Formel Österreich

In Spielberg fährt die Formel 1 heute vor prächtiger Kulisse und modernsten Gebäuden. Das Land hat in der Königsklasse aber mehr zu bieten als den Red-Bull-Ring.

Die Formel-1-Strecke aus der Vogelperspektive.

Die Formel-1-Strecke aus der Vogelperspektive. Bild: Keystone

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Wenn der Österreicher anrichtet, reicht ihm die grosse Kelle nicht. Da wird geklotzt, was das Zeug hält. Das Skirennen im Nobelort Kitzbühel ist nicht nur eine Nummer grösser als alles andere im Winter, sondern zig Nummern. Alles ist glänzender und glitzernder, überdreht und übertrieben auch, die Boulevardblätter überbieten sich mit Superlativen.

So ist das auch in diesen Tagen, in denen sich der Blick der Nation gen Osten richtet, in die Steiermark, auf Spielberg im Murtal. Hier fährt gerade die Formel 1, chic ist das ohnehin schon. Doch was Dietrich Mateschitz ihr für einen Rahmen gebaut hat, ist gewaltig. Der Mann, dessen Getränk im letzten Jahr 6,8 Milliarden Mal verkauft wurde, hat auf der Wiese, wo einst die Kühe weideten, einige Bijous errichten lassen. Ein Gebäude an der Start-Ziel-Geraden etwa, das als moderner Palast durchgehen könnte. Die VIP-Logen sind im zweiten Stock, die riesige Fensterfront bietet freien Blick auf die lieblichen, bewaldeten Hügel, in die sich die Strecke einbettet.

Sie ist kein Fremdkörper wie anderswo, nicht hingepflastert, sondern sorgfältig eingebaut. Nach dem ersten Rechtsknick geht es ruppig bergauf, dann schlängelt sich die Piste hinunter durch das innere Feld und wieder zurück, vorbei an der riesigen überdachten Tribüne und den gewaltigen Fensterfronten der Logen. Vis-à-vis blicken an diesem Samstag Frauen und Männer mit Champagnergläsern von einer Terrasse herab auf die rasenden Boliden.

Die Strecke ist spektakulär

Das Layout der Strecke mag relativ banal sein. Doch das Auf und Ab, diese Kurven, die die Piloten auch einmal blind ansteuern müssen, machen sie zum Spektakel. Das war schon in den 70er- und 80er-Jahren so, als sie noch Österreichring hiess, und 1997, als sie nach zehn Jahren Pause als A1-Ring in den Kalender zurückkehrte. Österreichring und A1-Ring waren hübsch, der Red-Bull-Ring ist ein Schmuckstück.

Benannt nach den Getränken, die Mateschitz zum Multimilliardär machten. Red Bull, dieser zum Flaggschiff Salzburgs gewachsene Megakonzern, ist in Spielberg überall – selbst in den umliegenden Dörfern. Sieben Hotels und sieben Restaurants gehören der Firma, viele tragen Schloss oder Schlössl im Namen und sehen entsprechend aus. Mehr als grosse Kelle halt.


Bildstrecke: Österreicher und die Formel 1


2003, als im Murtal zum vorerst letzten Mal gefahren wurde, nahm sich der heute 75-Jährige des Projekts an. Doch es geriet ins Stocken, eine Umweltverträglichkeitsprüfung war negativ ausgefallen. Nun scheint es in Österreich aber jeweils nicht allzu schwer zu sein, einen Weg für das Vergnügen zu finden und alles andere beiseite zu lassen. Sei es in den Bergen in Tirol. Oder in den Hügeln der Steiermark.

2011 wurde die Anlage eröffnet, 2014 kehrte die Formel 1 zurück. Hermann Schützenhöfer ist steirischer Landeshauptmann, Mitglied der ÖVP, er sagte: «Es ist nicht wie früher einzig und allein die Formel 1 hier, sondern auch die Formel 1. Da sind noch die MotoGP, die Tourenwagen- und Firmenrennen. Mateschitz baut Hotels, er macht nun eine Biersorte und hat Pferdeställe – ein Segen fürs Land.» So ist das eben in Österreich, zu viel gibt es nicht.

Besprenkelte Hügel, tanzende Holländer

Diese Woche ist die Königsklasse zum sechsten Mal in Red Bulls Vergnügungspark zu Gast. Gestern war Tag des Qualifyings. Die grünen Hügel waren bald bunt besprenkelt: Sonnenschirme, Campingstühle, Picknickdecken. Der Blick geht von hier oben über die ganze Strecke. Auch auf den riesigen Campingplatz hinter Kurve 1. Tausende Wohnmobile und Zelte stehen dort, bei den meisten weht eine holländische Flagge. Seit Max Verstappen in der Formel 1 fährt, bevölkern seine Landsleute die Strecken. Später tanzen sie auf den ­Tribünen und machen sie die Welle – in Orange.

Österreich ist in diesen Tagen Formel-1-Hauptort. Doch das Land spielt überhaupt eine grosse Rolle auf der glitzernden Bühne des Motorsports. Das liegt an Mateschitz, am Rennen hier, an seinen Teams Red Bull und Toro ­Rosso. Im Ursprung aber liegt das vor allem an Jochen Rindt.

Der Grazer trat in seinem Weltmeisterjahr 1970 eine Euphorie los und sorgte für einen Zuschauerstrom zum ersten WM-Rennen in Spielberg. Hunderttausend Menschen wollten ihn im Spätsommer 1970 zum Sieg rasen ­sehen. Es blieb die Ernüchterung, Rindt schied mit einem Defekt aus.

Drei Wochen später schüttelte es die Nation durch. Beim Training in Monza verunglückte Rindt tödlich. Der erste GP von Österreich blieb sein letztes Rennen. Es ist eine der vielen Geschichten rund um Spielberg und das benachbarte Zeltweg, wo schon 1963 auf dem rumpligen Flugplatz gefahren wurde.

Erinnerungen an Niki Lauda

Eine andere liefert Niki Lauda. 1984 gewann er hier als bislang einziger Österreicher und holte seinen dritten WM-Titel. Eine Saison darauf trat er zurück. Vor sechs Wochen starb der charismatische Wiener. Welch grosse Rolle er spielte für den Motorsport im Land, bringt ein Sujet am Streckenrand auf den Punkt. Fans haben einen übergrossen Mercedes-Stern an einen Lastwagenkran gehängt, darauf thront eine rote Mütze, wie sie Lauda immer trug. Österreich kannte nie wieder einen wie ihn.

Rennfahrer – auch grosse – brachte es aber immer wieder hervor: Gerhard Berger, Roland Ratzenberger, Karl Wendlinger, Alexander Wurz, Christian Klien. Doch seit neun Jahren ist Ebbe bei den Fahrern. Aber: Was solls? Wer braucht schon einen Klien, wenn er Mateschitz hat und den Grand Prix von Österreich? Oder mit Toto Wolff den Motorsportchef bei Dominator Mercedes? Der ehemalige Rennfahrer Helmut Marko ist bei Red Bull einflussreicher Berater, Franz Tost Teamchef bei Toro Rosso. Die Sicherheitsleute sind bei vielen Rennen von einer österreichischen Firma, einige Spitzenköche auch, welche die wichtigen Leute rund um die Strecken verpflegen.

Natürlich sind von diesen heute wieder viele zugegen. Gesehen zu werden, gehört auch in der österreichischen Schickeria zum guten Ton. Schunkelsänger Andreas Gabalier wird erwartet, Popgrösse Victoria Swarovski oder Ex-Tennisspieler Thomas Muster. Spielberg ist eine grosse Spielwiese. Auch für die Sternchen der Nation.



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Erstellt: 30.06.2019, 10:21 Uhr

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