So spielen Sie Tennis auf Federers Lieblingsbelag

Rasentennis birgt Tücken. Kurz bevor Wimbledon startet, zeigen die Junioren Valentina Ryser und Dominic Stricker, wie es geht.

So spielt man auf Rasen – zwei Junioren und ein Coach erklären. Video: Fabian Sangines

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das ist ja echter Rasen!», riefen die Schweizer Topjunioren staunend aus, als sie kürzlich in Biel erstmals auf dieser Unterlage trainierten. Swiss-Tennis-Coach Sven Swinnen erzählt dies mit einem Schmunzeln. «Ja, das ist echter Rasen», gab er zurück. «Und jetzt schaut, wie ihr euch darauf zurechtfindet.»

Die 18-jährige Bernerin Valentina Ryser brauchte nicht lange, um sich wohlzufühlen. Sie schwärmt: «Es fühlt sich so edel an auf Rasen, so richtig schön traditionell. Der Belag ist so sanft, so ruhig. Er absorbiert die Schritte.» Hier ist kein Quietschen zu hören wie auf Hartplatz. Und hier wird nicht in die Bälle hineingerutscht wie auf Sand. Oder selten, falls man nicht Novak Djokovic heisst. Hier wird getänzelt.

Ryser spielt nächste Woche wie Dominic Stricker (16) und Leandro Riedi (17) am Juniorenturnier in Wimbledon. So wagte sie sich im Stadion Gurzelen in Biel erstmals auf die in der Schweiz exotische Unterlage. Sie hatte das Glück, dass sich hier die Russin Vera Swonarewa auf die Rasensaison vorbereitete und mit ihr trainierte. Die zweifache Grand-Slam-Finalistin ist daran, sich nach ihrer Babypause wieder hochzuarbeiten. Für Ryser war sie die ideale Trainingspartnerin, um sich auf die höhere Kadenz auf Rasen einzustellen.

Früh ausholen und in die Knie gehen – Valentina Ryser zeigt es vor. Foto: Christian Pfander

«Es ist ein grosser Unterschied gegenüber Sand», sagt sie. «Man muss früh bereit sein für den Schlag. Und weil der Ball flacher abspringt, muss man tiefer in die Knie gehen. Mit der Zeit brennt das in den Oberschenkeln.» Doch ihr behage das Rasentennis. «Um schnell zu spielen, ist Rasen wirklich cool. Weil der Boden das Tempo gut annimmt. Und ich spiele gern schnell.»

Aufschlag-Volley als Variante

Auch Stricker, der in Roland Garros in den Junioren-Doppelfinal vorstiess, mag Rasen. «Mein Linkshänderaufschlag ist hier noch effektiver», glaubt er. «Und meine Rückhand ist auch ziemlich gut für Rasen, weil sie flach ist. Da bleiben die Bälle tief und schnell.» Er nimmt sich vor, wie sein Vorbild Federer ab und zu Aufschlag-Volley zu spielen. «Damit kann ich meine Gegner überraschen. Bei den Jungen ist das nicht mehr so verbreitet. Ausser bei Tsitsipas, der diese Spielart wieder vermehrt zeigt.»

Nicht erst seit Federer haben Schweizer Tenniscracks ein besonderes Flair für Rasen. Heinz Günthardt gewann 1976 das Juniorenturnier in Wimbledon, Martina Hingis schon mit 13 – und mit 16 dann bei den «Grossen». Roman Valent (2001) und Belinda Bencic (2013) siegten an der Church Road ebenfalls bei den Junioren. Die Schaffhauserin Leonie Küng spielte sich 2018 als Qualifikantin bis ins Endspiel. Von solchen Erfolgen träumen auch Ryser, Stricker und Riedi.

Die drei Talente kosten die Rasensaison voll aus. Ryser und Stricker spielen diese Woche in Nottingham, die nächste in Roehampton und dann in Wimbledon. Riedi steigt erst in Roehampton ein, um sein angeschlagenes Knie nicht zu sehr zu belasten. Swinnen traut den Schweizer Junioren im All England Club einiges zu, da sie von der Spielanlage her alle offensiv orientiert seien.

Zuerst testen, was geht

Der frühere Weggefährte von Federer legt bei den Jungen zuerst einmal Wert auf die veränderte Beinarbeit: «Jeder muss für sich herausfinden: Wie kann er sich auf Rasen bewegen? Dominic Stricker fragte mich, ob man hier überhaupt rutschen könne. Das muss man austesten. Auch, was passiert, wenn man voll durchläuft und abrupt stoppt.»

Der Franzose Pierre-Hugues Herbert, der sich in Biel für das Turnier in Halle vorbereitete und dort in den Halbfinal kam, habe ihm erzählt, er brauche jeweils drei, vier Tage, bis er sich wohlfühle auf Rasen. «Er sagte, er müsse immer zuerst vier-, fünfmal hinfallen, ehe er intus habe, wie weit er gehen könne.»

Die Mutigen werden auf Rasen belohnt: Dominic Stricker beim Volley. Foto: Christian Pfander

Federer hat es da leichter. Wenn er auf Rasen zurückkehrt, scheint das wie bei einem Hockeyprofi, der nach dem Sommer erstmals aufs Eis geht: Er fühlt sich gleich wieder im Element. Als er im Wimbledon-Halbfinal 2016 gegen Milos Raonic stürzte, gingen die Bilder um wie Welt – weil sie so ungewöhnlich waren.

Swinnen rät für die Beinarbeit drei Dinge: Erstens, mit dem Hintern tiefer nach unten zu gehen, um die Bälle auszugraben. Zweitens, breit zu stehen für die Balance. Drittens zu tänzeln, noch kleinere Schritte zu machen als sonst. Wozu er nicht rät: auf Rasen zu rutschen wie Djokovic. Das könne unangenehme Folgen haben, wenn man nicht so beweglich sei wie der Serbe.

Was das Spiel betrifft, kommen dem Aufschlag und dem Return auf Rasen noch grössere Bedeutung zu, weil die Punkte kürzer sind. Und der Slice ist effektiver. «Das Paradebeispiel ist Federers Slice, bei dem der Ball tief bleibt», sagt Swinnen.

Ein gutes Händchen hilft

Überhaupt zahle es sich auf Rasen noch mehr aus als anderswo, angriffig und variabel zu spielen. Mal mit Tempo, mal sanft, mit Topspin, Slice, lang, kurz. «Da hilft ein gutes Händchen. Zumal die Bälle ja auch ab und zu verspringen.»

Gras sei nur für Kühe, sagte einst Ivan Lendl. Heute würde sich diese Aussage kein Profi mehr getrauen. Rasentennis ist en vogue. Und vielleicht merkt man erst, wieso dieser Sport einst für diese Unterlage erschaffen wurde, wenn man selbst spielt. Es fühlt sich so natürlich an – wie ein Freizeitvergnügen. Und das soll Tennis ja auch sein.

Erstellt: 25.06.2019, 19:05 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!