Die Schweiz möchte im kleinen WM-Spielort Grosses erreichen

Kosice gilt bei einigen Slowaken als Ort der Stagnation. Just in dieser Stadt wollen die Schweizer im Viertelfinal gegen Kanada ihren Fortschritt belegen.

Pläne schmieden für den Coup: Ambühl, Andrighetto, Fiala, Diaz und Loeffel (v.l.) im Abschlusstraining in Kosice. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Pläne schmieden für den Coup: Ambühl, Andrighetto, Fiala, Diaz und Loeffel (v.l.) im Abschlusstraining in Kosice. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Das Schweizer Nationalteam ist an der Weltmeisterschaft in eine andere Welt gereist. Gestern fuhr die Mannschaft per Zug von der Grossstadt Bratislava ins beschauliche Kosice. Die beiden Städte trennen 300 Kilometer und fünf Zugstunden.

Sie verbindet so ziemlich gar nichts – ausser dass sie WM-Spielorte sind. Hier das mächtige, westlich orientierte Bratislava, dort das ungleich kleinere Zentrum der Ostslowakei. Für die Einwohner Bratislavas ist Kosice ein Sinnbild der Stagnation, des Provinziellen, des Rückständigen. Umgekehrt fühlen sich die Kosicer aufgrund ihres von Wien unabhängigen Charakters als die wahren Hauptstädter der Slowakei.

Den Schweizern sind derlei Ränkespiele egal. Sie vertrieben sich die Fahrt wahlweise mit Schlafen, Brettspielen (Monopoly und Backgammon), Netflix-Gucken – und Simon Moser fand gar Zeit und Musse, für eine Abschlussprüfung zum Thema «Netzwerktechnik» zu lernen.

Vorerst steht für den Assistenzcaptain und die Schweizer ein ganz anderer Test an. Im kleinen WM-Spielort wollen sie heute Grosses vollbringen, mit einem Sieg im Viertelfinal über Kanada zum zweiten Mal in Folge den WM-Halbfinal erreichen. Es wäre ein Novum in der Geschichte von Swiss Ice Hockey.

Erinnerung und Erkenntnis

Die Equipe von Patrick Fischer wusste in der Gruppenphase zu gefallen: Einzig gegen Tschechien spielte sie während 30 Minuten schwach. Die letzten zwei WM-Duelle mit Kanada entschied die Schweiz für sich. Dennoch ist sie heute im Vergleich mit dem 26-fachen Weltmeister der Aussenseiter. «Die Kanadier agieren gradlinig, sind schnell», sagte Fischer nach dem Abendtraining. «Bei den letzten zwei Vergleichen an der WM spielten wir defensiv sehr gut. Das muss wieder die Basis sein. Das Vergangene war in der Vorbereitung ein Thema, aber für Donnerstag spielt es keine Rolle.»

Die Kanadier haben sich in Kosice von Spiel zu Spiel gesteigert. Sie überzeugten im Gegensatz zur Schweiz in den Bereichen Effizienz und Powerplay – und sie verfügen dank 25 NHL-Spielern über mehr Qualität; Hischier hin, Josi und Niederreiter her. «Die Favoritenrolle können die Kanadier gerne haben. Ich bin dennoch sehr zuversichtlich. Wir sind unglaublich motiviert», sagte Moser.

«Die Favoritenrolle können die Kanadier gerne haben. Ich bin dennoch sehr zuversichtlich.»Stürmer Simon Moser

Der Angreifer (30) kam gestern in der Steel-Arena zu einem Déjà-vu-Erlebnis: Er ist einer von vier Schweizern, die bei der WM 2011 in Kosice im Einsatz standen. Ambühl, Diaz und Genoni komplettieren das Quartett. Die Schweiz verpasste damals die Viertelfinals. Dennoch hat der Berner gute Erinnerungen an die Halle. Er debütierte damals mit 22 Jahren im Nationalteam, zählte neben dem zweiten Neuling Kevin Lötscher zu den Lichtblicken.

«Es ist extrem, wie unser Hockey an Qualität gewonnen hat», sagte Moser. «Damals blieb den Jungen wenig Eiszeit in der vierten Linie. Und nun spielen die Youngsters Powerplay und übernehmen viel Verantwortung.» Längst zählt der Flügel zu den Erfahrensten im Team, hat aber mit durchschnittlich 13 Minuten Eiszeit eine kleinere Rolle als auch schon. «Bei uns können viele Stürmer mit einer Einzelaktion für den Unterschied sorgen. Ich gehöre nicht dazu, bin eher der ‹Chrampfer›. Gegen Kanada wird es jedes Element benötigen.»

Mit Genoni – ohne Weber?

Soll es gegen Kanada erneut mit dem Coup klappen, bedarf es bei den Schweizern vier funktionierender Linien. Wobei es mit dem Funktionieren so eine Sache ist, der Trainer in den letzten Partien kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hat. Auch für den Viertelfinal könnte Fischer im Vergleich zum letzten Match gegen Tschechien Änderungen vornehmen – wobei jene in der Abwehr nicht auf freiwilliger Basis erfolgen würden. Yannick Weber erhielt am Montag einen Crosscheck in den Nacken. Seither kämpft der Nashville-Verteidiger mit Symptomen einer Hirnerschütterung.

Stürmer Tristan Scherwey sagte: «Wir wollen in den Halbfinal. Wir wollen um jeden Preis zurück nach Bratislava.» Die fünf Stunden Zugfahrt würden sie noch so gerne in Kauf nehmen.

Erstellt: 23.05.2019, 11:56 Uhr

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