So analysieren Corinne Suter und ihr Trainer die Rennen

Dominique Pittet ist seit zwölf Jahren Trainer der Schweizer Speedfahrerinnen und engste Bezugsperson der zweifachen WM-Medaillengewinnerin.

So analysiert Corinne Suter ihre Rennen. Video: sda

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Es ist Donnerstagabend in Are, die Sonne schon vor Stunden hinter den Hügeln verschwunden. In einem roten Schwedenhäuschen ein paar Schritte von der WM-Strecke entfernt brennt Licht. Auf einem Barhocker an einem Tresen sitzt Dominique Pittet, hinter ihm sind Heizsohlen an die Steckdose angeschlossen, ein Elektro-Ofen hält die Stube warm. Hier wohnen die Serviceleute der Schweizer Speedfahrerinnen, zu viert, je zwei in einem Zimmer. Pittet wohnt im Häuschen nebenan, auch er mit drei Kollegen, doch dort sei zu viel los, sagt der Speedtrainer.

Er braucht Ruhe für das, was er tut. Am Vormittag war Abfahrtstraining für das WM-Rennen vom Sonntag. Damit war Pittets Arbeit aber nicht vorbei, gewissermassen begann sie dann erst. Ski abschnallen, Skischuhe weg und ab vor den Computer. Der Zürcher Oberländer ist für die Video-Analyse zuständig. 150 Clips sind es an diesem Tag, die er anschreiben muss.

Jeder Meter wird erfasst

Neun Trainer, darunter derjenige Liechtensteins und Pauli Gut, filmten die ersten 31 Fahrerinnen auf dem ihnen jeweils zugeteilten Abschnitt. Diese Sequenzen fügt ein Programm zusammen, damit die ganze Fahrt ohne Unterbruch zu sehen ist. «Richtig anschreiben», sagt Pittet, «ist ganz wichtig.» Sonst kommt alles durcheinander.

An diesem Tag läuft es glatt, was bedeutet: über zwei Stunden vor dem Laptop für Pittet. Er schaut sich die Schnellsten an, die Abschnittsschnellsten, die Schweizerinnen, legt die Videos auf dem Bildschirm nebeneinander, vergleicht die Linien, die Position.

«Versuch doch morgen einmal, hier die Ski etwas hinzustellen, anstatt durchzuziehen.»Dominique Pittet zu Corinne Suter

Um halb sieben schaut Corinne Suter vorbei, am Dienstag erstmals auf dem Podest, und das erst noch an der WM: Super-G-Bronze gab es für die 24-Jährige. Als Erstes sagt sie: «Ich dachte, der Schnee mache die Piste schneller, dabei passierte das Gegenteil.»

Pittet lässt laufen. Suters Trainingsfahrt ist zu sehen, ab und zu drückt er Pause. «Die Einfahrt ist dir gut gelungen, da bist du schön auf Zug», sagt er. Weiter gehts, Pause. «Hier war Hählen die Schnellste, sie fuhr weiter unten als du.» Bei der nächsten Stelle schlägt er etwas vor: «Nur als Test: Versuch doch morgen einmal, hier die Ski etwas hinzustellen, anstatt durchzuziehen.» Suter sagt: «Nein, ich versuche, voll auf Zug durchzufahren.»

Pittet, seit zwölf Jahren im Speedteam der Schweizerinnen tätig, hat gelernt, die Athletinnen auch einmal machen zu lassen, nicht immer nur auf die perfekte Linie zu achten, «einem kreativen Fussballer», sagt er, «darfst du die Kreativität auch nicht nehmen, indem du ihn in ein System zwängst. Dasselbe gilt für Skifahrer.» Will heissen: Die Athletinnen müssen ihren Ski auch einmal freien Lauf lassen können. Suter weiss ziemlich genau, wann sie ihre Ski laufen lassen kann, «sie spürt das gut», sagt Pittet, der mit der Schwyzerin seit fünf Jahren zusammenarbeitet und ihre engste Bezugsperson ist im Team.

Pittet: «Sie war zu lieb»

Nach zehn Minuten sind sie durch mit der Analyse. Suter hat nur ihre Fahrt angeschaut. Sie hat überhaupt gelernt, mehr auf sich zu achten. «Früher habe ich allen anderen lieber zugeschaut als mir», sagt sie. Sie hat sich oft verloren beim Blick auf die Konkurrenz. Sie habe auch lernen müssen, egoistischer zu werden, sagt Pittet. «Sie war zu lieb.» Das soll nun anders werden.

«Ich habe den Fokus auf die Abfahrt gelegt.»Corinne Suter

Dabei kommt auch etwas zurück von ihren Kolleginnen. Als sie den Marathon am Dienstag mit Interviews, Empfang im House of Switzerland, Foto hier, Foto da überstanden hatte, wartete zu Hause im roten Schwedenhäuschen Jasmine Flury auf Suter. «Sie hatte Vitamin-Brausetabletten bereitgelegt und Brötchen und Bananen gekauft. Sie wusste genau, was ich brauche», sagt Suter. Dann schaut sie sich um in der Wohnung der Serviceleute und sagt: «Ich darf es ja fast nicht sagen: Aber wir haben zu zweit drei Zimmer. Eines für mich, eines für Flury, eines als Ankleidezimmer.»

Mit der Bronzemedaille hat sie sich etwas Luxus auch verdient. Doch der Höhepunkt soll erst folgen. Suter sagt: «Ich habe den Fokus auf die Abfahrt gelegt. Den Super-G nehme ich aber gerne als zusätzliche Motivation mit.»

Auf die Aufgabe am Sonntag sollte sie gut genug vorbereitet sein. Dank Pittet, dem Mann an der Piste und am Laptop.

Erstellt: 10.02.2019, 08:43 Uhr

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