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Der Schweizer Corona-SonderwegSorry, aber was habt ihr denn gedacht?

Hin und her tobende Gedanken zur zweiten Corona-Welle.

Nicht umsonst ist die Welle eine Metapher für etwas Bedrohliches
Nicht umsonst ist die Welle eine Metapher für etwas Bedrohliches
Foto: Corey Arnold

I

Letzten Sonntag besichtigte ich eine Wohnung. Ein junger Mann öffnete die Tür und sagte: « Hi! Also … wenn du willst, kannst du gerne eine Maske tragen – aber ich fänds chilliger ohne.» Und da, innerhalb von bloss drei Sekunden, hatte ich ihn verurteilt. Früher, vor C., passierte mir das nie, aber nun dachte ich: Aha, einer, der in geschlossenen Innenräumen keine Maske tragen will. Einer, der seine «individuelle Freiheit» wohl über alles stellt. So einer.

Doch anstatt zu sagen: «Hey, mit Maske fände ich besser», winkte ich ab: «Nein, nein, schon gut so.» Ich nahm Rücksicht auf seine Rücksichtslosigkeit. Denn ich schämte mich, vor dieser fremden Person zuzugeben, dass ich vorsichtig bin. Vor allem jetzt, da die Zahlen wieder so hoch sind. Zudem wollte ich sein Verhalten nicht kritisieren. Wie sollte ich auch? Ich weiss ja selbst nicht, wie man sich gerade «richtig» durch den Alltag navigiert.

II

Was ich sagen will, ist: Ich habe gemischte Gefühle. Ich bin verwirrt. Am meisten beschäftigt mich, dass in dieser Pandemie-Situation alle gerade in ihrer eigenen Realität zu leben scheinen. Die einen sind hoch alarmiert, die anderen unbekümmert. An manchen Tagen denke ich: Meine Vorsicht ist solidarisch, das einzig Vernünftige. Und an anderen denke ich: Mache ich mir einen zu grossen Stress?

III

Da fällt mir ein: Ich habe kürzlich gelesen, dass viele Menschen offenbar gerade auf den sogenannten licensing effect reinfallen. Der greift zum Beispiel, wenn man fünf Tage lang strikt im Homeoffice war und danach zu sich selber sagt: Jetzt habe ich mir aber wirklich einen fetten Ausgang verdient. Nun darf ich mir etwas gönnen. So komme es zu vielen Ansteckungen.

IV

Vor einigen Tagen versuchte ich, in mein Tagebuch zu schreiben, was ich so fühle. Und der Eintrag, der dabei rauskam, war etwa so wie dieser Text: zerstreut. Das grosse Paradox der Pandemie ist für mich nämlich, dass so wenig läuft wie fast noch nie. Ich habe praktisch keine Termine, arbeite nur von zu Hause aus, starre in den Innenhof, starre auf Schlagzeilen – und gleichzeitig gibt es diese Unruhe. Innen: Chaos. Aussen: Stillstand.

V

Anyway, ein anderer Gedanke, den ich jetzt oft habe: Auf einmal verteidige ich den Staat, will mehr davon, will klare Regeln, obwohl ich sonst nicht gerade autoritätsgläubig bin. Noch nie habe ich Pressekonferenzen des Bundesrats live gestreamt. Doch jetzt? Ich mache ein Bier auf und gucke sie wie ein Fussballspiel. Ich bin «Team Massnahmen», glaube ich. Und wir spielen gegen das «Team Eigenverantwortung». Eigentlich bin ich ja ein grosser Fan der Eigenverantwortung. Doch leider hat sie in der letzten Saison enttäuschend gespielt.

VI

Woran ich auch viel denken muss, ist: Es gibt doch dieses Narrativ, dass die Schweiz ein «Sonderfall» sei. Reicher, neutraler, anders. Diese Vorstellung hat mich schon immer genervt. Also der Überlegenheitsgedanke daran. Aber nun steigen die Fallzahlen in fast keinem anderen Land so schnell, und ich frage mich: Was passiert dadurch mit diesem Selbstbild? Was geschieht, wenn die Schweiz erkennt, dass sie doch nicht unverwundbar ist? Und ganz ehrlich: Als die Zahlen über 3000 kletterten, dann über 6000, dann über 9000, war mein erster Impuls zu sagen: Sorry, aber was habt ihr denn gedacht? Das Virus lasse sich durch eine pfiffige BAG-Kampagne abschrecken? Oder durch den Föderalismus? Weil für die Schweiz immer andere Regeln gelten? Doch in der nächsten Sekunde hasste ich mich für diesen Zynismus, weil de facto Menschen schwer erkranken, sogar sterben.

VII

Was mir wirklich Sorgen macht, ist aber, dass wir, wenn das soziale Leben zum Erliegen kommt, noch mehr Zeit im Internet verbringen. Oder zumindest bei mir ist das so. Ich war nämlich selten so viel online wie in diesem Jahr. Zuerst wollte ich wissen, was Covid-19 ist, dann, was Aerosole sind, dann, wer Attila Hildmann ist. Ich holte mir Infos und blöde Lacher aus dem Netz. Ich amüsierte mich über Memes wie «Könnten wir die 6 Milliarden für die Kampfjets nicht in die Pflege investieren – und dafür für die Armee klatschen?». Und ich fragte mich, ob ich wohl anders über die Krise denken würde, wenn es keine Algorithmen gäbe.

VIII

Wenn wir schon bei unterschiedlichen Realitäten sind: Etwas, das mich auch beschäftigt, ist ein Tweet des britischen Kunstkritikers J. J. Charlesworth, der schrieb: «Es gab nie einen Lockdown. Nur Leute der Mittelklasse, die sich versteckten, während die Leute der Working Class ihnen Dinge vorbeibrachten.» Das ging mir nach, denn ich fühlte mich ertappt. Während etwa Amazon im ersten Quartal dieses Jahres 26 Prozent mehr Gewinn machte als im selben Quartal 2019, wurde im Oktober bekannt, dass sich allein in den USA mehr als 20’000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Amazon-Warenlager mit dem Virus angesteckt haben. Zwanzig-fucking-tausend. Die Zumutungen sind gerade besonders ungleich verteilt. Jedes soziale Privileg wächst mit dem Virus exponentiell, jede Benachteiligung ebenso.

IX

Dazu kommt noch: Einen grossen Unterschied, den ich zum Frühjahr beobachte, ist, dass damals das Hauptgefühl eine diffuse Angst war und jetzt der Verdruss überwiegt (man nennt das offenbar auch: pandemic fatigue). Niemand hat mehr Lust auf diesen Scheiss. Niemand sagt noch: Irgendwie tut die Entschleunigung ganz gut. Oder: Ich habe jetzt endlich Zeit, mir jeden Abend einen Soba-Nudeln-Auberginen-Salat nach Ottolenghi zu kochen. Nur: Wie gehen wir mit diesem Overkill um? Was tun wir dagegen, dass sich die Zukunft wie ein perspektivloses, graues Zeitknäuel anfühlt?

Manchmal neige ich zu Fatalismus, aber ich denke nun schon: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es mich erwischt.

Und: Im Gegensatz zur ersten Welle wirkt das Virus nun richtig real. Während im Frühjahr (für Privilegierte wie mich) einfach Shutdown war, heisst es jetzt: Nina, deine Lesung ist abgesagt, weil eine der Veranstalterinnen positiv getestet wurde. Oder Freundinnen schreiben mir: «Mein Chef hat Covid. Und ich war im LIFT mit ihm!» Manchmal neige ich zu Fatalismus, aber ich denke nun schon: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es mich erwischt. Dabei habe ich nicht mal Kinder, die zur Schule gehen. Oder einen Job, für den ich pendeln muss.

X

Die grösste Angst bei mir – wie bei vielen anderen wohl auch – ist aber die Angst um betagte Familienangehörige. Und nicht nur, was das Risiko durch das konkrete Virus angeht. Mit meiner Grossmutter rede ich zum Beispiel viel über die Isolation von Seniorinnen und Senioren. Ich glaube, der Shutdown im Frühjahr war grauenhaft für meine Grossmutter, aber sie gibt sich stark und will mich nicht beunruhigen. Doch manchmal sagt sie Sätze wie: «Wenn ich lange niemanden sehe, entferne ich mich von der Welt, vom Leben.» Dann stockt mir der Atem.

Die Fragen, die ich mir daher stelle, sind: Wie schützen wir die Menschen in der Risikogruppe, ohne sie einzusperren? Wie gehen wir damit um, dass sich die einen neurotisch die Hände waschen, während andere meinen, Corona sei eine Lüge? Und wie können wir uns immer wieder auf eine neue Lage einstellen, ohne zugleich auszubrennen? Das wird ein wirklich anstrengender Winter. 

Nina Kunz ist «Magazin»-Kolumnistin. redaktion@dasmagazin.ch

22 Kommentare
    François Derron

    Vielen Dank an Nina Kunz für diesen wertvollen Beitrag im Magazin. Sie sind so schön und treffend beschrieben die Gedanken und Gefühle inmitten der Pandemie und sie stehen stellvertretend für weite Teile der Bevölkerung.

    Diejenigen die überzeugt sind Gefühlsresistenz und Ignoranz sei der richtige Weg der Pandemie zu begegnen, denen sei ihre Einstellung gegönnt. Sie haben im gerade abgewählten Blondschopf ein leuchtendes Vorbild und mit ihm die wunderbarste und beste Anleitung, wie eine Pandemie erfolgreich bekämpft werden muss. 10 Millionen Infizierte und 240‘000 Tote sind doch Beweis genug, oder etwa nicht?