Eishockey

«Dachte zuerst an einen Scherz»

Nach zwei Saisons als Trainer der Elite-Junioren verlässt Konstantin Kuraschew die SCRJ Lakers Richtung Sotschi. Der 55-Jährige wird Assistenzcoach beim dortigen KHL-Klub. Es ist sein erster Job ausserhalb der Schweiz seit 20 Jahren.

Vom Kaffee ist Konstantin Kuraschew weit weniger angetan als vom Streuselkuchen. Auch der reicht jedoch bei weitem nicht ans Eishockey heran.

Vom Kaffee ist Konstantin Kuraschew weit weniger angetan als vom Streuselkuchen. Auch der reicht jedoch bei weitem nicht ans Eishockey heran. Bild: Silvano Umberg

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Sie haben einen Café Crème bestellt. Was mögen Sie daran?
Konstantin Kuraschew: Ich bin kein Kaffeeliebhaber oder so. Am Morgen trinke ich aber fast immer einen, ebenso vor einem Spiel.

Was trinken Sie am liebsten?
Ich habe keinen Favoriten. Ich trinke, um den Durst zu löschen. Meist Leitungswasser. Zu Hause mit Sirup versetzt.

Wie sieht es beim Essen aus?
(schmunzelt) Ähnlich, ich bin kein Gourmet. Meine Frau kocht exzellent. Und sie sagt, sie wisse sowieso am besten, was gut für mich ist. (lacht)

Welches Thema beschäftigt Sie aktuell am meisten?
Es sind zwei Themen. Erstens die Saisonanalyse. Warum haben wir das entscheidende fünfte Spiel der Ligaqualifikation verloren? Es fehlte die letzte Entschlossenheit. Denn Ambri war weniger stark als zuvor im Final die ZSC Lions. Aber offenbar war der Erfolgshunger meiner Spieler nach dem Meistertitel schon etwas gestillt.

Das zweite Thema dürfte Ihr Umzug nach Sotschi sein.
Unter anderem, ja. Weil ich nicht mehr in Rapperswil arbeiten werde, meine Tochter aber weiterhin in St. Gallen studiert, habe ich ihr gesagt, sie soll für uns dort in der Nähe etwas suchen. Voraussichtlich Mitte Mai werde ich dann die neue Stelle in Sotschi antreten. Meine Frau wird dann mal da, mal dort sein, sprich bei mir, bei der Tochter oder – und während des Winters hauptsächlich – bei unserem Sohn in Kanada. (Philipp ist 17-jährig, spielt für die Québec Remparts in der Juniorenliga QMJHL. Ab kommender Woche stürmt er für die Schweiz an der U18-WM, nächstes Jahr dürfte er im NHL-Draft gezogen werden; Red.).

Wie kam eigentlich das KHL-Engagement in Sotschi zustande?
Das Telefon klingelte, ich sah eine russische Nummer auf dem Display. Der Mann am anderen Ende stellte sich als Manager des Klubs vor. Ich dachte zuerst an einen Scherz. Er erklärte mir, dass sich ihr neuer Headcoach, Sergei Zubov, als Assistenztrainer jemanden mit Auslanderfahrung wünscht, jemanden, der neue Ideen ins russische Eishockey bringen kann. Offenbar wurde ich ihnen dann mehrfach empfohlen, als sie sich umhörten.

Hatten Sie schon Kontakt mit Zubov?
Wir telefonierten einmal. Er lebt momentan noch in den USA. Er ist ein junger Coach mit interessanten Ideen, aber wenig Erfahrung. Diese soll ich einbringen. Ich habe schon mit Trainern aller Eishockey-Philosophien zusammengearbeitet und war auch schon Headcoach (siehe Kasten).

Wie wird die Aufgabenteilung zwischen Zubov und Ihnen sein?
Er möchte, dass ich mit den Verteidigern arbeite. Zubov hörte, dass ich, der als Aktiver ja selber Abwehrspieler war, dies in Davos und Bern gut gelöst habe. Auch um das Boxplay soll ich mitküm­mern. Alles Weitere wird sich zeigen. Es wird im Team höchstwahrscheinlich viele Änderungen geben. In Russland werden im Sommer oft 18 bis 20 Spieler aus-gewechselt, denn die meisten ­be­sitzen Einjahresverträge. Grundsätzlich will man bei Sotschi auf Junge setzen und ein Team für die Zukunft aufbauen. Die Playoffs sind kein Muss in den nächsten zwei bis drei Jahren.

Wie sind Sie zum Eishockey gekommen?
Mein Vater nahm mich eines ­Tages ins Stadion mit. Es war scheinbar Liebe auf den ersten Blick. Ich bat meine Eltern, mich im Klub anzumelden. Von ZSKA Moskau führte mein Weg dann via Dynamo Moskau zu Krylia Moskau, wo ich meinen ersten Profivertrag erhielt.

«Es ist deine Pflicht, das Maximum aus deinem Talent zu machen.»Konstantin Kuraschew

Und wie kam später der Wechsel ins Trainergeschäft zustande?
1991 transferierte mich Krylia nach Wien – ohne Rücksprache, doch Österreich war besser als Afghanistan oder so. (lacht) Zu gleicher Zeit «entsandte» Dy­namo meinen guten Freund Jewgeni Popischin nach Davos. Nach einer Saison wurde er Elite-Headcoach, 1994 Assistent von Arno Del Curto. Da rief er mich an, ob ich sein Nachfolger werden wolle. Ich fühlte mich aber noch fit, wollte weiterspielen. Im nächsten Frühjahr rief er wieder an, dann wieder und wieder. 1997 sagte ich schliesslich zu, als Novizentrainer. Und als Popischin ein Jahr später als Headcoach zu Herisau­ wechselte, bekam ich seinen Platz neben Arno.

Welches war Ihr schönster Moment im Sport?
Es gab viele schöne, da will ich keine Rangliste erstellen. Und ehrlich gesagt, hoffe ich, dass der schönste erst noch kommt. Das erste NHL-Spiel meines Sohnes könnte es beispielsweise werden. Zuletzt extrem gefreut hat mich, dass meine Spieler diese Saison für ihre harte Arbeit mit dem Meistertitel belohnt wurden.

Und welches war die grösste Enttäuschung?
Ich habe immer wieder mit Spielern zu tun, die mit unglaublichem Talent gesegnet sind, es aber nicht ausschöpfen. Dies zu sehen, tut mir weh. Wenn Gott dir ein aus­ser­ordentliches Talent gegeben hat, ist es – nach meiner Auffassung – deine Pflicht, das Maximum daraus zu machen.

Sind Sie religiös?
Nein. Ich gehe weder zur Kirche, noch bete ich. Aber ich bin überzeugt, dass es da oben jemanden gibt. (zeigt zum Himmel)

Was ist Ihr grösstes Laster?
Ich gebrauche zu oft Fluchwörter.

Und was ist Ihre grösste Stärke?
Dass ich eine tolle Familie habe, die mir viel Kraft gibt. Ich bin Gott dankbar für meine Kinder, für meine Frau. Ich weiss noch heute nicht, warum sie mich geheiratet hat. (lacht) Ich bin ihr wahrlich keine grosse Hilfe im Leben.

Was macht Sie glücklich?
Sehr vieles. Dieser Kaffee, noch mehr der Kuchen dazu. (schmunzelt) Meine Familie – und natürlich Eishockey. Es fällt mir sehr schwer, ohne diesen Sport zu sein. Deshalb war ich diese Woche noch mit meinem Sohn auf dem Eis und werde, wenn mich die Lakers lassen, auch die U18-WM besuchen.

Was ärgert Sie?
Ich habe es nicht so mit Technik. Funktioniert der PC wieder mal nicht so, wie er sollte, könnte ich ihn an die Wand schmeissen.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?
Je älter ich werde, desto mehr merke ich: das Wichtigste ist die Familie, das Umfeld.

Mit welcher Person würden Sie gerne für einen Tag tauschen?
Mit dem US-Präsidenten – und zu erfahren, wie «die anderen» denken, wie es ist, so viel Verantwortung zu tragen, die Welt zu lenken.

Welche Person bewundern Sie?
Jemand, den ich immer bewunderte, war Freddie Mercury. Er war ein begnadeter Künstler. Ich habe einmal die Statue in Montreux besucht und Blumen hingelegt. Und seine Musik zählt nach wie vor zu meinen Favoriten.

Und was mögen Sie für Filme?
Alte russische Komödien, aber auch Actionfilme wie James Bond mit coolen Sprüchen und schönen Frauen. (schmunzelt)

Was lesen Sie gerne?
Geschichtsbücher. Ich finde es ­interessant, zu einem Ereignis die verschiedenen Perspektiven und Interpretationen zu entdecken. Seit ich eine Brille brauche, lese ich allerdings nicht mehr so oft.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Ich wünsche mir, dann immer noch im Eishockey tätig zu sein. Denn ich gebe mein Wissen gerne weiter und kann mir ein Leben ohne Eishockey gar nicht vorstellen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.04.2017, 11:23 Uhr

Worum gehts?

Mit Konstantin Kuraschew verliert der Lakers-Nachwuchs einen ausgezeichneten Ausbildner. Seine Trainerkarriere begann in Davos. 1998 wurde er Assistent von Arno Del Curto und als solcher 2002 Schweizer Meister. 2003 wechselte er nach Bern, wo er zunächst mit dem Finnen Alpo Suhonen und dann den Kana­diern Alan Haworth und John van Boxmeer zusammenarbeitete. Von 2009 bis 2015 war Kuraschew als U20-Headcoach in Langnau tätig, 2010 vorübergehend aber auch als Cheftrainer des NLA-Teams. (su)

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