Erst der Taifun, dann das Erdbeben

Dominic Forget ging als Kanadier nach Japan und kehrt als Schweizer und Hoffnungsträger des EHC Kloten zurück von einem Abenteuer, bei dem er um sein Leben fürchtete.

38, unverwüstlich und ein geborener Skorer: Dominic Forget in der Klotener Arena. Foto: Reto Oeschger

38, unverwüstlich und ein geborener Skorer: Dominic Forget in der Klotener Arena. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jebi fauchte, wütete und verwüstete. Der seit 25 Jahren schwerste Taifun in Japan traf am 5. September 2018 auf Tokio. Mitten in der Haupstadt: Dominic Forget. Jebi forderte 11 Todesopfer. Forget kam trotz des Sturms am gleichen Tag sicher in seinem Wohnort Tomakomai an.

Dann wackelten die Möbel.

Dann fiel der Strom aus.

Dann brach das Chaos aus.

«Ich war bereit, aus dem Fenster zu springen», erinnert sich Forget. Es war der Morgen des 6. September 2018. Kaum war Jebi abgeklungen, wurde Hokkaido, die nördlichste Hauptinsel Japans, von einem schweren Beben erschüttert. Die Basis der Oji Eagles, zu denen Forget für die Saison 2018/19 gewechselt hatte, befindet sich in Tomakomai auf Hokkaido. Der Stürmer wohnte direkt am Wasser. Über das Handy trafen ständig neue Alarmmeldungen ein, es wurde vor einem möglichen Tsunami gewarnt. «Ich habe praktisch mit den Schuhen an den Füssen geschlafen, mein Rucksack mit dem Pass war gepackt.»

Am Abend konnten die Eishockey-Interessierten aufatmen: «Spieler und Trainer der Oji-Eagles sind wohlauf», schrieb der Club auf seiner Website. Für viele andere galt das nicht. 41 Menschen starben, 749 wurden verletzt. 5,3 Millionen Einwohner waren während 24 Stunden ohne Strom. «Alle Läden waren geschlossen», berichtet Forget.

Auch die Arena der Oji Eagles wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Teamführung gewährte den zwei ausländischen Spielern Shaone Morrisonn und Forget Heimaturlaub. Forget hielt sich in La Chaux-de-Fonds fit. Und reiste im Oktober zurück nach Japan. Das Erdbeben hielt ihn nicht davon ab. Und auch nicht das «wirklich kleine Propellerflugzeug», mit dem die Eagles zu den Auswärtsspielen aufbrachen.

Übersetzer überall

Zur Asia League Icehockey gehörten in der Saison 2018/19 nicht nur japanische, sondern auch drei südkoreanische Teams. Und ein russisches von der Insel Sachalin. Juschno-Sachalinsk gewann im Frühling den Titel.

Die Japaner waren begeistert von Forget, der bester Skorer der ganzen Liga war.

Forgets Winter in Japan wurde nicht nur wegen des Taifuns und des Erdbebens zu einer einmaligen Erfahrung. «Wir wurden mit viel Respekt und wie Ehrengäste behandelt, ich musste nie einen Koffer selber tragen», erzählt der Kanadier, der seit September 2018 den Schweizer Pass besitzt. Da die Trainer nicht perfekt Englisch sprachen und Angst hatten, Fehler zu begehen, waren stets Dolmetscher dabei. Übersetzer auf der Bank, Übersetzer auf dem Eis, Übersetzer in der Garderobe. «Auch zum Einkaufen stand einer zur Verfügung.»

Forget wohnte alleine in Japan, seine drei Kinder besuchten ihn über Weihnachten. Sie waren begeistert von Tokio und Disneyland. Die Japaner wiederum waren begeistert von Forget, der bester Skorer der ganzen Liga war. Im Playoff wurden die Eagles, von einer Papierfabrik gesponsert, allerdings früh gestoppt. Zu spät jedoch für Forget, um doch noch einem Schweizer Club aus der Swiss oder der National League im Playoff zu helfen.

Der Plan mit den Sandwichs

Von 2006 bis 2018 spielte er als Ausländer in der Schweiz, mit ganz wenigen Ausnahmen vornehmlich in der zweithöchsten Liga. Er begann in La Chaux-de-Fonds unter Trainer Gary Sheehan. Mit ihm hat er heute noch Kontakt, seit vier Jahren führen sie gemeinsam im Sommer eine Hockeyschule in Pruntrut. 2009 wechselte Forget nach Visp, mit den Wallisern gewann er 2011 die Swiss League, im Playoff um den Aufstieg scheiterte das Team an Ambri. 2013/14 kehrte er mitten in der Saison zurück nach La Chaux-de-Fonds. «Visp verpflichtete mit James Desmarais einen dritten Ausländer, der Russe Alexei Kowalew schien sowieso gesetzt. Ich wollte spielen, es ergab sich die Chance zum Wechsel.»

In La Chaux-de-Fonds bereitete er sich auf das Leben nach dem Eishockey vor. Er eröffnete im vorletzten Winter eine Filiale für eine grosse Sandwich-Kette. Wegen der Japan-Reise verkaufte er das Geschäft. Er ging mit 953 Skorerpunkten aus 669 Partien der Swiss League nach Asien. Und hoffte, dank des Schweizer Passes mit einem Vertrag für einen Club aus der National League oder einen Topverein aus der Swiss League zurückzukehren.

Verletzungen? Fehlanzeige

Es wurde Kloten, zum ersten Mal ist er in der Deutschweiz angestellt. «Der Verein hat viel vor, wir wollen in der Meisterschaft sehr, sehr weit kommen.» Erstmals in Europa spielt er nicht als Mittelstürmer, sondern als Flügel. «Das ist der Entscheid des Trainers. Ich muss mich noch an die neuen Wege gewöhnen.»



Im Zentrum des Sturms steht er dennoch, er soll im ersten Block für die Tore und eine bessere Zeit in Kloten sorgen. Einige reagierten skeptisch, als Sportchef Felix Hollenstein den Transfer eines Mannes bekannt gab, der im März bereits 38 wurde. In der Vorbereitung aber war Forget bester Skorer Klotens. Und er bestätigt, was ein Blick auf seine Statistik vermuten lässt. Er ist in bester Verfassung. «Ich habe mehr Spiele wegen Krankheit als wegen Verletzungen verpasst», sagt er. Und klopft kräftig auf Holz. Glück gehört auch immer dazu.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, oder direkt hier:


Erstellt: 10.09.2019, 17:58 Uhr

Kommentar

In Kloten muss es endlich aufwärtsgehen

In manchem Club war in den letzten sieben Jahren die Zahl der Trainerwechsel tiefer als beim EHC Kloten die Häufigkeit der Besitzerwechsel. Seit dem abgewendeten Konkurs von 2012 ist bereits die vierte Führungscrew im Amt. Unter Vorgänger Hans-Ulrich Lehmann ging es sportlich abwärts. Selbst in der Swiss-League-Saison 2018/19. Platz 5 und das Scheitern im Viertelfinal sollen ein einmaliger Tiefpunkt bleiben. Es muss endlich wieder aufwärtsgehen. Drei Jahre hat man sich Zeit gegeben für die Rückkehr in die National League. Ein Jahr ist vorbei.

Kloten scheint in der Führung und im Sport gut aufgestellt, mit Per Hanberg wirkt ein Trainer, der in Schweden mit Karlskrona aufstieg und in der Schweiz Langenthal zum Sieger der Swiss League machte. Erfolge sind nötig, um dringende und gute Transfers abzuschliessen. 15 Verträge, 12 von Stürmern, laufen aus. Wichtiger Termin für den Verein neben dem Eis ist der 17. November. Dann stimmt die Gemeinde über die Renovation von Aussenfeld und Parkhalle der Arena ab. Ein Nein wäre happig.

Roland Jauch

Artikel zum Thema

O Captain! My Captain!

Die Rapperswil-Jona Lakers haben sich einen neuen Leader gesucht. Der Amerikaner Andrew Rowe soll nun den Aufbruch in eine von Kampfgeist geprägte Zeit verkörpern. Mehr...

Ein NHL-Starstürmer für den ZSC?

Der Kanadier Mitch Marner ist mit Toronto im Vertragsdisput. Nun überlegt er sich, nach Zürich zu kommen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben