Rio De Janeiro/Seuzach

Beni Thurnheers letztes WM-Spiel

Bernard Thurnheer kommentiert das Finalspiel der WM für das Schweizer Fernsehen. Es ist das letzte internationale Spiel des Winterthurers, der an zehn WM-Turnieren dabei war und gestern 65 Jahre alt geworden ist.

Studiert nichts ein vor der Moderation: «Ich hasse vorbereitete Sprüche. Das merken die Zuhörer sofort, und ich finde es uncool», sagt Beni Thurnheer im Interview.

Studiert nichts ein vor der Moderation: «Ich hasse vorbereitete Sprüche. Das merken die Zuhörer sofort, und ich finde es uncool», sagt Beni Thurnheer im Interview.

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Ist Ihnen in Brasilien ­ tatsächlich der Rasierschaum ausgegangen?
Bernard Thurnheer: Ja, wirklich. Deswegen musste ich beim Spiel Brasilien gegen Mexiko mit Stoppelbart an den Match. Als der Schiedsrichter das erste Mal mit Schaum die Position von Ball und Verteidigungsmauer markierte, kam mir das spontan in den Sinn, und ich baute einen Spruch dar­über in die Moderation ein.

Im selben Spiel erwähnten Sie den FC Seuzach – an der WM.
Wenn ich ein Beispiel für einen kleinen Fussballklub suche, dann nehme ich natürlich Seuzach, weil mir das am nächsten liegt. Andere würden vielleicht den FC Bümpliz erwähnen. Ich wählte den FC Seuzach, um zu erklären, dass die neue Torlinientechnologie mit 14 Spezialkameras für kleine Vereine viel zu teuer wäre.

Sind Sie denn Mitglied beim FC Seuzach?
Ja, natürlich. Ich habe auch schon bei den Senioren mitgespielt und bin bei den Donatoren dabei.

Dann hatten Sie also auch den FC Seuzach im Kopf, als Sie bei der historischen 1:7-Niederlage von Brasilien gegen Deutschland erklärten, Sie hätten selbst als Spieler auch schon solche Si­tua­tio­nen erlebt?
Sowohl den FC Seuzach als auch den FC Radio und Fernsehen bei Firmenmeisterschaften. Da lagen wir in der Pause auch schon so weit zurück, dass es hiess: Was wollen wir noch?

Für solche Kommentare sind Sie berühmt. Wie viel davon ist einstudiert, wie viel spontan?
Nichts ist einstudiert! Rein gar nichts! Ich hasse vorbereitete Sprüche. Das merken die Zuhörer sofort, und ich finde es uncool. Das kommt mir tatsächlich jeweils einfach in den Sinn.

Einmal hatten Sie vorab eine Wette abgemacht: Sie mussten das Wort «Handarbeitslehrer» in die Sendung ­einbauen.
Jawohl, das ist jetzt aber auch schon acht Jahre her, beim Spiel Schweiz gegen Südkorea an der WM in Deutschland 2006. Da gab es im Casinotheater ein Public Viewing. Dort bin ich eben auch Mitglied. Und diese verrückten Kerle kamen auf die Idee, sie könnten mir per SMS ein Wort schicken, das ich während des Matchs irgendwo unterbringen musste. Das Publikum stimmte ab und wählte das Wort «Handarbeitslehrer». Ich dachte, das schaffe ich nicht im Traum. Doch dann köpfelte Philippe Senderos das 1:0, schlug sich die Augenbraue auf und musste genäht werden. Da kam mir der Satz in den Sinn: Gut ist ein Mediziner da, ein Handarbeitslehrer genügt da nicht mehr.

Wie hoch war der Wetteinsatz?
Die Leute im Casino­theater haben sich gefreut, das war alles. Die Geschichte wäre dann auch sanft verlaufen. Doch der Lehrerverband protestierte beim Schweizer Fernsehen wegen Verunglimpfung der Handarbeitslehrer. So kam alles nachträglich aus.

Legendär sind Ihre Notizzettel. Haben Sie jene für den Final schon vorbereitet?
Ich bin ein Auslaufmodell. Ich bin der letzte Kommentator, der ohne Computer im Stadion sitzt. Beim Final ist das Problem: Es ist das siebte Spiel dieser Mannschaften. Über die Spieler ist schon alles gesagt. Da kann man nicht mehr viel Neues bringen.

Wie bereiten Sie sich auf das Finalspiel vor?
Ich schaue, dass ich Spieler und Positionen genau kenne. Damit ich alles Hintergrundwissen bereit habe. Die Kunst ist dann, im richtigen Moment das Richtige zu wissen und das Richtige zu sagen.

Gestern war Ihr 65. Geburtstag. Ist es ein Geburtstagsgeschenk Ihres Chefs, dass Sie den Final kommentieren dürfen?
Vielleicht. Die Frage war: Wie ziehe ich mich vom internationalen Fussball zurück? Mein Chef fand, der WM-Final wäre doch eine gute Sache. Fand ich natürlich auch.

1982 waren Sie für das Fernsehen erstmals an einer WM, Sie sind aber schon seit 1974 dabei.
Damals habe ich fürs Radio drei Spiele kommentiert. Unvergessen ist das Spiel DDR gegen Bundesrepublik, das die Ostdeutschen überraschend gewannen.

Dort geht die Legende, Sie hätten das Spiel beinahe verpasst, weil Sie kein Ticket hatten.
Jawohl, auch das stimmt. Ich sprintete an den Wächtern vorbei zu meinem Kommentatorenplatz. Als sie mich verhaften wollten, konnte ich dank der Tonverbindung ins Studio beweisen, dass ich vom Schweizer Radio war. So ging das in Minne auf. Wäre heute auch nicht mehr möglich.

Sie waren bei zehn Weltmeisterschaften dabei. Welches war die schönste?
Das war jene 1994 in den USA. Da war das erste Mal nach 28 Jahren die Schweiz dabei. Wir hatten eine super Mannschaft. Unvergessen ist der überdeckte Pontiac Silverdome in Detroit. In diesem Stadion roch es nach Popcorn. Wenn ich Popcorn rieche, entsteht vor meinem inneren Auge bis heute das Bild dieses Stadions.

Welches war denn der schönste Match in Ihrem ­Kommentatorenleben?
Der 4:1-Sieg der Schweiz gegen Rumänien an der WM 1994. Die Stimmung in der Schweiz war unglaublich. Da hatten wir anderthalb Millionen Zuschauer. Und die Schweiz hat sensationell gespielt. Das ist auch für einen Moderator das höchste der Gefühle.

War das auch der schönste ­Moment in Ihrem Leben als Fussballfan?
Nein, den habe ich noch nicht erlebt. Denn ich hoffe immer noch, dass der FC Winterthur einmal Cupsieger wird.

Letzten Dienstag haben Sie die 1:7-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland kommentiert. Bei dem Spiel hatte man das Gefühl: Jetzt fehlen sogar dem Thurnheer die Worte.
Das war wirklich unglaublich. Jenseits des Vorstellbaren. Ich war aber auch froh, dass der Match so eindeutig verlief. Denn die Anreise war brutal streng. Um sieben Uhr morgens gingen wir in Rio aus dem Haus, das Flugzeug hatte drei Stunden Verspätung, danach eine Stunde im Flugzeug, dann eine Stunde Stau im Auto. Wir waren erst kurz vor Spielbeginn im Stadion – nudelfertig. Da war ich froh, dass der Match selbsterklärend war.

Für den Final sind Sie aber ­wieder ausgeschlafen? Ja, die letzte Nacht habe ich zwölf Stunden geschlafen. Diese WM war wirklich brutal anstrengend. Ich habe von Brasilien auch gar nichts gesehen. Die Leute, die denken, wir machen hier Ferien, liegen falsch. Ich bin zusammengezählt einmal rund um die Welt geflogen: 21 Flüge, etwa 50 Stunden im Flugzeug. Wenn man dann endlich im Hotel ist, sinkt man nur noch ins «Näscht».

Freuen Sie sich auf die ­Pensionierung?
Ja. Ich gebe zu: Ich bin von der heutige Technologie überfordert. Wenn ich die anderen Kommentatoren mit ihren iPads sehe … Das ist nicht mehr meine Welt.

Als Moderator steht man auch immer wieder in der Kritik. Wie gehen Sie damit um?
Es ist unangenehm, was über Moderatoren im Internet alles geschrieben wird, primitivste Bemerkungen. Besonders ärgerlich ist, wenn Journalisten diese Kritik aufnehmen. Aber ich weiss es ja: Im modernen Journalismus zählt nur noch die Zahl der Klicks.

Letzten Dezember schrieb die «Schweizer Illustrierte», Sie gingen verliebt in Pension ...
Das stimmt nach wie vor. Ich bin immer noch verliebt.

Droht gar ein Wegzug nach Lüchingen im Kanton St. Gallen? Dort wohnt Ihre Freundin.
Tatsächlich ist ein Seilziehen im Gange. Ich will sie natürlich nach Seuzach locken. Ein Ende der Diskussionen ist nicht abzusehen.

Wird man Sie nun häufiger auf der Schützenwiese sehen?
Ja, sicher. Ich arbeite jetzt dann nur noch am Sonntag und habe mehr Zeit für Spiele. Ich stehe auf der Schützenwiese meist am selben Platz, an der Ecke der Bierkurve zur Gegentribüne.

Geben Sie dort auch dauernd Kommentare ab?
Nein, nein. Als Fan ein Spiel zu schauen, ist ganz etwas anderes. Da kann ich auch einmal ein Bier holen und für fünf Minuten nicht mitverfolgen, was auf dem Rasen passiert.

Erstellt: 22.06.2015, 12:11 Uhr

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