Beobachter da. Auf dem Eis fiel die Absenz Tommi Santalas auf, der wegen Krankheit passen musste. Dafür war Victor Stancescu schon wieder dabei. Der Captain, der nach den ersten beiden Saisonspielen wegen Rückenproblemen ausgefallen war. Coach Sean Simpson hatte damals davon gesprochen, dass Stancescu lange fehlen werde. Der Flügel selber hatte gehofft, dass er nach zwei Wochen wieder zum Team gehöre. Also alles wieder in Ordnung?

Nein. Denn gestern, nach dem Goalietraining, richtete um 12.30 Uhr Stancescu ein letztes Mal als Captain sein Wort an die Mannschaft. «Es war extrem emotional. Ich habe sie nicht nur über mein Karrierenende informieren, sondern mich im Prinzip auch von den Mitspielern verabschieden müssen.» Denn seit gestern gibt es den Eishockeyspieler Victor Stancescu nicht mehr, den Mann, der als 16-Jähriger sein Debüt in der NLA für Kloten gab. Den Mann, der seit 2010 Captain der Kloten Flyers war.

Der Kämpfer, im März 30 Jahre alt geworden, wurde zur Aufgabe gezwungen. Die vor zwölf Jahren operierte Hüfte machte ihm immer mehr zu schaffen. Mitte letzter Woche erhielt Stancescu die brutale Nachricht: Es geht nicht mehr weiter. «Ein MRI vor Saisonstart zeigte auf, in welchem Zustand die Hüfte war. Doch ich hatte immer noch die Hoffnung, vielleicht mit einem kleinen Eingriff oder spezieller Gymnastik die Probleme und Beschwerden beheben zu können.»

Das Gespräch mit dem Arzt, der seinerzeit die Hüfte operiert hatte, und auch weitere Abklärungen brachten aber nicht die erhofften Hinweise auf mögliche andere ­Lösungen. Die Hoffnung auf eine kleine Operation, die Wunder bewirken würde, war vergebens. Es blieb nur der schmerzhafte Schritt des Abschieds. «Ein letztes Training wollte er mit der Mannschaft machen», sagte Simpson, der seit Montag wusste, dass Stancescu aufhören muss.

Einen Abschied erst heute, nach einem letzten Derby – das wollte und konnte Stancescu nicht. «Ich hätte das mental nicht geschafft.» Zudem hätte er sich auch nicht fit genug gefühlt. Seine jüngsten Rückenprobleme kamen von der Hüfte aus, er muss immer noch Medikamente nehmen.

Seit gut fünf Jahren hatte Stancescu seine Sorgen mit der Funktionsfähigkeit seiner Hüfte. Schon da ar­bei­te­te er mit Spezialübungen. «In den letzten eineinhalb Jahren aber hat sich der Zustand viel schneller verschlechtert. Ich versuchte im Sommertraining mit anderen Übungen die Sache in den Griff zu bekommen.» Doch auf dem Eis konstatierte er immer mehr Einschränkungen, Stancescu fragte sich zum Beispiel, war­um er seinen Speed verloren habe. «Ich spürte, sobald es in der Vorbereitung hart wurde, dass etwas nicht stimmt.»

Ein «Powerspieler»

Das abrupte Ende liess Stancescu «noch keine Zeit, auf meine ­Karriere zurückzublicken. Zuerst muss ich einmal mit dem abschliessen, was in den letzten Tagen geschehen ist. Nächste Woche bin ich noch hier, dann werde ich mit meiner Familie ein bisschen wegfahren. Ich muss alles setzen lassen, ein bisschen Distanz gewinnen.»

Auch wenn er viel zu früh aufhören muss, kann der Jurist auf eine bemerkenswerte und bewegende Eishockeyzeit «stolz sein», wie auch sein Trainer Sean Simpson sagt. Stancescu wurde mit Klotens Junioren Meister, er schoss als 17-Jähriger sein erstes NLA-Tor (in Rapperswil), er spielte mit den Flyers dreimal im Playoff-Final (2009, 2011 und 2014). Er nahm an zwei Weltmeisterschaften teil (2011 und 2014), er durchlief die U18- und U20-Junioren-Nationalmannschaft.

Stancescu war nicht der elegante Flügel, sondern ein Powerspieler. Er spielte mit grossem Engagement, er liebte die «Schlachten». Im Winter 2012/13 war er der Spieler mit den meisten Strafminuten der Liga. Doch diese Werte werden ihm alleine nicht gerecht. Solange er gesund war und seine Hüfte ihn in Ruhe liess, war er ein extrem talentierter «Sniper».

Seine punktemässig erfolgreichste Saison hatte er 2011/12 mit 20 Toren und 16 Assists in der Qualifikation. Jene Spielzeit ging mit einem überraschend schnellen Out in den Playoffs zu Ende. Doch sie zog sich neben dem Eis bis in den späten Juni hinein weiter. Und jene Tage, Wochen und Monate forderten mehr Durchsetzungskraft, Einsatz und Kampfbereitschaft des Captains als je zuvor auf dem Eis. Es ging darum, den drohenden Konkurs abzuwenden, die Existenz der Kloten Flyers zu sichern.

Stancescu gehörte dabei der Taskforce an, er engagierte sich an vorderster Front für die Flyers. «Er trug einen grossen Teil dazu bei, dass Kloten gerettet wurde», sagt Simpson. Er war damals Nationalcoach und gehörte auch zu denen, die an der Flyers-Rettungsaktion mitmachten: Simpson war Teilnehmer des grossen Solidaritätsmarsches.

Ein Mann für die Führung

Stancescus Einsatz vor dreieinhalb Jahren müsste für die Führung eigentlich ein Zeichen sein. Mit der Entlassung von Felix Hollenstein im letzten Dezember vergab sie die Möglichkeit, eine grosse und wichtige Figur im Verein zu halten. Nun hat sie die Chance, in der Person von Victor Stancescu Verpasstes wenigstens nachzuholen. Denn kaum einer würde sich besser für eine gewichtige Position im Verein (der AG) eignen als der 30-Jährige. Er kennt das Umfeld, er kennt das Eishockey, er weiss, wie mit ­Leuten umzugehen, er ist ein ­hervorragender Kommunikator. Stancescu wäre ein hervorragender Frontmann. Nur müssen die Verantwortlichen der Flyers das auch sehen und entsprechend handeln. ()

Erstellt: 25.09.2015, 08:44 Uhr

Der Nachfolger

Der neue Captain bei den ­Kloten Flyers trägt den Namen des erfolgreichsten Spielführers: Hollenstein. Felix Hollenstein war von 1990 bis zum Karrierenende 2002 Captain des Teams, ab heute trägt sein Sohn Denis das «C». Romano Lemm und neu Patrick von Gunten sind die Assistenten.

Denis Hollenstein ist der Mann, der im letzten Zürcher Derby das letzte Tor erzielte. Das war am 24. Januar dieses Jahres, als er nach nur 14 Sekunden der Verlängerung zum 4:3-Sieg für die Flyers traf. Vorher hatten die ZSC Lions elf Derbys in Folge gewonnen. Heute wird im Hallenstadion zum 194. Meisterschaftsderby angepfiffen (104 Siege Kloten/76 ZSC/13 Remis). (jch)

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