Bob

Ein kleines Wintermärchen

30 Jahre nach dem Olympiasieg seines Vaters ist der Horgner Adrian Fässler drauf und dran im Schlitten des jungen Piloten Timo Rohner das Anschieben endgültig als Familientradition zu etablieren.

Selbst im gutmütigen Schulschlitten kamen die Rohner Bulls an der WM in Whistler ins Schlingern.

Selbst im gutmütigen Schulschlitten kamen die Rohner Bulls an der WM in Whistler ins Schlingern. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Weltcup-Debüt kam für Anschieber Adrian Fässler «sehr, sehr überraschend», die WM-Teilnahme nennt er «eine Riesengeschichte». Der Saisonhöhepunkt aber ist für den 27-jährigen Horgner ein anderer, ganz persönlicher. Jenen Hühnerhaut-Moment, als er in Calgary am Eiskanal stand, wo der Weltcup-Tross kurz vor den Weltmeisterschaften noch für ein Rennen Halt machte, wird er nicht mehr Vergessen. Denn hier hat sein Vater Marcel Fässler 1988 im Viererbob des Glarner Piloten Ekkehard Fasser Olympiagold gewonnen. «Über dreissig Jahre später an diesem Ort zu stehen, mir vorzustellen, was mein Vater hier erlebt hat, war wirklich speziell», sagt der Sohn, der gerade dabei ist, das Anschieben zur Familientradition zu machen.

Marcel Fässler gewann im Bob von Ekkehard Fasser 1988 in Calgary die Goldmedaille.

Es war die Neugierde, die Adrian Fässler vor zwei Jahren nach St. Moritz trieb. Er wollte endlich am eigenen Leib erfahren, wie die Fliehkräfte auf eisiger Kurvenfahrt wirken, nur zum Spass. Doch dann lernte er eben dort Timo Rohner kennen, auch er Sprössling einer Bobfamilie. Sein Vater Marcel Rohner war vor zwei Jahrzehnten der beste Bobfahrer der Schweiz und amtet heute als Teammanager der Rohner Bulls. Timo Rohner holte Fässler in den Bob und dieser stieg effektiv quer ein. Anders als die meisten Anschieber konnte er nämlich nicht auf eine Vergangenheit als Leichtathlet bauen und musste sich seine Lauftechnik von Grund auf erarbeiten. Er habe ganz neu Laufen gelernt, erklärt Fässler, der mit seinem Vater in den Sommermonaten einen guten Lehrer zur Seite hatte.

«Ein Riesending»

Was dann begann, kann durchaus als kleines Wintermärchen bezeichnet werden. Die Rohner Bulls wollten sich heuer eigentlich mit Einsätzen im Europacup langsam an den Kreis der Weltbesten herantasten. Doch statt Europacup fuhren sie im Zweierbob plötzlich erfolgreich interne Ausscheidungsrennen gegen Routinier Pius Meyerhans, dann Weltcup- und schliesslich auch noch WM-Rennen. «Ein Riesending» sei es, dass es in der ersten richtigen Saison gleich geklappt habe, sagt Fässler.

«Jede Achterbahn kann einpacken dagegen.»Adrian Fässler

Gemeinsam mit Pilot Rohner klassierte er sich in den fünf bestrittenen Weltcup-Rennen stets um den 20. Platz herum, das beste Resultat war ein 17. Rang auf der Bahn im bayrischen Königssee. Dass sich das Duo dabei im Schatten des zweiten jungen Schweizer Bob-Piloten Michael Vogt bewegte, dem mit Rang 13 ein beachtliches WM-Debüt gelang, wertet Fässler nicht als Nachteil. «So konnten wir ohne Druck starten», sagt er. Das betrifft auch den WM-Wettkampf von vergangenem Wochenende im kanadischen Whistler.

Start mit dem Schulschlitten

Die Olympiabahn von 2010 gilt als schnellste der Welt und war für die Rohner Bulls, die sich erstmals in Nordamerika aufs Glatteis wagten, eine grosse Herausforderung. «Jede Achterbahn kann einpacken dagegen», beschreibt Adrian Fässler das Fahrgefühl.

Timo Rohner pilotierte in Whistler nicht den eigenen Bob, sondern den etwas langsameren und einfacher zu lenkenden Schulschlitten Michael Vogts, der sich bereits in Kanada befand. Der Transport des eigenen Materials wäre für das Team mit Kosten von 8000 Franken zu teuer geworden. Das Duo Rohner/Fässler war daher im Eiskanal von Whistler nicht optimal gerüstet und wohl auch darum rund 4 km/h langsamer unterwegs als die Schnellsten. Den Finaldurchgang der besten 20 verpassten die beiden deutlich.

Ein bisschen schade findet es Fässler schon, dass sie nicht mit ihrem eigenen Bob haben antreten können. «Aber es ging ja in erster Linie darum, Erfahrung zu sammeln.» Die guten Startzeiten haben den Rohner Bulls jedenfalls gezeigt, dass sie auf gutem Weg sind mit den Weltbesten mithalten zu können. Noch reicht es nicht nach ganz Vorne, «aber daran arbeiten wir jetzt», sagt Fässler. Wobei, arbeiten tut der Horgner seit dieser Woche wieder in seinem Beruf als LKW-Fahrer. Wie es weiter geht, muss er erst noch mit seinem Chef klären. Dass sich eine Karriere im Eiskanal so schnell anschieben lässt, damit hat er halt nicht gerechnet.

Erstellt: 08.03.2019, 15:17 Uhr

Adrian Fässler

Zürcher Zweierbob mit Fontanive/Strebel stürzt zum Saisonschluss

Im selben Flugzeug wie Adrian Fässler kehrten Anfang Woche auch die einzigen Schweizer WM-Starterinnen aus Kanada zurück. Pilotin Martina Fontanive und ihre Anschieberin, die 23-jährige Thalwilerin Irina Strebel, landeten unversehrt aber enttäuscht in der Heimat. Nach einem Sturz im zweiten Lauf konnte das Duo vom Zürcher Bobclub den WM-Wettkampf nicht beenden. «Wir wussten, dass auf dieser Bahn die Sturzgefahr hoch ist. Trotzdem haben wir mehr erwartet», sagt Martina Fontanive. In der Tat war der Schweizer Zweierbob nicht der einzige, der auf der ultraschnellen Bahn in Whistler in Schieflage geriet. Fünf der 19 gestarteten Frauenteams schafften es nicht in die Schlusswertung. Auf dem extrem harten Eis der Olympiabahn von 2010 reagiere der Bob anders als in den Eiskanälen Europas und sei darum schwierig zu lenken, erklärt die Pilotin, die vor ihrem ersten WM-Einsatz nur gerade sechs Trainingsfahrten in Whistler absolvieren konnte – zu wenig, um sich sicher zu fühlen.

Gerne hätte das Duo Fontanive/Strebel einen erfreulicheren Schlusspunkt hinter seine Weltcupsaison gesetzt als den Sturz in Kanada. Zwar machten die Zürcherinnen im Vergleich zum Vorjahr in der Weltrangliste sieben Plätze gut und liegen neu auf Rang 13. Grund dafür ist neben der fahrtechnischen Leistungssteigerung auch das schnellere Material. Was ihnen aber in diesem Winter fehlte, war ein herausragender Auftritt. In sieben Rennen belegten sie stets Plätze von 9 bis 12. Zufrieden dürften die beiden ehemaligen Leichtathletinnen allerdings mit den Startzeiten sein: Am Heimweltcup in St. Moritz kam ein einziges Duo schneller in die Kurven, an der WM blieben Sie nur 9 Hundertstel hinter der besten Startzeit. Daran lässt sich in der kommenden Saison, die Pilotin Fontanive erneut mit Irina Strebel sowie der Zürcher Speerwerferin Nadia-Marie Pasternack als Anschieberinnen in Angriff nehmen wird, durchaus anknüpfen.

Artikel zum Thema

Strebel schiebt ihre neue Karriere an

Bob Die Thalwilerin Irina Strebel ist als Anschieberin im Bob von Martina Fontanive gesetzt. Die einstige Hürdenläuferin hat Gefallen an den spiegelglatten Kurven des Eiskanals gefunden und darf nun wieder von den Olympischen Spielen träumen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.