Analyse

In den Fängen der Liga

Die Silbermedaille von 2013 hat dem Schweizer Eishockey nicht den erhofften Schub verliehen – im Gegenteil.

Ein Ärgernis: Damien Brunner, der talentierteste Schweizer Stürmer in Prag, hat in vier WM-Spielen keinen einzigen Treffer geschossen. In der Schweiz gehört er zu den Topverdienern.

Ein Ärgernis: Damien Brunner, der talentierteste Schweizer Stürmer in Prag, hat in vier WM-Spielen keinen einzigen Treffer geschossen. In der Schweiz gehört er zu den Topverdienern. Bild: Keystone

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Der Schweizer Auswahl droht, an der Weltmeisterschaft in Prag die Viertelfinals und damit das Ziel zu verpassen. Sie benötigt in den drei verbleibenden Gruppenspielen gegen Schweden, Kanada und Tschechien vier Punkte, um sich aus eigener Kraft doch noch unter die besten acht Teams vorzuarbeiten. Aber die Konkurrenz um diese Viertelfinal-Position hält eindeutig die besseren Karten in ihren Händen.

Dass sich die Schweizer in dieser Situation befinden, ist die Folge des Nichterfüllens der Pflicht. Zum ersten Mal seit dem Aufstieg 1998 verloren sie gegen einen Aufsteiger (Österreich). Dieser Rückfall machte selbst den neuen Nationalcoach Glen Hanlon sprachlos. Er konnte nicht verstehen, dass seine Spieler dermassen leichtsinnig eine beliebige Vorstellung ablieferten. Ausser dem Personal auf dem Eis, das diese Blamage verursachte, sahen alle, was das bedeutete: Das Team nahm sich mit dieser Vorstellung selber den Schwung, das Selbstverständnis und das Selbstvertrauen.

Und verkam zu einem Trüpplein, das sich über gute Defensive und Kampf einigermassen über Wasser halten konnte. Doch zwei Niederlagen gegen Teams, die geschlagen werden müssten, sind einfach zu viel, ein Tor gegen die Letten viel zu wenig. Die ersten spitzen Kommentare Richtung Nationaltrainer Glen Hanlon sind schon geschrieben oder gefallen. Ein Blick zurück zeigt, dass falsch liegt, wer die Probleme des Schweizer Eishockeys nur am Namen des Coaches festmacht. Ralph Krueger, der die wunderbar solide Basis gelegt hatte, indem er eben (fast) immer die kleineren Nationen schlug – wenn auch ohne Spektakel –, musste sich 2010 verabschieden. Er tat das in gewohnter Manier: mit einem Platz im Viertelfinal bei Olympia in Vancouver und dem achten Schlussrang. Sean Simpson übernahm für die WM, profitierte von Kruegers Struktur, aber auch von neuer Spielfreude, und belegte Rang 5 (verlor aber den Viertelfinal gegen die Deutschen).

Die Reform von 2009

Ab 2011 ist die Bilanz eigentlich eine vernichtende: Inklusive Prag schafften es die Schweizer in sechs Turnieren gerade EINMAL, die Viertelfinals zu erreichen. Das war 2013 in Stockholm, als sie die Silbermedaille gewannen. Simpson, der Trainer der Silberhelden, schloss 2011 auf Rang 9, 2012 auf Platz 11 ab, der schlechtesten Klassierung seit 1997. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi wurde wegen einer Niederlage gegen Lettland der Viertelfinal verpasst (Schlussrang 9), bei der WM in Minsk wurde es Platz 10.

Geht für die Schweizer also 2015 das Turnier nach den Gruppenspielen nicht weiter, ist das ein Ereignis, das leider durchaus in der Tendenz liegt. Hanlon wäre dann nicht der schlechtere Coach als Simpson. Aber einfach der, dem es nicht gelungen ist, den Abwärtstrend zu brechen.

Wie soll er auch? Denn der Zeitpunkt, ab dem die Viertelfinalteilnahmen zur Ausnahme geworden sind, hat durchaus seinen Hintergrund. In der Struktur-Reform des Verbandes von 2009 nämlich, als «moderne» Formen die alten ablösten.

Fredy Egli als mächtiger Präsident musste weichen, die Umwandlung hatte – ganz grob gesagt – zur Folge, dass die Klubs fortan das Sagen über den Verband hatten. Krueger hat die Spiele der Vereine nicht mitgemacht, die jammerten, dass sie ihre Spieler nicht für den Nationalteam-Termin freigeben wollten. Er hat sich mit ihnen angelegt. Und er konnte sich durchsetzen, weil der Verband hinter ihm noch die Macht hatte.

Die Propaganda-Lüge

Heute sagen andere, was passiert. Bereits Simpson musste sich arrangieren, Hanlon ist noch mehr in der Zwickmühle. Denn seit mit der Champions Hockey League den vier Schweizer Gründungsmitgliedern nochmals ein «wichtiger» Wettbewerb bedeutsamer als das Nationalteam erscheint, ist der erste Saisontermin in höchster Gefahr. Wenn Freiburg und die ZSC Lions im vergangenen Herbst nicht früh aus der CHL ausgeschieden wären, hätte Hanlon mit einem noch abenteuerlicheren Kader am Deutschland-Cup teilnehmen müssen.

Über 60 Spieler setzte er in einem Winter ein. Nicht, weil er alle testen wollte, sondern weil er auf alle Rücksicht nehmen musste. Weil sich das Nationalteam in den Fängen der Liga befindet. Die Silbermedaille von 2012 gab gewissen Exponenten noch mehr Anlass, sich auf die Behauptung zu versteifen, das Schweizer Eishockey sei an der Spitze breiter geworden. Jede WM ausserhalb von 2013 zeigt, dass das eigentlich nichts anderes als eine gewaltige Propaganda-Lüge ist.

Ein unschönes Beispiel der jüngeren Entwicklung war bisher Damien Brunners Auftritt. Der talentierteste Schweizer Stürmer in Prag hat in sechs WM-Vorbereitungsspielen und vier WM-Matches keinen einzigen Treffer geschossen. Mit seinen beliebigen Vorstellungen war er ein Ärgernis. Aber in der Liga, in der die Löhne weiter steigen, ist er einer der bestverdienenden Schweizer.

Seit die Vereine das Sagen haben, verlor die Nationalmannschaft extrem an Bedeutung. Erst wenn sie ihre Haltung korrigieren, der Auswahl wieder mehr Priorität einräumen, ist eine Verbesserung möglich. Doch ob sie diesen Schritt ohne Zwang, nur mit Verstand, tun werden? Sicher ist einzig: Nur den Nationaltrainer austauschen löst das Problem bei Weitem nicht.

Erstellt: 07.05.2015, 20:17 Uhr

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