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Bronze ist für Bohli wie ein Sieg

In Schneisingen an den Strassenmeisterschaften im Zeitfahren stieg Tom Bohli aus Rieden als Dritter erstmals bei der Elite aufs Podest.

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«Noch 200 Meter bis zur S-Kurve», spricht Daniel Green im Begleit­auto ins Mikrofon. Die Bremsen von Tom Bohlis Velo quietschen, dann blockiert das Hinterrad und der 24-Jährige gerät ins Gras. «Das Problem der Zeitfahrmaschine aus Carbon ist, dass die Bremsen lange nicht ziehen, dann aber plötzlich voll», erklärt der Radprofi. Da es genügend Auslauf hatte, habe er die Bremse wieder lösen und einen leichten Umweg fahren können. «Zeit habe ich bei diesem Manöver kaum eingebüsst», sagt der Bronzemedaillengewinner zum zweiten Aufreger des Tages.

Hektisch geworden war es kurz vor dem Start um 16.08 Uhr. Als Daniel Green, der Leistungsdiagnostiker im BMC Racing Team, die Funkverbindung zu Bohli kon­trollierte, hörte ihn dieser – trotz Knopf im Ohr – nicht. Die Ursache war dann schnell gefunden. Ein Kabel war nicht richtig eingesteckt. So rollte der Riedner rechtzeitig von der Startrampe und nahm die erste von zwei Runden über total 37,3 km in Angriff.

Sicherheit erhalten

Bohli liess es eher langsam angehen. «Ich bin wohl zu verhalten gestartet», sagte er. Bei Halbzeit lag er sieben Sekunden hinter Sebastien Reichenbach auf Platz 4. Im Ziel betrug sein Vorsprung genau­ gleich viel. «Wie geplant konnte ich in der zweiten Runde zulegen und bin nicht eingebrochen», erklärt der Prologspezialist. An der Tour de Romandie hatte er über 4 km Platz 2 belegt.

Mit Distanzen bis 14 km ist Bohli vertraut. «Alles, was dar­über liegt, bin ich noch am Lernen.» Im Vorjahr in Lüterkofen klassierte er sich sechs Sekunden hinter dem Podest als Vierter. Der ehemalige Bahnfahrer litt damals unter Sitzproblemen, welche eine Operation nötig machten. Seither hatte er kein langes Zeitfahren mehr bestritten.

Um Sicherheit zu erhalten, bat er Green, ihn unterwegs mit Informationen zu versorgen. Das tönte dann etwa so: «Great Job. Das ist dein Streckenteil, jetzt zieh! Du hast noch acht Minuten, um den Tank zu leeren.» Der Leistungsdiagnostiker verfügte im Begleitauto über die aktuelle Trittfrequenz und die Watt-Werte des BMC-Fahrers. «So konnte er mich anspornen oder bremsen, damit ich nicht überdrehe», sagt Bohli, der diese Unterstützung noch braucht, bis er selbst ein Gefühl­ dafür entwickelt hat. «In einem Prolog ist es ganz anders, da gehst du voll ans Limit und durch den Schmerz hindurch. Heute tat es lange nicht weh und trotzdem ging es irgendwann nicht mehr schneller.»

Einzigartige Perspektive: BMC-Leistungsdiagnostiker Daniel Green unterstützt Tom Bohli auf dem Beifahrersitz des Begleitautos. Video: David Bruderer.

«Nimm den Kopf runter»

Green schaute allerdings nicht aus­schliess­lich auf die Leistungswerte. «Nimm den Kopf runter, konzentriere dich auf die Position», tönte es etwa. Bei windigen Verhältnissen sei die Aerodynamik genauso wichtig, meinte der Aus­tra­lier. Tom Bohli habe seine Anweisungen sehr gut umgesetzt, sei konstant gefahren und habe am Schluss nicht nachgelassen. «Der 3. Platz ist für ihn wie ein Sieg.»

Ähnlich tönte es vom Sportlichen Leiter Klaas Lodewyck. Der Belgier hatte das Auto hinter Stefan­ Küng – der Sieger absolvierte die 37,3 km dreieinhalb Minuten schneller als Bohli – pilotiert: «Die Medaille ist wichtig für Toms Moral. Und als Team haben wir mit Gold und Bronze unser Ziel erfüllt. Das war ein gutes Ren­nen für BMC.» Der zweite Titel für die amerikanisch-schweizerische Equipe soll am Sonntag im Strassenrennen folgen. 2017 hatte Silvan Dillier triumphiert, der danach zu Ag2r La Mon­diale wechselte und am Mittwoch Zweiter wurde. Sein Rückstand auf Küng betrug eineinhalb Minuten. «Ich werde wohl Helferdienste leisten müssen», sagte Bohli, ehe er sich mit dem Rennvelo Richtung ­Hotel in Dielsdorf aufmachte.

Medaille für den Vater

Dort hatte der 24-Jährige den Renntag mit einem reichhaltigen Frühstück begonnen. Dann lockerte er auf einer einstün­digen Ausfahrt die Beine. «Den Parcours hatte ich bereits am Dienstag besichtigt.» Zweimal absolvierte er die Strecke, gab bei den heiklen Kurven kurz Gas, um die optimale Linie zu finden.

40 Minuten vor dem Start setzte sich Tom Bohli zum Aufwärmen auf die Rolle – im Ohr Rockmusik zum Aufputschen. Nach einer halben Stunde galt es, die Schuhüberzüge und den Helm anzuziehen. Zeit für den Funkcheck musste ja auch noch sein.

Ruhiger ging es nach der Zieleinfahrt zu und her. Zur Dopingkontrolle musste nur der Sieger. Bohli absolvierte das Ausfahren gleich auf der Zeitfahrmaschine. Vor der Siegerehrung lag selbst ein Schwatz mit Fans und der Fami­lie noch drin. Die Bronzemedaille reichte Tom Bohli gleich nach der Zeremonie an seinen Vater Mike weiter. 2019 soll die silberne folgen. Schliesslich habe er jetzt zu einem Steigerungslauf angesetzt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.06.2018, 10:36 Uhr

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