Ein Punk träumt von der NHL

Kürzlich rockte Sänger Russ Rankin in Zürich. Wie der in Nordamerikas Eishockeyszene als Scout bekannte Kalifornier zwei Welten vereint.

Im Element: Russ Rankin auf der Bühne mit seiner Band Good Riddance. (Bild Dafydd Owen/Photoshot)

Im Element: Russ Rankin auf der Bühne mit seiner Band Good Riddance. (Bild Dafydd Owen/Photoshot)

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Russ Rankin arbeitet als Amateur-Scout für die Tri-City Americans aus der kanadischen Top-Juniorenliga WHL, in der auch Schweizer wie Nino Niederreiter, Sven Bärtschi, Mirco Müller oder Luca Sbisa ihre Spuren hinterlassen haben. Er sucht für das Team in seiner Heimat Kalifornien talentierte Kids. Die Americans haben schon Spieler verpflichtet, die Rankin entdeckt hat.

Und Rankin träumt von einem Scouting-Job bei einem NHL-Club, durfte einmal bereits kurz in der besten Eishockey-Liga der Welt wirken, als er einen einmaligen Auftrag der Anaheim Ducks erhielt. Er habe seither an jedes der 31 NHL-Teams schon mindestens eine Job-Bewerbung verschickt, sagte Rankin kürzlich – vorerst ohne Erfolg.

Alle schwitzen. Und eng ist es auch noch.

Szenenwechsel, letzter Mittwoch. An jenem Abend steht Rankin in Zürich auf einer Bühne des Dynamo-Jugendkulturhauses gegenüber des Platzspitzes. Denn das ist Rankins Hauptbeschäftigung: Er ist Frontmann der 1993 gegründeten Punkband Good Riddance aus Santa Cruz, sie geniesst in der Szene Kultstatus. Das Konzert findet im kleinen Club 21 im Keller unter der Haupthalle des Dynamo statt, 200 Fans reichen, damit «ausverkauft» an der Türe steht.

Alles schwitzt schon vor dem ersten Lied, es ist unerträglich heiss und sehr eng, sowohl in der Horizontalen als auch Vertikalen: Pogotanz wird zur Herausforderung, Stage-Diver bleiben mit ihren Füssen nicht selten an der Deckenbeleuchtung hängen, drohen diese herunterzureissen.

Russ Rankin begrüsst das Zürcher Publikum.

Das stört hier niemanden, auch Rankin nicht, er lässt sich, als die Bühne wieder einmal geentert wird, gar das Mikrofon aus der Hand reissen, der völlig euphorisierte Fan darf den Refrain hineinbrüllen, bevor er kopfvoran zurück ins Publikum springt.

Sowas gehört hier dazu, Rankin bleibt locker, 50 Jahre alt ist der gute Mann bereits, er lässt sich das nicht anmerken. 24 Lieder lang singt und schreit er sich durch einen Mix aus Melodic Punk und hartem, monotonem Hardcore.

Goood Riddance mit Sänger Russ Rankin (unten Mitte) hatte Freude am Konzert in Zürich – und teilt das auch via Social Media mit. (Bild: Good Riddance)

Diese Welt Rankins ist so anders als jene des Scouts, seine Botschaft am Mikrofon, sie ist ein Aufschrei gegen Frauenhass, Homophobie, Unterdrückung von Minderheiten, geprägt von der Angst vor der Spaltung seines Heimatlandes in zwei Extreme – ein Lied an diesem Abend ist auch der Edmund Pettus Bridge gewidmet, einer Brücke in Alabama, die als Sinnbild für Rassenunruhen und Unterdrückung der Schwarzen Bevölkerung in den Sechzigern steht.

Rankin ist ein «Guter», politisch ihm diametral entgegengesetzte Zeitgenossen dürften in einem wie ihm den «Gutmenschen» suchen und finden. Rankin setzt sich für Benachteiligte aller Art ein, Teile der Einnahmen von Plattenverkäufen gehen regelmässig an Tierschutz-Organisationen, Multiple-Sklerose-Hilfswerke, Obdachlosenheime, Holocaust-Erinnerungs-Gruppierungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Und ja, an diesem Abend in Zürich erklingt gar ein Lied, das allzu rücksichtslose Pogo-Tänzer anprangert. Wie könnte man diesem Punker böse sein?

Dank Superstar Scott Niedermayer fing alles an

Rankin ist überzeugter Veganer und Mitglied der Straight-Edge-Bewegung, die vollständig auf den Konsum von Alkohol, Tabak und Drogen sowie Fleisch verzichtet. Man soll ihm aber nicht vorwerfen, er habe keinen Sinn für Humor: In einem Good-Riddance-Musikvideo von 2001 erscheinen mehrere kurz aufblitzende Sätze, die von blossem Auge kaum erkennbar sind. Wer sich die Mühe nimmt und die Bilder Frame für Frame anschaut, entdeckt aber keine satanische Botschaft, sondern bloss ein Rezept für ein veganes Tofu-Dessert …

Wer sucht, findet hier das versteckte Tofu-Rezept – es empfiehlt sich, das Tempo auf 0,25 zu verlangsamen … (Video Youtube)

Im selben Video trägt Rankin ein New-Jersey-Devils-Leibchen, Scott Niedermayer persönlich schenkte es ihm, der zurückgetretene Eishockey-Superstar und Hall-of-Fame-Mitglied. Es war der frühere Verteidiger, der Rankin den ersten Scouting-Job im Eishockey verschaffte. Die beiden hatten sich durch ihre gemeinsame Musik- und Sport-Liebe kennen und schätzen gelernt.

Rankin war geladener Gast, als Niedermayer 2003 seinen Tag mit dem mit den Devils gewonnenen Stanley Cup verbringen durfte, der Eishockeyaner wiederum posierte im CD-Booklet eines Good-Riddance-Albums mit Pokal, Band-T-Shirt und -Cap. Das Bild kann hier begutachtet werden.

Zwei Welten

Konsolen-Zocker unter den Eishockeyfans wissen: Punk-Rock darf nicht zuletzt dank den NHL-Computerspielen um die Jahrtausendwende durchaus mit Eishockey in Verbindung gebracht werden – schliesslich war der Soundtrack der Hockey-Games genauso regelmässig von Melodic Punk geprägt wie das NFL-Pendant von Rap und Hip-Hop. Und dennoch liegt sicher nicht falsch, wer behauptet, dass Rankin zwei äusserst unterschiedliche Welten vereint.

Wenn er als Scout in den Eishallen Kaliforniens Nachwuchsspieler beäugt, fällt er mit den seinen ganzen Körper bis hinauf zum Hals zierenden Tattoos schon mal auf. Die Eishockey-Welt Nordamerikas ist immer noch eine von viel Konservatismus geprägte, Good Riddances Inhalte und Werte stehen damit nicht immer in Einklang.

Christopher «Chris #2» Barker ist nicht nur ein Punkrocker-Freund Rankins aus Pittsburgh und Bassist der Band Anti-Flag, sondern ebenfalls grosser Eishockey-Enthusiast. Er ist genauso Saisonkarten-Besitzer bei den Pittsburgh Penguins wie Rankin bei den San Jose Sharks. Barker äusserte sich kürzlich so zu diesem (vermeintlichen?) Widerspruch: «Viele meiner Freunde können meine Begeisterung nicht verstehen. Die Arschlöcher, die uns Punks früher in den Colleges verprügelten, waren schliesslich oft genau die Eishockeyaner …»

Die Vorurteile widerlegt

Rankin ist darum auch in der nordamerikanischen Eishockeyszene ein bekannter bunter Hund und immer wieder ein Thema in Sportmedien – kürzlich widmete ihm auch das Fachblatt «Athletic» ein langes Porträt. Er hat mittlerweile alle Vorurteile, die ein tätowierter Punkrocker mit gebleichten Haaren in der Spikefrisur in die Hockeywelt mitnimmt, widerlegt und hat sich einen Namen als guter und verlässlicher Scout gemacht.

Wenn Rankin zum Beispiel davon spricht, dass es am schwierigsten sei, Torhüter zu bewerten, dann nicken von Nordamerika bis Europa und dem östlichsten Russland alle Scouts – egal ob Metalhead oder Schlagerfan.

Es gibt schliesslich auch Gemeinsamkeiten ...

Und seien wir ehrlich, schieben all das vermeintlich so Unterschiedliche einfach mal zur Seite und halten fest: Auch am Mittwoch im Dynamo gab es heftigen Körperkontakt und Checks, auch auf der Tanzfläche war besser beraten, wer beim Pogo den Kopf hoch hielt, um nicht blindside erwischt zu werden. Und es roch am Ende ähnlich intensiv nach Schweiss wie in einer Hockey-Garderobe.

Und, last but not least, und das ist jetzt wirklich nicht bloss gut erfunden, wenn auch sicher nur Zufall: Das Hauptset mit 22 Liedern dauerte fast auf die Sekunde genau 60 Minuten, die zwei Lieder der Zugabe (nennen wir sie «Overtime») deren fünf. Ein Penaltyschiessen für die Entscheidung war nicht nötig, beim Punk sind ja alle Gewinner. Oder Verlierer – je nach Sichtweise.

Erstellt: 19.08.2019, 20:26 Uhr

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